Studie Antidepressiva bringen langfristig nicht mehr Lebensqualität

Antidepressiva werden oft zur Behandlung von Depressionen eingesetzt. Eine aktuelle Studie lässt Zweifel daran aufkommen, ob sie langfristig die Lebensqualität verbessern. Es gibt aber auch Kritik an der Studie.

Eine Frau nimmt ein Antidepressivum
Kurzfristig können Antidepressiva dabei helfen, wieder einen normalen Alltag zu gestalten. Bildrechte: Colourbox.de

Achtung! Im folgenden Text geht es um Suizid, Depression und Angstzustände. Wenn Sie Sorgen, Depressionen oder Suizidgedanken haben, wenden Sie sich an die Telefonseelsorge unter 0800/111 0 111. Weitere Hilfetelefonnummern und Adressen finden Sie am Ende des Artikels.

Für die Psychotherapie sind Antidepressiva ein wichtiger Baustein, um Depressionen zu behandeln. Bei mittelschweren bis schweren Verläufen sollen sie die Beschwerden lindern. Dabei geht es zum Beispiel um Niedergeschlagenheit oder starke Erschöpfung. Außerdem sollen die Medikamente den Betroffenen helfen, wieder einen normalen Alltag zu gestalten, innere Unruhe, Angst oder Schlafstörungen lindern und Gedanken an Suizid verschwinden lassen.

Antidepressiva verbessern die Verfügbarkeit von Botenstoffen im Gehirn

Antidepressiva wirken, indem sie die Verfügbarkeit bestimmter Botenstoffe im Gehirn verbessern, beispielsweise Serotonin. Wie hilfreich sie allerdings sind, wenn es darum geht, das Wohlbefinden der Patientinnen und Patienten zu verbessern, ist umstritten. Eine aktuelle Studie der King Saud University kommt nun zu dem Ergebnis, dass eine Langzeittherapie mit Antidepressiva das allgemeine Wohlbefinden und die gesundheitsbezogene Lebensqualität der Patienten nicht verbessert.

Gesundheitsbezogene Lebensqualität Die gesundheitsbezogene Lebensqualität (Health-Related Quality of Life, kurz HRQoL) ist ein Konstrukt, das mehrere Komponenten umfasst. Eine feste Definition gibt es nicht, aber meistens werden körperliche, psychologische familiäre, soziale oder arbeitsbezogene Faktoren berücksichtigt. Für die Medizin ist dieser Begriff eine Erweiterung: Es geht nicht mehr länger nur um körperliche Befunde, sondern auch darum, wie es den Patientinnen und Patienten darüberhinaus geht.

Keine bessere Lebensqualität bei Antidepressiva

Omar Almohammed und sein Team untersuchten mithilfe des "Medical Expeditures Panel“ – einer repräsentativen Gesundheitsbefragung in den USA, die die gesamte Bevölkerung repräsentieren soll – wie sich die gesundheitsbezogene Lebensqualität bei Menschen entwickelte, bei denen eine Depression diagnostiziert wurde. Die Forschenden unterschieden in zwei Gruppen: Menschen, die infolge der Depression Antidepressiva verschrieben bekommen hatten und Menschen, die keine Antidepressiva verabreicht bekamen.

Die Erkenntnis der Studie: Die 57 Prozent der Studienteilnehmer, die Antidepressiva erhielten, hatte keine stärkere Verbesserung ihrer Lebensqualität, als die 43 Prozent, die keine derartigen Medikamente erhielten. Es gab also keine statistisch signifikanten Unterschiede hinsichtlich der gesundheitsbezogenen Lebensqualität – unabhängig davon, ob die Patientinnen und Patienten ein Antidepressivum eingenommen hatten.

Unterschiedliche Schweregrade der Depression ignoriert

Das klingt zunächst nach einer sehr überraschenden Erkenntnis, die die Art, wie wir Depressionen behandeln, verändern könnte. Es gibt allerdings auch Einschränkungen und Kritik an der Studie. Zum einen von den Forschenden selbst: Im Rahmen der Studie wurden Gruppen mit unterschiedlich schweren Depressionen nicht getrennt betrachtet. Es könnte also beispielsweise sein, dass sich in einer Gruppe von Menschen mit sehr starken Depressionen durchaus ein Unterschied feststellen lässt – je nachdem, ob die betreffenden Personen Antidepressiva nehmen oder nicht.

Psychotherapie kann einen Unterschied machen

Eva-Lotta Brakemeier ist Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie sowie Direktorin des Zentrums für Psychologische Psychotherapie der Universität Greifswald. Sie kritisiert, dass die Studie nicht berücksichtigt, ob die betreffenden Personen gerade wegen ihrer Depression eine Psychotherapie machen: "Bezüglich der Konzeption des Studiendesigns hätte beachtet werden müssen, dass ein beträchtlicher Anteil der Teilnehmer:innen aus beiden Gruppen eine Psychotherapie absolviert, da auch in den USA die Durchführung einer Psychotherapie als Mono- oder Kombinationstherapie verbreitet ist."

Weil eine Psychotherapie wiederum nachweislich wirksam sei, hätte man diese Variable unbedingt überprüfen müssen, so Eva-Lotta Brakemeier.

Ähnliche Effekte in randomisierten Studien

Tom Bschor, Facharzt für Psychatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus und der TU Dresden, findet, dass diese Studie eine interessante Beobachtung stützt: Auch in randomisierten Antidepressiva-Studien gäbe es lediglich kleine Effekte auf die Lebensqualität, die allenfalls in den ersten zwei bis drei Monaten auftreten. Sollten nun auch die Ergebnisse anderer randomisierter und populationsbezogener Studien zum gleichen Ergebnis kommen, gäbe das einen wichtigen Hinweis für die Realität.

Bisher nur kurzfristige Wirksamkeit nachgewiesen

Frühere Studien zur Wirksamkeit von Antidepressiva hatten bereits zum Ergebnis gehabt, dass die Medikamente kurzfristig wirksamer als ein Placebo sind. Besonders interessant ist allerdings, dass Antidepressiva in Kombination mit einer Psychotherapie deutlich wirksamer sind, als lediglich Antidepressiva oder lediglich Psychotherapie alleine.

Bschor betont: "Auch wenn es kein direktes Ergebnis ihrer Studie ist, weisen die Autoren am Ende ihrer Publikation zurecht darauf hin, dass Ärztinnen und Ärzte eine stärkere Zurückhaltung bei der medikamentösen Behandlung von Depressionen zeigen sollten, nicht nur wegen des fehlenden Effekts auf die Lebensqualität, sondern da sich die Befunde mehren, dass die Verordnung von Antidepressiva langfristig zu einer Verschlechterung des Krankheitsverlaufes mit Chronifizierung und häufigeren Rückfällen der Depression und in der Folge der Notwendigkeit einer Dauerverschreibung von Antidepressiva führt." Deshalb müsse man andere Behandlungsmöglichkeiten wie Psychotherapie, Hilfe zur Selbsthilfe, Aufklärung, Tagesstrukturierung und soziale Unterstützung einsetzen - das sehe er auch so.

Die Studie zum Nachlesen

Die Studie "Antidepressants and health-related quality of life (HRQoL) for patients with depression" ist im Fachmagazin PLOS ONE erschienen.

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