Fußball | 3. Liga Spielerberater: Fluch oder Segen? - "Das Berater-Leben ist wie ein Haifischbecken!"

Montag, 18 Uhr schließt das Transferfenster. Bis dahin glühen die Drähte im Fußball. Entscheidend beteiligt: die Spielerberater. Obwohl ihre Branche im Hintergrund agiert, ist ihre Rolle mächtig. Der MDR analysiert.

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Der Job des Spielerberaters ist in Verruf geraten. Zu recht? Alexander Küpper hat sich bei Beratern und Spielern umgehört.

Sport im Osten Sa 29.01.2022 14:00Uhr 02:47 min

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Sebastian Schulze ist Geschäftsführer der Soccernation Group, seiner eigenen Spielerberateragentur. Früher stand er als junges Talent selbst u.a. bei Carl Zeiss Jena, dem VfB Auerbach, FSV Zwickau und FC Augsburg im Tor. Mittlerweile vermittelt der 36-Jährige Profikicker. Schulze weiß, dass sein Berufsfeld speziell bei den Fans keinen guten Ruf hat. "Ich kann das teilweise nachvollziehen", räumt er ein. "Ich war selbst Spieler, es ist ein zweischneidiges Schwert. Es gibt viele seriöse Agenturen, aber auch einige schwarze Schafe. Diese machen Versprechen, die gar nicht einzuhalten sind."

Alleine acht Spieler des Chemnitzer FC berät Schulze heute, vier in Aue, drei von Carl Zeiss Jena, drei von Chemie Leipzig und zwei vom ZFC Meuselwitz. "Ich bin im Osten verwurzelt, dann kommen die Netzwerke dazu. Außerdem habe ich das Gefühl, dass die Jungs hier loyaler und bodenständiger sind als die Super-Talente, die im Westen oder auch bei RB Leipzig mit Geld vollgeschüttet werden", erklärt der ehemalige Torwart und fügt an: "Ausnahmen gibt es natürlich auf beiden Seiten immer, aber es zählen hier noch andere Werte und sie schätzen mich mehr." Zusammenhalt und die Vertrauensbasis zu den Kickern ist für sein Geschäft wichtig. Entwickeln sie sich nämlich positiv, könnte jederzeit eine andere Agentur sie abwerben. "Das Berater-Leben ist wie in einem Haifischbecken", sagt Schulze.

Theodor Bergmann (Jena) mit seinem Berater Sebastian Schulze
Fußballer Theodor Bergmann (Jena) mit seinem Berater Sebastian Schulze (li.) Bildrechte: IMAGO / Bild13

"Jugendliche werden mit Smartphones, Fußballschuhen und Geld geködert"

Die dicksten Fische – das sind im Fußball die größten Talente, weil ihre Marktwerte noch steigen. Und darum will sie jeder sofort. Schulze gibt zu: "Früher habe ich Jungs erst ab 17 bis 18 Jahren beraten, mittlerweile muss man fast auf 15 Jahre runtergehen, weil man sich der Branche anpassen muss. Dann werden aber die Eltern besonders miteinbezogen." Trotzdem beobachtet er klare Grenzüberschreitungen, die er für sich als No-Go einstuft. "Viele Berater ködern Jugendliche mit Geschenken wie Smartphones, ständig neuen Fußballschuhen und auch Geld, um sie für ihre Agentur zu gewinnen. Wenn man seriös sein will, muss man sich gegen diese Dinge wehren, die dort verzapft werden", stellt er klar.

Warum die Vereine eine Mitschuld tragen

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Die Schuld liege jedoch zum Teil auch bei den Vereinen, deutet Schulze an. "Das Hauptproblem ist, dass die Jungs mit 15 oder 16 Jahren bei den großen Vereinen wie Bayern, Dortmund, RB Leipzig oder Hoffenheim schon Geld verdienen. Dadurch versuchen einige Berater schon an ihnen mitzuverdienen, was offiziell nicht erlaubt ist. Ich sehe die Entwicklung sehr kritisch." Zu den konkreten Abläufen schildert er: "Nehmen wir das Beispiel RB Leipzig. Gerade die ganz großen Agenturen gehen da an 13- bis 14-Jährige sehr aggressiv ran, Berater sind bei jedem Training der Nachwuchsteams vor Ort." Eine MDR-Recherche im vergangenen Jahr hatte ergeben, dass die Gehälter von U17- und U19-Talenten bei RB regelmäßig schon im Bereich zwischen 5.000 und 10.000 Euro liegen. Das lockt an.

