Brustkrebs Diagnose Krebs: Wie geht man mit der Angst vor dem eigenen Tod um?

MDR WISSEN Podcast-Host Daniela, 35 Jahre, steht vor ihrer bislang härtesten Challenge: Im Frühjahr ist bei ihr Krebs diagnostiziert worden. Ein fieser, fetter Klumpen inmitten ihrer Brust. Unweigerlich ist sie nun plötzlich mit der Endlichkeit des Lebens konfrontiert. Und das macht ihr eine Scheißangst! Inmitten ihrer Behandlung und Therapie sucht Daniela nach Tipps, Tricks und Strategien, wie wir lernen können, damit umzugehen, wenn die Angst vor dem eigenen Tod plötzlich ganz konkret wird.

Die nüchterne Wahrheit ist: Wir alle werden irgendwann sterben. Doch solange in unserem Leben alles rundläuft, beschleicht uns die Angst vor dem eigenen Tod nur selten. Und wenn, verdrängen wir sie nur allzu gern. Und dann knallt plötzlich eine unerwartete Nachricht in unser Leben. So auch bei Podcast-Host Daniela. Diagnose: Brustkrebs.

Mein erster Gedanke: Scheiße, ich habe eine Krankheit, an der ich vielleicht sterben werde. Sterben? Ich? Bald?

Die Reaktionen auf eine solche Nachricht oder Diagnose erlebt Urs Münch in seiner täglichen Arbeit als Psychoonkologe in den DRK-Kliniken Berlin-Westend sehr unterschiedlich. Einige Menschen sind zutiefst verunsichert, haben das Gefühl, dass ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Andere reagieren mit Wut. Und manche bleiben erstaunlich lässig, weil sie insgeheim vielleicht schon damit gerechnet haben. Welche Emotionen und Reaktionen tatsächlich aufkommen, kann letztlich niemand vorhersagen.

Zwischen Angst und Überforderung

Psychologischer Psychotherapeut und Psychoonkologe Urs Münch im Portrait.
Für Psychoonkologe Urs Münch ist eine entscheidende Frage: Finde ich eine innere Haltung – zum Leben, aber auch zum Tod? Bildrechte: MDR/DRK-Kliniken Berlin-Westend

"Diese stark ausgeprägte Angst sorgt dafür, dass ich mich in den emotional basaleren Gebieten aufhalte und die Großhirnrinde gar nicht wirklich in Funktion treten kann", erklärt Diplom-Psychologe Münch, der auch Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) ist. "Das heißt, ich bin sehr mit dem 'Wie komme ich irgendwie durch den Moment?' beschäftigt und kann gar nicht auf das zurückgreifen, was ich an Erfahrungswissen habe, was mir vielleicht bei einem ruhigeren Nachdenken hilfreich sein kann."

In diesen Momenten funktioniert all das nicht, wir sind überfordert und unser sonst so klarer Verstand ist vernebelt. "Ich kann weder gucken, was tut mir gut. Noch kann ich wirklich gut Entscheidungen treffen oder Dinge abwägen, was ja in dem Moment alles ansteht, wenn ich erstmal in so einer Situation bin."

Die schlimmen Dinge passieren immer nur den anderen, aber mir doch nicht. Und auf einmal bin ich selbst in so einer Situation.

Urs Münch, Psychoonkologe in den DRK-Kliniken Berlin-Westend

Also gerade in jener Situation, in der wir eigentlich einen kühlen Kopf bewahren sollten, funktionieren wir nicht, unsere inneren Schaltkreise sind wie ausgeknipst. Deshalb sei es wichtig, das Gehirn wieder in einen arbeitsfähigen Zustand zu versetzen. Und auch wenn das zunächst etwas profan klingen mag, hier kann beispielsweise auch Spazierengehen helfen oder Singen. Es gehe einfach darum, die Hirnstimulation wieder anzukurbeln und in Balance zu bringen.

Und doch gibt es Momente, wo diese Angst nicht einfach wegzumachen ist. "Dann ist Trost – auf eine angemessene Art und Weise – was sehr hilfreiches", so Münch. "Oder eben einfach präsent sein, da sein und das mit diesem Menschen zusammen auszuhalten, was dieser oder diese gerade selbst nicht alleine aushalten kann." Und: In der Regel flaut die Angst in solch akuten Situationen auch wieder ab. Denn der Körper hat ab einem gewissen Punkt einfach keine Panik-Reserven mehr, er ist ausgespielt und beruhigt sich automatisch.

