Selbstbestimmt | 23.01.2022 Long Covid: Genesen ist nicht gesund

Bei vielen Kindern verlaufen Infektionen mit dem Coronavirus mild. Doch auch sie können Langzeitfolgen treffen: Konzentrationsprobleme, Riechstörungen oder Schmerzen. Die Ursachen von Long Covid bei Kindern erforschen die Ärzte der Kinder-Fachambulanz an der Universitätsklinik Jena. Ein Film von Tom Fleckenstein.

Junge macht einen Lungenvolumentest
Jason leidet seit seiner Covid-Infektion unter Schmerzen. Bildrechte: Tom Fleckenstein.

Jason ist zehn Jahre alt und geht in die dritte Klasse. Außerdem kämpft er mit den Langzeitfolgen einer Coronavirus-Infektion: "Meistens habe ich Bauchschmerzen, Kopfschmerzen und mir ist schwindlig."

Mit seiner Mutter Christin ist er aus der Nähe von Görlitz ins Universitätsklinikum Jena gereist. Die Klinik zählt den wenigen Fachambulanzen in Deutschland, die auf Kinder und inzwischen auch auf Long Covid spezialisiert ist.

Jason leidet unter Konzentrationsschwierigkeiten

Jason hat die Covid-19-Infektion zwar gut überstanden, doch bald darauf meldeten sich die Folgen der Erkrankung. "Erst als ich kein Corona mehr hatte, ist mir schwindelig geworden, ich bin oft umgefallen, hatte Kopf- und Bauchschmerzen und musste dann von der Schule abgeholt werden. Das war schlimm", erzählt Jason.

Seine Mutter Christin sorgt sich, dass ihr Sohn in der Schule den Anschluss verliert: "Jason hat durch die Coronavirus-Infektion massive Konzentrationsschwierigkeiten. Die Lehrer in der Schule schildern sein Verhalten zum Teil als apathisch, also, dass er im Prinzip eine Stelle anstarrt und selbst auf wiederholte Ansprache mit Namen nicht reagiert."

Etwa zehn Prozent der Corona-Infizierten in Deutschland leiden unter Langzeitfolgen. Das sind in Deutschland mehr als 400.000 Menschen. Kinder sind deutlich seltener als Erwachsene von Long oder Post Covid betroffen. Genaue Zahlen dazu gibt es aber nicht.

Long Covid: Kinder haben verschiedene Symptome

Genesen nicht gesund
Dr. Daniel Vilser in der Fachambulanz der Universitätsklinik Jena. Bildrechte: Selbstbestimmt/Tom Fleckenstein

Viele Eltern bringen ihre Kinder in die Jenaer Fachambulanz zu Doktor Daniel Vilser. Der Mediziner erzählt, Daniel dass die Kinder ganz unterschiedliche Probleme haben: "Wir haben einige Patienten, die nicht zur Schule gehen können, weil sie dem Schulstoff nicht mehr folgen können. Andere haben Schmerzsymptome wie Bauch-, Kopf- oder Gliederschmerzen. Pathogonomisch, also typisch für die Erkrankung, sind auch Riechstörungen."

Manchmal kommt es auch zu einer Herzentzündung. Die Untersuchung schließt das bei Jason aber aus, sagt Daniel Vilser: "In dem Fall sieht man, dass die Herzklappen schön dicht sind. Keine Undichtigkeit an der Aortenklappe, keine Undichtigkeit an der Mitralklappe. Alles gut."

Bei der Untersuchung werden auch die Gehirnströme mit dem sogenannten EEG gemessen. Es könnte Hinweise liefern für den Grund seiner Konzentrationsprobleme. Dabei wird beobachtet, wann das Gehirn "Absencen" zeigt und Jason die Aufmerksamkeit verliert. Bei ihm fällt das EEG unauffällig aus.

Beschwerden bessern sich oft von selbst

Long Covid kann auch psychische Ursachen haben. Der Vorteil der Fachambulanz ist, dass alle Fachärzte an einem Ort sind und zusammenarbeiten. Es ist wichtig, die Betroffenen mit ihren Beschwerden ernst zu nehmen, auch wenn die Ursachen unklar sind.

Genesen nicht gesund
Jason wird untersucht. Bildrechte: Selbstbestimmt/Tom Fleckenstein

Für Long Covid gibt es noch keine Therapie, wie Daniel Vilser erklärt: "Es gibt keine kausale Behandlung. Ich kann die reine Ursache nicht behandeln." Dann geht es zunächst um die symptomatische Behandlung. In vielen Fällen ist eine Therapie aber auch nicht nötig: "Die gute Nachricht ist, dass Long Covid bei Kindern in den allermeisten Fällen von selbst besser wird. Das heißt, mit jeder Woche, die vergeht, hat man eine Chance, dass sich die Beschwerden verbessern."

Gefäßentzündungen als Ursache?

Daniel Vilser und sein Team bleiben den Ursachen auf der Spur. Mit einem speziell in Jena entwickelten Ophtalmoskop schaut sich der Arzt die hinter dem Auge liegenden Gefäße an. Dann testet er, wie sie auf die Belastung durch Lichtreize reagieren. So liefern die Gefäße am Augenhintergrund dem Experten wichtige Informationen: "Die Erstinfektion löst, wie wir mittlerweile wissen, eine Entzündung der innersten Gefäßschicht, des sogenannten Endothels, aus. Gefäße gibt es überall im Körper, im Kopf, am Herz, in Organen wie der Leber. Wir glauben, dass diese Gefäßentzündungen bei Long Covid eine Rolle spielen."

Das würde erklären, dass bei Long Covid alle Organe betroffen sein können. Bei Jason stellt sich nach den Untersuchungen heraus: Das Coronavirus hat eine Migräne ausgelöst. Sie ist genetisch bedingt und wird erst einmal mit Medikamenten behandelt.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt | 23. Januar 2022 | 08:00 Uhr