Darum würde Chemnitz-Profi Schimmel nie auf seinen Berater verzichten

Der heutige CFC-Profi Felix Schimmel hatte seinen ersten Berater ebenfalls mit 15 Jahren, wechselte damals von Aue zu RB Leipzig. In den letzten sieben Jahren hat der Defensivmann zweimal die Agentur gewechselt und wird mittlerweile von Schulze vertreten. Auf MDR-Nachfrage, ob er sich ein Fußballer-Leben ohne Berater vorstellen kann, sagt Schimmel entschieden: "Nein, auf gar keinen Fall, Sebastian hat viele Kontakte in jeder Hinsicht. Zum Beispiel zu Versicherungen oder in medizinischer oder athletischer Richtung, wenn ich verletzt wäre. Er würde mir auch kurzfristig eine Wohnung besorgen. Das Wichtigste sind natürlich die Kontakte zu Vereinen, die ich ja nicht selbst habe. Gerade bei vertraglichen Dingen habe ich ja auch nicht die große Ahnung und so habe ich immer jemanden an meiner Seite, der da drüber schaut."

Jenas Sportdirektor Werner: "Berater sind der Schlüssel zum Spieler!"

Tatsächlich können langzeitverletzte Profis noch bis in die 2. Liga hinein, Reha-Maßnahmen außerhalb der Klubs nutzen, wenn die Berater bessere Kontakte zu Sportmedizinern haben als es die vereinsinternen Möglichkeiten hergeben. Insofern gibt es Felder, in denen auch Vereine von Beratern profitieren können. Jenas Sportdirektor Tobias Werner, der in seiner gesamten Spieler-Karriere nur von einer Agentur vertreten wurde, weiß: "Selbst in der Regionalliga werden die Jungs genauso gut und intensiv betreut wie in der Bundesliga. Die Berater sind in der Regel eine große Vertrauensperson, fast schon ein Freund für die Spieler. Das war schon zu meiner Zeit so und sollte es auch sein. Ohne Berater kommt man nicht aus, weil sie der Schlüssel zum Spieler sind."

Schulze mahnt: "Schulterklopfer sind nicht immer hilfreich"

Gerade weil es sich um junge Menschen handelt, sei deshalb bei Beratern pädagogisches Feingefühl gefragt, wenn es um große Karriereträume geht, meint Schulze: "Schulterklopfer sind nicht immer hilfreich. Jedes Talent, das es von der Mentalität her weitbringen kann, ist ehrgeizig und will so hoch wie möglich spielen. Am Anfang ist es nicht einfach, ihnen beizubringen, dass es wertvoll ist, erstmal einen Schritt zurückzugehen. Mit der Zeit schätzen sie aber unsere Meinung, lassen sich vom Gegenteil überzeugen." Bei der Einschätzung, welcher Spieler in welcher Liga und bei welchem Klub bestehen kann, trennt sich oft die Spreu vom Weizen.

Die Chaos-Maschen der Spielervermittler

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Fußball Spielerberater Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Davon kann der FCC-Sportchef ein Lied singen: "Bei mir kommen viele dubiose Nachrichten rein: WhatsApps einfach nur mit Profilen oder der Frage, ob ich große Stürmer brauche. Es gibt sogar Emails an alle Regionalliga-Vereine, wer diesen speziellen Spieler verpflichten will. So will ich nicht arbeiten." Stattdessen betont Werner: "Dann sollte es schon ein Anruf sein und erstmal ein intensiver Austausch darüber, was wir suchen, und nicht einfach, dass ein Name reingeflattert kommt. Das sind die Berater, die ich gern habe." Denn der gebürtige Geraer gibt zu: "Grundsätzlich holt jeder gerne Spieler, die er selbst gefunden und auf seiner Scoutingliste hat. Das ist aber nicht immer leicht. Deshalb funktioniert der Markt nicht ohne Berater, die den ein oder anderen Hinweis haben, auf den man selbst nicht kommt."