Eine Haltung finden – zum Leben und zum Tod

Und dann, was folgt auf den ersten Schock? Für Psychoonkologe Urs Münch geht es vor allem die Frage, ob es uns gelingt, eine innere Haltung zu entwickeln, denn die kann natürlich hilfreich sein und durch so eine Situation tragen. "Bleibe ich in dieser Schmerz-Haltung, dass ich sage: Das tut einfach nur weh. Oder kann ich sagen: Okay, ich habe mir vieles anders gewünscht. Kann ich für mich irgendwie eine Form finden, mit mir selber und dem eigenen Leben einen zu Frieden finden oder ins Reine kommen?" Auch hier gilt natürlich wieder: Das kann bei jedem Menschen anders ablaufen, manchen gelingt das schneller, andere brauchen mehr Zeit dafür.

Der Tod ist ja kein Schalter. Also es ist nicht so: Zack, an, aus, lebendig, tot. Sondern Sterben ist ein Prozess.

Roland Schulz, Journalist und Autor

Doch viele Menschen haben nicht nur Angst vor dem Sterben, sondern auch vor dem Tod an sich. Besonders Menschen, die mit Spiritualität nichts anfangen können, die keiner Religion folgen oder an eine höhere Macht glauben, stehen angesichts des Todes vor der Frage: Was kommt eigentlich danach?

Journalist und Autor Roland Schulz im Portrait.
Was passiert, wenn wir sterben? Journalist Roland Schulz hat ein eindringliches und schonungslos ehrliches Sachbuch über das Sterben geschrieben. Bildrechte: MDR/Dirk Bruniecki/Piper Verlag

"Und die Aussicht, dass natürlich einfach gar nichts kommt, dass ihr Körper, dieses komplexe Gebilde, was sie all die Jahre gepflegt und genährt haben und das ganze Wissen, was sie in sich reingeschaufelt haben, die Sprache, die sie gelernt haben, die Erfahrungen, die sie gemacht haben, das all das einfach aufhört und dann zerfällt – das ist natürlich eine Aussicht, die extrem Angst machen kann", sagt Journalist und Autor Roland Schulz, der ein Sachbuch über das Sterben geschrieben hat.

Der Tod ist die größte Kränkung unseres Egos

Wenn all das, was wir als Mensch in unserem Leben gelernt, geleistet, geschaffen und erlebt haben, von einem auf den anderen Moment weg sein soll, dann tun wir uns sehr schwer, einen Umgang damit zu finden. Wir nehmen uns in dieser Hinsicht sehr wichtig. Vielleicht auch zu wichtig. Der Tod wird zur größten Kränkung unseres Egos, so Schulz.

Die Menschen fragen: Warum ich? Warum jetzt? Und die ganz nüchterne Antwort ist: Warum nicht jetzt? Und warum Du denn nicht?

Roland Schulz, Journalist und Autor

Doch was viele von uns vergessen und verdrängen: Wir alle werden irgendwann sterben. Und es sind ja bislang auch alle gestorben, stellt Schulz pragmatisch fest: "Wenn Sie sich jetzt überlegen, als Sie ein kleines Kind waren: Jeder Mensch, den Sie damals als alt begriffen haben, der ist jetzt tot. Jeder einzelne dieser Menschen, die sie damals gesehen haben, erlebt haben, alle diese Menschen sind inzwischen gestorben! Warum sollten Sie diejenige sein, die nicht stirbt?"

Ein Grund mehr, sich zu fragen, warum wir im Wissen um unsere eigene Endlichkeit nicht permanent durchdrehen und wahnsinnig werden. Wie stark ist unser Körper, wie resistent unsere Psyche, dass sie das aushalten?

Das Streben nach symbolischer Unsterblichkeit

Auch die Sozialpsychologie kennt mehrere Mechanismen, mit denen unsere Psyche eine Art "Angstpuffer" zwischen uns und unseren eigenen Tod zu bauen versucht. Der prominenteste Ansatz ist dabei wohl die Terror-Management-Theorie: Wir erschaffen oder suchen nach einem kulturellen Weltbild, das uns aufzeigt, welche Art von Leben für uns erstrebenswert ist. Das kann so ungefähr alles sein: einer Religion folgen, Kinder bekommen, eine bestimmte Ernährungsform leben, möglichst viel Geld verdienen usw.

Indem wir an dieses Weltbild glauben, uns diesem entsprechend verhalten, wir einen aktiven Beitrag dazu leisten und es mit anderen teilen, geben wir uns selbst das Gefühl, etwas zu hinterlassen, das uns als menschliches Wesen überdauert, das größer ist als wir selbst. Und dieses Streben nach der sogenannten "Symbolischen Unsterblichkeit" verleiht unserem Alltagsleben Sinn und Struktur, wir fühlen uns wertig, aufgehoben und geborgen und können dadurch mit der Gewissheit des eigenen Todes besser umgehen.

