Fußball | Bundesligen Was die neue TV-Geld-Verteilung für die Ostklubs bedeutet: "Veränderungen aber keine Reform"

Geht die Umverteilung der Fernsehgelder bei der DFL weit genug? Experten sind skeptisch. Fakt: RB Leipzig erwarten klare Einnahmeverluste, Aue und bei Aufstieg auch Dynamo Dresden können profitieren - aber nur vorerst.

Symbolbild - Kommerzialisierung im Geldregen
Bildrechte: imago images / Michael Weber

Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) hat das zur Saison 2001/02 abgeschaffte Prinzip der Gleichverteilung zumindest für 53 Prozent der TV-Einnahmen reaktiviert. Das gilt allerdings nur für die Spielzeiten von 2021 bis 2023. Danach sinkt der Anteil für den Zeitraum bis 2025 schon wieder auf 50 Prozent. Fanforscher Prof. Harald Lange kommt im MDR-Gespräch deshalb zum Entschluss: "Es ist eine Veränderung, aber keine Reform. Den mächtigen Vereinen wird weiter Tribut gezollt, während man den kleineren Klubs mit Rückendeckung der Fans etwas entgegenkommt."

Sportwissenschaftler Lange: "Chance wurde sang- und klanglos vergeben!"

Der Sportwissenschaftler wird noch deutlicher: "Die Chance zur grundständigen Reform des Schlüssels war nie so groß wie in den zurückliegenden Tagen und ist sang- und klanglos vergeben worden." Der Universitätsprofessor aus Würzburg stört sich vor allem an der Begründung und Rhetorik, wie DFL-Chef Christian Seifert die Verteilung bekannt gab. Dieser hatte sich ausdrücklich auf die Folgen der Corona-Krise bezogen und ohne nähere Erklärung einen zwei Milliarden schweren Umsatz-Rückgang für den Profifußball in den Raum gestellt. Lange meint: "Die Drohgebärden und Kommunikationsrituale der zurückliegenden Wochen haben deutlich gemacht, dass sich der Profifußball immer weiter von den sportiven Prinzipien des Fair-Play und der Chancengleichheit entfernt." Währenddessen habe beispielsweise die extra eingerichtete Taskforce zur Zukunft des Profifußballs bisher zum Thema geschwiegen. "Bedauerlich, denn dort sitzen auch kritische Köpfe, die etwas zu sagen haben", betont der 52-Jährige.

Um die Tragweite der Entscheidungen besser einordnen zu können, hat "Sport im Osten" anhand des neuen Verteilungsschlüssels die Auswirkungen auf die mitteldeutschen Vereine untersucht. Die groben Berechnungen gingen zur Vereinfachung jeweils vom relativ realistischen Modell aus, dass RB Leipzig und Erzgebirge Aue ihre Plätze in der wichtigen Fünf-Jahres-Wertung auf Rang drei bzw. 32 nach dieser Saison nicht verändern würden. Dadurch ergab sich dann eine Simulation möglicher Fernsehgelder aus der nationalen Vermarktung für die Saison 2021/22.

Prof. Harald Lange
Prof. Harald Lange Bildrechte: Harald Lange

RB Leipzig: Etwa 9 Millionen Euro weniger TV-Einnahmen

Als einer der vier großen Fernseh-Profiteure der alten Aufteilung ist RB Leipzig ein Verlierer des neuen Modells. Durch die Gleichverteilung erhält Leipzig wie jeder Bundesligist 24,7 Millionen Euro. Im zweitgrößten Bereich "Leistung", der zunächst 42 und später 43 Prozent im TV-Schlüssel ausmacht, kann RB als Dritter mit geschätzten 25,3 Millionen Euro rechnen. Am schwierigsten voraussehbar sind die Zahlen im Sektor Nachwuchs (3 Prozent), wo es auf Einsatzzeit von in Deutschland oder eigens ausgebildeten Spielern ankommt. Hier wird grob eine mittlere einstellige Millionenzahl dazukommen. Im neu eingeführten Bereich "Interesse" (2 Prozent) liegt RB laut der von der DFL heranzuziehenden Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse (AWA) im Bundesliga-Mittelfeld und kann daher mit rund einer Million Euro kalkulieren. Folglich betragen die gesamten Einkünfte aus der nationalen TV-Vermarktung grob 53 bis 57 Millionen Euro. Im Vergleich zu den vorher erhaltenen 65,96 Millionen Euro (Quelle: kicker.de) sind das also - bei dieser Schätzung - bis zu 9 Millionen Euro weniger. Auf MDR-Nachfrage wollte RB die Zahlen nicht kommentieren.

Oliver Mintzlaff
RB-Geschäftsführer Oliver Mintzlaff kann mutmaßlich mit 53 bis 57 Millionen Euro TV-Geld planen. (Archiv) Bildrechte: imago images/Picture Point LE

Aue: Mindestens eine Million Euro mehr Fernsehgeld

Freuen können sich die Anhänger von Zweitligist Aue. Die Veilchen können über die Gleichverteilung in der 2. Bundesliga mit sicheren 6,9 Millionen Euro planen. Aus dem leistungsabhängigen Bereich würde der FCE mit 4,3 Millionen Euro rechnen dürfen. Weniger lukrativ sind die Kategorien "Nachwuchs" und "Interesse". Hier kommen wohl sechsstellige Beträge dazu, weil Aue laut der AWA-Marktforschung mit 13 Prozent Interesse in der bundesweiten Bevölkerung im unteren Mittelfeld der 2. Bundesliga rangiert. Trotzdem erhält Aue gesamt - wieder geschätzt - zwischen 11,2 und 12 Millionen Euro. Das bedeutet verglichen mit den 9,74 Millionen Euro (Quelle: kicker.de) diese Saison ein Plus von mindestens über einer Million Euro. Geschäftsführer Michael Voigt weiß deshalb: "Der Beschluss stimmt uns grundsätzlich positiv. Die Liga zeigt sich solidarisch, es hätte auch anders herum gehen können."