Das Problem der Beraterbranche: der freie Berufszugang

Der Grund für das große Gefälle an unterschiedlichen Methoden und Gangarten in der Berater-Branche liegt wohl vor allem am freien Berufszugang. Früher brauchten Spielervermittler ähnlich wie Trainer eine Lizenz, heute müssen sie ihre Tätigkeit beim DFB nur über ein Antragsformular registrieren lassen und 500 Euro Gebühr bezahlen. Dann darf man sich offiziell Spielerberater nennen. "Dass es heute jeder machen kann, schadet dem Ansehen", meint Schulze. Dabei setzt erfolgreiches und nachhaltiges Arbeiten vielfältiges Knowhow aus unterschiedlichen Bereichen voraus. Die meisten Berater sind entweder Juristen oder ehemalige Sportler, teils ergänzen sie sich in einer Agentur. Da Schulze eher aus der zweiten Richtung kommt, lässt er Verträge nach eigener Aussage vorab durch einen Anwalt prüfen. Zwielichtiger erscheint es, wenn Berater weder belegbare Vorkenntnisse in Jura noch Erfahrungen aus dem Sportgeschäft nachweisen können. Neben dem Aufbau von Netzwerken gehört vor allem Verhandlungsgeschick zu notwendigen Voraussetzungen.

CFC-Profi Felix Schimmel berichtet: "In der Kabine tauscht man sich auch mal über Berater aus. Dabei habe ich schon von Spielern gehört, deren Berater so lange gepokert haben, bis sie ohne Vertrag dastanden." Dabei ist es durchaus üblich, dass Vereine oder die Profis die andere Seite kurz vorm Abschluss zappeln lassen, um das Gehalt zu drücken oder zu erhöhen. Schulze betont: "Wichtig ist aus meiner Sicht immer, dass man sich danach mit dem Sportchef noch in die Augen schauen kann. Denn in der Regel trifft man sich irgendwann wieder und Kontakte sind in der Branche von großer Bedeutung."

Wie Berater ihren Verdienst erhalten

Gerade im Bereich der Regionalliga bis zur 2. Liga verdienen die Berater vor allem über Vermittlungsprovisionen, die sie mit dem Verein bei Neuabschlüssen oder Vertragsverlängerungen vereinbaren. Die Zahlungen leisten also in der Regel die Klubs und nicht die Profis. "Kein seriöser Berater knöpft seinem Klienten direkt Geld ab", sagt Schulze. FCC-Sportdirektor Werner weiß: "Den Fußball wird es nicht ohne Berater geben. Sie machen auch wirklich einen guten Job, indem sie gute Spieler zu uns transferieren. Sie verlangen den Vereinen natürlich auch finanziell einiges ab, weil immer eine Provision bezahlt wird. Aber ohne die bekommst du den Spieler nicht. Ich hoffe, dass sie ein Stück mehr Rücksicht auf die Vereine nehmen, die Corona-Auswirkungen bedenken und die Preise in den Verhandlungen nicht zu hoch treiben."

Werner: "Manchmal würde ich WhatsApp am liebsten löschen!"

Beim Gedanken an den Deadline Day schnauft der Ex-Augsburg-Star jedenfalls nochmal durch: "Man kann nicht beschreiben, was dort los ist. Unzählige Anrufe und Nachrichten. Man würde am liebsten WhatsApp auf dem Handy löschen, weil’s chaotisch ist, was da reinkommt." Der 36-Jährige wird es dennoch nicht tun. Gerade in Corona-Zeiten können sich selbst in der Regionalliga neue Optionen ergeben, weil es zu Verschiebungen kommt. Star-Berater Volker Struth, der u.a. Timo Werner, Niklas Süle und Julian Nagelsmann vertritt, meinte jetzt in einem Stern-Interview zum großen Business: "Die aktuelle Transferperiode ist so ruhig wie nie zuvor in den 15 Jahren, in denen ich das mache." Während die Erst- und Zweitligisten sich also zurückhalten, entsteht ein neues Phänomen. Jenas Sportchef Werner erklärt: "Viele Vereine oben verringern ihre Kader, setzen mehr auf den Nachwuchs. Wer dort nicht mehr so erfolgreich war, wandert weiter nach unten. Die Klubs dort lauern dann auf höhere Qualität, auch wenn die Spieler erst später angeboten werden." So bleibt der letzte Transfertag auch diesen Winter für alle Seiten spannend.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Sport im Osten | 29. Januar 2022 | 16:00 Uhr

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