30 Jahre Regionalmagazin Wie das "thüringen-journal" erfunden wurde

Ein Kalenderblatt zum 14. August 1990

Endlich Regionalfernsehen machen! Nur von jetzt auf gleich gar nicht so einfach. MDR-Reporter Marian Riedel aus Gera erinnert sich an die Anfänge des "thüringen-journal".

Historische Dokumente zum Start eines Fenseh-Regionalprogramms aus Thüringen
Vieles ist inzwischen geschrieben und dokumentiert worden über den medialen Wandel nach dem politischen Umbruch in der DDR.  Das Logo auf dem Aktenordner erinnert an das erste regionale Fernsehen in Thüringen, in dem vor 30 Jahren zum ersten Mal ein "thüringen-journal" ausgestrahlt wurde. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Heißer Start nach kurzer Vorbereitung

Der 14. August 1990 war in Gera ein Sommertag wie aus einem Ferienfilm: Sechs Tage hatte es nicht geregnet, die Quecksilbersäule stieg am Mittag auf über 28 Grad Celsius. Ein heißer Tag - gleich doppelt für ein kleines Fernseh-Macher-Team. Denn am Abend sollte im Programm des "thr" (also des DFF-Landessenders Thüringen) zum ersten Mal aus dem neuen Studio in Gera ein "thüringen-journal" gesendet werden.

Moderator des thr Marian Riedel vor 30 Jahren 9 min
Bildrechte: MDR Archiv

Ein Magazin von Thüringern für Thüringer - das ist auch nach 30 Jahren noch so. Ansonsten hat sich ziemlich viel getan, wie ein Blick zurück in die erste Sendung zeigt.

MDR FERNSEHEN Fr 14.08.2020 19:00Uhr 08:35 min

https://www.mdr.de/thueringen-journal/video-thueringen-journal-thr-rueckblick-jubilaeum-gera-100.html

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Viel Vorbereitungszeit gab es nicht für dieses neue Kapitel von Fernsehgeschichte in der DDR. Es war der demokratische Umbruch vom Herbst '89 gewesen, der auch das DDR-Fernsehen veränderte und endlich möglich machte, was es 40 Jahre lang nicht gab: regionale Programme.

Das Staatliche Komitee für Fernsehen hatte zwar in den 1970er-Jahren abgesegnet, dass es in allen Bezirken fest angesiedelte Korrespondenten geben soll - aber ihre Berichte für verschiedene Sendungen lieferten sie an die Zentrale nach Adlershof. Angesiedelt waren die Bezirkskorrespondenten bei der Chefredaktion der Aktuellen Kamera.

Per Fernschreiben tickerten im März 1990 Einladungen zu einem letzten gemeinsamen Termin: Die Bezirkskorrespondenten wurden verabschiedet. Und eine Ansage an sie hieß an diesem Tag: "Ihr wolltet doch immer regionale Sendungen! Dann macht jetzt welche…". Termin: in den nächsten Wochen!

Historische Dokumente zum Start eines Fenseh-Regionalprogramms aus Thüringen
Ein Stall voller Reporter: In Berlin wurden die Bezirkskorrespondenten verabschiedet. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Die Gesprächsrunde war in dem Gebäude angesetzt, dass im Adlershofer-Jargon "Schafstall" hieß. Und die Eingeladenen kamen sich auch ein bisschen wie Schafe vor: Wie sollte das gehen? In wenigen Wochen neue Sende-Ideen entwickeln, Personal finden und einschwören auf ein regionales Programm? Wie sollten die Angebote an die Zuschauer heißen? Und wie zu ihnen übertragen werden?

In Thüringen war die Situation nicht gerade rosig: Während es in Rostock, Halle und Chemnitz Studios gab, die sofort nutzbar waren, um Regionalfernsehen produzieren zu können, gab es im wieder entstehenden Land Thüringen nur die bisherigen Korrespondenten-Büros in Suhl, Erfurt und Gera - aber kein geeignetes Studio.

Bis im April ein heißer Tipp von einem Geraer kam. Er machte auf den mit hohen Betonwänden abgesperrten Stadtbereich aufmerksam, in dem sich die Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit abgeschottet hatte. Erst das Bürgerkomitee Gera sorgte im Zuge der Stasi-Auflösung dafür, dieses Areal zugänglich zu machen. Und dort stand ein versiegeltes nagelneues Haus. Ein Kulturhaus, das zur Wendezeit gerade erst fertiggebaut worden war.

Fernsehen in aller Öffentlichkeit - im zuvor abgeschotteten Areal

Weil es dieses Haus gab, fiel die Entscheidung, dort den neuen Landessender für Thüringen anzusiedeln.

Historische Dokumente zum Start eines Fenseh-Regionalprogramms aus Thüringen
Historisches Dokument des Deutschen Fernsehfunks: Das Thüringer Fernsehen soll aus Gera kommen. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Inzwischen hatte das Gründungsteam entschieden, was der "thr" sein soll: Ein Programm aus Thüringen für Zuschauer in Thüringen. Produziert in aller Öffentlichkeit. Gerade, weil das "thr"-Haus in Gera zuvor so abgeriegelt war.

Eine Idee damals: Bei Live-Sendungen darf Publikum dabei sein, Studio-Gäste müssen aber auch damit rechnen, etwas gefragt zu werden. Das Motto beim "thr" hieß "fernsehen mit herz" - die generelle Kleinschreibung auch auf dem Bildschirm wirkt heute etwas spleenig.

Ein Anliegen der Redaktion war es, bei den Sendungen keine weißen Flecken im Land zuzulassen. Die Thüringer aus allen Ecken und Winkel des Landes sollten sich wiederfinden. Deshalb wurde es zu einem Markenzeichen bei "thr", dass Dorfschilder und Orts-Durchfahrten dafür sorgten, nicht nur die Städte auf den Bildschirm kamen. Und doch gab es anfangs nur schwer zu akzeptierende technische Grenzen: Das Übertragungsnetz des Fernsehens war wie die ganze DDR zentralistisch aufgebaut.

Sendestart mit technischen Herausforderungen

Es gab kein Sendernetz, mit dem das ganze Land "bespielt" werden konnte. In den ersten Sendungen des "thüringen-journals" liefen deshalb Beiträge, die am Drehort gar nicht empfangen werden konnten. Die Berichte kamen trotzdem ins Programm - denn wer es sehen konnte, der sollte das ganze Land erleben können.

Historische Dokumente zum Start eines Fenseh-Regionalprogramms aus Thüringen
Was wird alles gebraucht? Technisch war der Start des "thüringen-journals" nicht gerade einfach. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Der Aufbau eines neuen Sendenetzes ging zwar voran, aber zunächst mussten sich für eine regionale Ausstrahlung  Thüringen und Sachsen-Anhalt vorhandene Sendestrecken teilen. Das war auch noch notwendig, als das erste "thüringen-journal" am 14. August 1990 von Gera aus auf Sendung ging.

Natürlich waren dafür auch die Wetterbilder von diesem heißen Sommertag vorbereitet. Doch pünktlich zur Sendezeit kam der ersehnte Regen. Das Sendeteam entschied sich, das Wetter "zu aktualisieren": Eine Kamera aus einem Studio-Fenster lieferte das Bild platschender Tropfen auf der Borsteinkante vorm Haus. Ein Höhepunkt der Fernsehgeschichte war das nicht gerade - aber es entsprach einem verbreiteten Bedürfnis jener Zeit: einfach live dabei sein.