Geschäftsführer Michael Voigt (Aue)
Aue-Geschäftsführer: "Die Liga zeigt sich solidarisch." (Archiv) Bildrechte: imago/Picture Point

Neue Regelung könnte Dynamo nach Aufstieg helfen

Zwar ist Dynamo Dresden nach dem Drittliga-Absturz erstmal weg von den großen Fernsehtöpfen. Gelingt dem Spitzenreiter in dieser Saison aber die sofortige Rückkehr würden die neuen Zahlen vor allem der SGD in die Karten spielen. Denn als Aufsteiger bekommt Dresden trotz Liga-Abstinenz sofort 6,9 Millionen Euro. Dazu steht Dynamo im Osten für die höchste Durchlässigkeit von Eigengewächsen in den Profikader, was sich in Zukunft mehr bezahlt macht. Und der mehrmalige DDR-Meister vereint laut der AWA-Studie 2019 mit 17,9 Prozent bundesweitem Interesse einen für Zweitliga-Verhältnisse starken Wert auf sich. Bei einem direkten Wiederaufstieg würden Dynamo zusätzlich die letzten vier Zweitliga-Jahre im Bereich Leistung angerechnet werden. Hier könnte Dresden, je nachdem wer 2021 mit auf- bzw. von der 2. Bundesliga absteigen würde, als Drittletzter eingestuft werden. Dann würden zusätzlich 3,9 Mio. Euro und insgesamt locker über 10,8 Mio. Euro winken. Das ist mehr als im dritten Zweitliga-Jahr 2018/19, wo Dynamo mit weniger als 9 Millionen Euro abgespeist wurde (Quelle: Fernsehgelder.de). So könnten die Schwarz-Gelben sich dieses Mal schneller und leichter im Fußball-Unterhaus etablieren.

Dynamos Sportgeschäftsführer Ralf Becker
Dynamos Sportgeschäftsführer Ralf Becker würde ein Aufstieg in die 2. Bundesliga finanziell gut zu Gesicht stehen. (Archiv) Bildrechte: imago images/Steffen Kuttner
Die TV-Gelder in der Übersicht
  RB Leipzig Erzgebirge Aue Dynamo Dresden (bei Aufstieg)
Einnahmen 2021/22 (geschätzt) 53 bis 57 Mio. Euro 11,2 bis 12 Mio. Euro 10,8 Mio. Euro
Einnahmen aktuell 65,96 Mio. Euro 9,74 Mio. Euro ca. 9 Mio. Euro (2018/19)
Veränderung (gerundet auf Mindestwert) - 9 Mio. Euro + 1,5 Mio. Euro + 1,8 Mio. Euro

Gleichverteilung für die Ostklubs besonders wichtig

Generell gilt, dass eine größere und dauerhafte Gleichverteilung von Fernsehgeldern für die ostdeutschen Traditionsklubs besonders wichtig wäre. Denn nur so hätten viele der abgestürzten Kultvereine wie Magdeburg und Rostock nach Aufstieg die Chance, sich trotz einer schwächeren wirtschaftlichen Region leichter im Profi-Fußball zu halten. Prof. Harald Lange sieht genau das als Grundlage für fairen Wettbewerb: "Die Faszination, die alle Fans verbindet, ist doch, dass es eine Verbindung und Einheit des deutschen Fußballs von der Kreisklasse bis hin zur Bundesliga gibt. Die Stärke zeigt sich an Beispielen wie dem FC Kaiserslautern, die 1998 als Aufsteiger Meister wurden. Wenn aber in der Bundesliga immer wieder ein Ferrari gegen einen Golf ins Rennen geschickt wird und dieser dann beim erwartbaren Sieg immer wieder besser ausgestattet wird, wird der Wettbewerb langweilig und letztlich sinnlos."

Langeweile ist der Fluch der Ungleichverteilung

Als Argument führen die großen Klubs oft an, dass sie sonst international nicht konkurrenzfähig wären. Lange entgegnet: "Das würde bedeuten, dass wir einen Verein so gut mit Fernsehgeld ausstatten müssen, damit er uns den Titel nach Deutschland bringt. Diese Idee unterstützen Anhänger im Falle der Nationalmannschaft, aber niemals in den Klubwettbewerben: Fans von Eintracht Frankfurt oder Dynamo Dresden nehmen doch keinen sportlichen Nachteil in Kauf und verzichten auf Geld für ihren Lieblingsklub, damit Bayern München die Champions League gewinnt. Sie wollen, dass ihr Verein die gleichen Chancen wie alle anderen hat und Deutscher Meister werden kann." Es ist vielleicht mehr als ein Zufall: Beim spannendsten Saisonfinale aller Zeiten schoss Patrik Andersson Bayern München 2001 in der letzten Sekunde des 34. Spieltags zum Titel. Danach wurde die Gleichverteilung abgeschafft. Heute ist Bayern achtmal in Folge Meister…           

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR aktuell | 11. Dezember 2020 | 21:45 Uhr

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