Petition übergeben Streit in Erfurt-Urbich: Ackerland oder Gewerbepark

MDR-Autorin Antje Kirsten
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Seit zehn Jahren soll in Erfurt-Urbich ein neues Gewerbegebiet entstehen. Entwickelt wird es von der Landesentwicklungsgesellschaft für die Stadt. Ansiedeln sollen sich vor allem Technologieunternehmen. Doch gegen das Bebauen von 48 Hektar Ackerland regt sich ebenfalls seit fast zehn Jahren Widerstand. Nun gibt es eine Petition, die mehr als 3.700 Menschen unterschrieben haben. Am Montag wurde sie dem Petitionsausschuss des Thüringer Landtags übergeben.

 Sechs Personen mit Mundschutz stehen auf einem verschneiten Feldweg.
Seit mehreren Jahren kämpfen Anwohner, Ortsteilbürgermeister Peter Fitzenreiter und Sympathisanten von "Fridays for Future" gegen ein neues Gewerbegebiet in Erfurt-Urbich. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

URB 368. Das klingt wie aus dem Film "Star Wars". Und mit Zukunft hat es zu tun. URB 368 ist das Kürzel für ein geplantes Gewerbegebiet in Erfurt-Urbich. Seit 2011 will die Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) dort aus Ackerland einen Technologiepark machen. Nahezu genauso lang wehren sich die Anwohner gegen die Baupläne.

Doch gegen Gutachten und Stadtratsbeschlüsse kamen sie bislang nicht an. Ihre Argumente, dass die Frischluftzufuhr sowohl für den Ortsteil als auch für die Innenstadt von Erfurt massiv gestört würden, dass hochwertiger Boden versiegelt werde und es doch genügend andere Brachflächen gebe, die zunächst zu entwickeln wären, haben das Projekt bisher aber nicht ins Wanken gebracht.

Die Petition fordert nun, dass das Land Thüringen als Eigner der LEG diese stärker in die Pflicht nimmt. Sie soll ihre Geschäftsausrichtung so ändern, dass sie den politischen Willensbekundungen des Freistaates entspricht - die da lauten: Flächenverbrauch stoppen und Siedlungen an klimatische Veränderungen anpassen. Am Beispiel des geplanten Gewerbegebietes URB 368 würden, sagt Ortsteilbürgermeister Peter Fitzenreiten, alle vorherigen Nullversiegelungs- und klimagerechte Stadtentwicklungsstrategien von Land und Stadt nicht beachtet. Das Gebiet entstehe auf einem der fruchtbarsten Böden Deutschlands.

Verschneite Felder
Im Erfurter Ortsteil Urbich wollen Stadt und Landesentwicklungsgesellschaft rund 50 Hektar Ackerland zu einem Technologiepark entwickeln. Dieses Jahr soll der Erfurter Stadtrat darüber entscheiden. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

Ortsteilbürgermeister Fitzenreiter: "Ackerland erhalten"

Im Dezember haben die Urbicher deshalb eine Petition gestartet. Binnen weniger Wochen kamen mehr als 3.700 Unterschriften zusammen. 1.500 wären nötig gewesen. "Das zeigt doch, wie viele Menschen sich dafür einsetzen, dass wertvolles Ackerland erhalten bleibt", sagt Ortsteilbürgermeister Peter Fitzenreiter.

Die Petition wird vom Ortsteilrat, dem Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland, Mitgliedern der Bewegung "Fridays for Future", dem Thüringer Bauernverband und der Fraktion Mehrwertstadt des Erfurter Stadtrates gemeinsam getragen. Auf der Petitionsplattform haben online auch Personen aus anderen Bundesländern unterzeichnet.

Kritiker verweisen auf andere Brachflächen in Erfurt

Seit der ersten Bürgerversammlung im Jahr 2013 gibt es in Urbich massiven Widerstand gegen den geplanten Technologiepark. "Wir haben seit dieser Zeit versucht, mit der Landesentwicklungsgesellschaft und der Stadt zu reden, damit sie von den Plänen ablassen", so Fitzenreiter. "Ackerland wie in Urbich bindet CO2, wenn die Böden versiegelt werden, ist das nicht mehr möglich. Und es handelt sich um einen Kaltluftkorridor für Urbich, der zumindest deutlich kleiner würde", sagt Marvin Volk von "Fridays for Future".

