Thüringen Neues Gesetz zur Kindertagesbetreuung verschärft Personalproblem

Ein Erzieher, maximal 14 Kinder. Ab August ändert sich der Betreuungsschlüssel für die Vier- bis Fünfjährigen. Die Betreiber benötigen noch mehr Personal. Allein 4.500 neue Pädagogen müssten eingestellt werden, um schon jetzt die Erzieher zu ersetzen, die künftig in Ruhestand gehen.

Gummistiefel stehen im Regal einer Kindertagesstätte.
Gummistiefel stehen in einem Regal in einem Kindergarten. Der Paritätische Wohlfahrtsverband fordert, die Erzieher-Ausbildung zu verkürzen, um dem Personalmangel entgegenzuwirken. Bildrechte: dpa

Schon die Corona-Pandemie fordert die Kindergärten. Hygienekonzepte müssen umgesetzt werden, Erzieher sind an feste Gruppen gebunden. In der Ferienzeit müssen mehr Kinder betreut werden als in den Vorjahren. Gleichzeitig nehmen viele Erzieher ihren Jahresurlaub. Auf Betreiber von Kindergärten in Thüringen kommt mit dem neuen Kindertagesbetreuungsgesetz noch zusätzlicher Bedarf an Personal hinzu. Ab 1. August soll ein Erzieher oder eine Erzieherin im Freistaat nur noch 14 Kinder im Alter von vier bis fünf Jahren betreuen. Bisher waren es 16 Kinder.  

Betreiber von Kindergärten haben nicht mehr nur in ländlichen Regionen Probleme, ausreichend Erzieher zu finden. Die Not wird größer, sagt Reimund Schröter, Referent für Kindertageseinrichtungen beim Paritätischen Wohlfahrtsverband. Er kennt Kindergärten, in denen bis zu fünf Erzieher fehlen. Mit Blick auf den geplanten Regelbetrieb ab 31. August brauche es Assistenzkräfte, die Erzieher bei ihren Aufgaben unterstützen, so zum Beispiel beim Vor- und Nachbereiten der Mahlzeiten, Anziehen der Kinder und der Desinfektion der Räume. Eine Kindergartengruppe allein führen dürften sie aber nicht, sagt Schröter.

Sein Verband fordert schon lange die fünfjährige Ausbildung zum Erzieher zu verkürzen. Außerdem sollten Gebühren und Schulgeld abgeschafft und staatliche Berufsschulen unterstützt werden. Zudem müsste die dreijährige praxisintegrierte Ausbildung (Pia) dauerhaft bezahlt werden, fordert Schröter. Dieses Modellprojekt finanziert der Bund nur noch bis Ende 2022.   

Bedarf an Erziehern wächst

Die Mehrheit der Erzieher kann die zusätzlichen Stunden, die durch das neue Kindertagesbetreuungsgesetz entstehen, in und außerhalb der Gruppe noch leisten, sagen Experten der Gewerkschaft Bildung und Erziehung. Sie verweisen aber darauf, dass rund 4.500 neue Pädagogen eingestellt werden müssten, um die künftigen Rentner zu ersetzen. Laut einer Studie zur Fachkräftesituation in Thüringer Kindertageseinrichtungen der Friedrich-Schiller-Universität Jena steigt die Zahl der in Ruhestand gehenden Erzieher an, während zugleich weniger Erzieher ausgebildet werden. 

Freitag ist Äpfelchen-Tag. Die kleinsten Kindergartenkinder machen sich dafür immer auf den Weg zu Oma Vroni. Das ist inzwischen Tradition. Vronis Tochter Jeanette ist Erzieherin im Kindergarten und Oma Vroni hat einen Apfelbaum im Garten. Für den kurzen Ausflug hält sich Vroni jeden Freitag Vormittag frei und erfreut sich an den Kleinen.
Noch könne die Mehrheit der Erzieher das Plus an Stunden leisten, so Experten. Fraglich ist jedoch, für wie lange. Bildrechte: MDR/Jana Eschrich

Der Studie zufolge wird sich der Engpass an Personal in den Kindergärten bis zum Jahr 2030 verschärfen. Gründe sind demnach steigende fachliche Anforderungen bei niedrigen Personalschlüsseln und hohen krankheitsbedingten Ausfällen.

Eltern bekommen Beiträge für 24 Monate erlassen   

Mit dem neuen Kindergartengesetz ändert sich neben dem Betreuungsschlüssel ab dem 1. August 2020 auch die Beitragsfreiheit vor der Einschulung der Kinder. Statt bisher zwölf Monate sind nun 24 Monate für die Eltern beitragsfrei. Eltern sparen laut Berechnungen des Freistaats für beide Jahre rund 3.000 Euro. Das letzte Jahr vor der Einschulung war in Thüringen bereits kostenfrei. Nach bisherigen Schätzungen kostet das Land jedes beitragsfreie Kita-Jahr rund 30 Millionen Euro. Geld für das zweite kostenlose Jahr kommt vor allem vom Bund. Über das Gute-Kita-Gesetz sollen in den nächsten Jahren 142 Millionen Euro nach Thüringen fließen.

Finanziert wird mit dem Geld vom Bund auch das Modellprojekt "Vielfalt vor Ort begegnen - Multiprofessionelle Teams in Kindertageseinrichtungen mit komplexen Bedarfen". Es wird aber nicht wie geplant im August starten, weil die dafür notwendige Förderrichtlinie vom Bildungsministerium noch nicht vorliegt. Dafür gebe es noch Abstimmungsbedarf mit den Trägerverbänden, teilte Sprecher Felix Knothe MDR THÜRINGEN auf Anfrage mit. Laut Paritätischem Wohlfahrtsverband wissen Träger von Kindergärten noch nichts über das Antragsverfahren, welche Voraussetzungen sie erfüllen müssten und wie viele Stellen finanziert würden. 

Modellprojekt "Multiprofessionelle Teams" startet erst 2021   

Durch das Modellprojekt sollen in Kindergärten zusätzlich zu den Erziehern auch Sozialpädagogen, Heilpädagogen oder Therapeuten die Teilhabe von Kindern mit besonderen Bedarfen ermöglichen. Unterstützt werden sollen Kinder mit Migrationshintergrund oder aus einkommensschwachen Familien. Nach Angaben des Bildungsministeriums soll das Modellprojekt nach Absprache mit dem Bund zum 1. Januar kommenden Jahres in 130 Thüringer Kindergärten starten.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 01. August 2020 | 07:00 Uhr

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