Am sinnvollsten ist ein Weltbild, das uns ganz klar zeigt: So ist es und nicht anders. Das funktioniert für uns. Aber, und da sind wir bei der Kehrseite der Medaille, solche dogmatischen Weltbilder bergen einfach auch ein extremes Konfliktpotenzial.

Simon Schindler, Sozialpsychologe an der Leuphana Universität Lüneburg

Das eigene Weltbild mit allen Mitteln verteidigen

Sozialpsychologe Simon Schindler von der Leuphana Universität Lüneburg hat beispielsweise untersucht, wie uns Religion im Angesicht der eigenen Sterblichkeit Schutz bieten kann, aber auch welche Folgen das hat. Denn sind wir mit dem Tod konfrontiert, steigt die Motivation, das eigene Weltbild vehement zu verteidigen und nach Selbstwert zu streben. "Und alles, was das eigene Weltbild angreift, finde ich – im Sinne der sogenannten Mortalitätssalienz-Hypothese – scheiße. Und alles, was das eigene Weltbild unterstützt, finde ich toll." Wir versteifen uns also in solcherlei Situationen auf unsere Überzeugungen und vertiefen damit im schlimmsten Fall die Gräben zwischen Menschen.

Sozialpsychologe Simon Schindler im Portrait.
Sozialpsychologe Simon Schindler erforscht unter anderem, was die Gewissheit des Todes mit uns Menschen macht. Bildrechte: MDR/Simon Schindler

Einen Haken hat die ganze Sache aber: Auch wenn die Terror-Management-Theorie nach ihrer Veröffentlichung Ende der 1980er-Jahre mehrfach analysiert und getestet wurde, so lassen sich diese Ergebnisse in heutigen Studien nicht mehr bestätigen. Warum das so ist, ist bislang unklar. "Das ist das Interessante an Forschung, sie ist ihrem Wesen nach immer vorläufig", erklärt Schindler, der dieser Frage gerade nachgeht. "Als Forscher würde ich eben sagen: Ja, wir wissen es vielleicht noch nicht so gut, aber es ist das beste, dass wir haben. Aktuell sehe ich keine bessere Theorie."

Der Tod lässt sich nicht kontrollieren

Sterben und Tod sind unumgänglich, für jeden von uns. Und doch wissen wir immer noch viel zu wenig darüber. "Also da wird es immer irgendetwas geben, was wir nicht wissen können. Es entzieht sich einfach dem menschlichen Begreifen. Und ich glaube, das muss man ein Stück weit akzeptieren, dass es ein absolutes Wissen, eine absolute Sicherheit im Sterben und Tod nicht geben kann."

Gerade deshalb sei es gut, so Roland Schulz, sich mit seinem eigenen Sterben und seinem eigenen Tod auseinanderzusetzen, so oft und offen, wie möglich, darüber zu reden und damit das Thema weiter zu enttabuisieren.

Letzten Endes ist Sterben und Tod immer wie von einem Schleier bedeckt.

Roland Schulz, Journalist und Autor

In seinem Buch "So sterben wir: Unser Ende und was wir darüber wissen sollten" bricht Schulz Tabus des Todes und nimmt die Leserinnen und Leser mit auf die letzte Reise: Er beschreibt, was wir während unserer letzten Tage und Stunden erleben, er verfolgt die Reise des Körpers von der Leichenschau bis zur Bestattung und fragt schließlich, was Sterben und Tod für diejenigen bedeutet, die zurückbleiben.

Und doch stellt auch Schulz fest: "Wer sterben zu erklären versucht, der erzeugt ein Gefühl des Wissens. Und aus diesem Gefühl des Wissens entsteht dann ein Gefühl der Kontrolle. Doch dieses Gefühl der Kontrolle ist eine Illusion. Denn, wenn Sterben eines ist, auf das sich alle einigen können, dann, dass Sterben das Gegenteil von Kontrolle ist."

Wir kriegen mehr hin, als wir glauben

Der Tod berührt all unsere Lebensbereiche, durchdringt alles. Und letztlich lässt er sich nicht kontrollieren. Das zu akzeptieren, ist verdammt schwer, weiß auch Psychoonkologe Urs Münch. In seiner täglichen Arbeit trifft er auch immer wieder auf schwer- und todkranke Menschen, die lange Zeit im Krankenhaus liegen, ohne dabei wirklich Licht am Horizont zu sehen.

Und doch: "Natürlich ist eine gute medizinische Unterstützung und psychosozial-spirituelle Unterstützung hilfreich und gut, so sie eben auch an meine Bedürfnisse angepasst ist und denen entgegenkommt", stellt Münch fest. "Aber ich lerne in den Situationen eigentlich, dass ich und mein Organismus doch eine ganze Menge mehr hinkriegen, als ich vielleicht so denken würde."

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