Ein Hauptargument der Gegner von URB 368 ist, dass Erfurt doch genügend Brachflächen habe, die es zu entwickeln gilt. "Wir haben Brachflächen, die tatsächlich über das gesamte Stadtgebiet verteilt sind", sagt Wirtschaftsdezernent Steffen Linnert und zeigt auf eine große Karte in seinem Rathausbüro. "Nur sind sie in vielen Fällen sehr problematisch. Sie sind mit Altlasten belastet, oft zu klein, zu schlecht geschnitten, oft sehr teuer. Sie sind teilweise nicht nutzbar."

Das Gewerbegebiet in Urbich ist deshalb das einzige, das in der Landeshauptstadt aktuell entwickelt wird. Eines an der Bernauer Straße ist zwar auf Linnerts Plan schon mal rot angemarkert, aber hat einen Zeithorizont von zehn bis 20 Jahren. "Es geht uns bei der Wirtschaftsentwicklung - und da reden wir auch über Steuereinnahmen - nicht um die Teslas und CATLs dieser Welt, sondern um Unternehmen, die schon ansässig sind und sich erweitern wollen. Ihnen müssen wir Flächen anbieten." Für große Industrieansiedlungen habe Erfurt ohnehin keine freien Flächen.

13 Gewerbegebiete in Erfurt

Die Landeshauptstadt hat nach Stadtangaben 13 Gewerbegebiete ausgewiesen. Die größten sind das Güterverkehrszentrum in Linderbach und das Internationale Logistikzentrum in Stotternheim mit 300 Hektar Fläche. Davon seien nur noch zwölf Hektar frei. "Urbich ist wichtig für Erfurt", so Linnert. Es wäre das erste Gewerbegebiet, das in Erfurt seit über zehn Jahren wieder erschlossen wird.

"So lange haben wir noch nie ein Gewerbegebiet entwickelt", sagt Andreas Krey, Sprecher der LEG. Die LEG hat einen Großteil der Flächen gekauft, mehrfach umgeplant und die Einsprüche der Anwohner berücksichtigt. "Es werden von 48 Hektar nur noch 30 bebaut." Es bleibt, so Krey, mehr Grün und die Abstände zur Wohnbebauung werden größer. "Für einen Privatinvestor würde sich die Erschließung schon kaum noch lohnen", räumt Krey ein. Er rechnet mit rund 30 Millionen Euro Kosten. "Hier aber geht es um Wirtschaftsförderung."

LEG rechnet mit bis zu 700 neuen Arbeitsplätzen

Im Einklang mit der Landesregierung gehe es hier um einen Wirtschaftskorridor entlang der Autobahn. Urbich liegt nahe der A4, ist per Straßenbahn an den öffentlichen Nahverkehr angeschlossen und soll Hochtechnologiejobs in Erfurt halten und bestenfalls auch neue bringen.

"Ja, es wird Ackerland verdichtet. Aber hier soll sich moderne Technologie ansiedeln. Auch in der abgespeckten Variante werden es noch zwischen 500 und 700 Arbeitsplätze sein", so Krey. Ursprünglich war von rund 1.000 Arbeitsplätzen ausgegangen worden. Das Argument der Gegner, hier werde wertvolles Ackerland versiegelt, sei durchaus beachtet und mehrfach auch in Gutachten abgewogen worden.

Erfurter Stadtrat hat das letzte Wort

Nur, so Krey, sei das eben ein Abwägungsprozess. "Für uns sprechen die Arbeitsplätze. In der Landwirtschaft haben sie auf 100 Hektar einen Arbeitsplatz, in der Industrie auf 100 Hektar bis zu 1.000 Arbeitsplätze." Diese Abwägung muss die Stadt, der Stadtrat treffen.

Namen von Investoren, die sich in Urbich ansiedeln wollen, will der LEG-Sprecher im jetzigen Planungsstadium nicht nennen. "Das wäre unseriös." Erst müsse klar sein, ob Urbich kommt oder nicht. Der Entwurf sei jetzt nahezu fertig und werde in diesem Jahr zur endgültigen Entscheidung in den Stadtrat gehen. Der hat dann das letzte Wort. "Wir können das nach so einem langen Planungsprozess nicht weiter vor uns herschieben", meint auch Linnert.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 19. Januar 2021 | 19:00 Uhr

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