"Histopad" im Selbstversuch gestestet Virtueller Rundgang: Die Albrechtsburg Meißen neu entdeckt

Ab sofort gibt es für die Gäste der Albrechtsburg etwas Neues zu entdecken: Die Burg im späten Mittelalter und zu Beginn der Industrialisierung. Wie? Per Zeitreise via Tablet. MDR SACHSEN-Redakteurin Sandra Thiele hat vorab den Test gemacht.

Rundgang mit Tablet in der Albrechtsburg Meißen
Mit dem Eintrittsticket erhalten Besucher ab August ein solches Tablet in die Hand gedrückt. Bildrechte: MDR/Sandra Thiele

Mit dem Erwachsensein ist die Albrechtsburg bei mir in Vergessenheit geraten. Es waren einfach zu viele Wandertage und Exkursionen mit der Schulklasse. Kurz nach der Wende, als die Vitrinen auf mich staubig und belehrend wirkten, half auch die als "Pantoffel-Saal" bekannte Große Hofstube nichts. Dort schlüfpte man in übergroßen Hausschuhe und rutsche wild übers Parkett hin und her.

3D-Animationen und Virtuelle Realität

Fast dreißig Jahre später, im Sommer 2020, entdecke ich die alte Burg neu: Mit dem Histopad. Das ist ein Tablet, das Besucher mit 3D-Animation und Virtueller Realität in den Bann ziehen soll. Kurz gesagt: Man unternimmt damit in den Sälen der Albrechtsburg eine Zeitreise.

Es zeigt auf zwei Etagen jeweils in dreidimensionaler Anmutung, wie das Gebäude im späten Mittelalter und Mitte des 19. Jahrhunderts eingerichtet und bewohnt war. Die Bedienung ist denkbar einfach. In jedem Raum gibt es eine kleine Stele mit einer Kennzeichnung. Das Tablet darauf gerichtet, landen die Besucher direkt in einer Zeit, in der die Burg noch kein Museum war.

Einer, der diese Zeitreise ermöglicht hat, ist der Produktionsleiter des jungen Pariser Startups Histovery, Edouard Lussan: "Es ist unser bisher schönstes Projekt," findet er. "Sie können in verschiedene Epochen reisen, das ist neu. Und wenn Sie auf einzelne Objekte klicken, bekommen Sie eine Erklärung", schwärmt Lussan weiter. Selbst an den 15 Histopad-Standorten in Frankreich gebe es das so noch nicht. Also hat man sich hier noch mehr Mühe gegeben? "Wir möchten den deutschen Markt für uns gewinnen." Dazu muss er die Deutschen aber erstmal in Meißen überzeugen.

So wurden die Animationen erstellt

Ein Team aus Grafikern, Historikern und Kunsthistorikern hat sieben Monate an dem Projekt für die Albrechtsburg gearbeitet. Licht und Staub sollten ebenso stimmen wie der geschichtliche Inhalt.

Raum auf Display, Textfeld
Am Anfang steht die Skizze mit einer Bestandsaufnahme: Welche Elemente werden gebraucht? Bildrechte: MDR/Sandra Thiele
Raum auf Display, Textfeld
Am Anfang steht die Skizze mit einer Bestandsaufnahme: Welche Elemente werden gebraucht? Bildrechte: MDR/Sandra Thiele
Bildkombo verschiedener Wandbilder, Textfeld
Mit alten Zeichnungen und Grafiken finden die am Projekt beteiligten Kunsthistoriker heraus, wie beispielsweise Holzbänke im späten Mittelalter ausgesehen haben. Bildrechte: MDR/Sandra Thiele
Verschieden Gegenstände, Textfeld
Danach werden für die Dreidimensionalität Originalobjekte begutachtet. Bildrechte: MDR/Sandra Thiele
Raum auf Display, Textfeld
Wo war damals eine Tür, ein Ofen - im Gegensatz zu heute? Ein Raum der Vergangenheit entsteht. Sieben Monate hat es gedauert. Ein Team aus sechs Grafikern hat mitgewirkt. Darunter jeder mit seinem Spezialgebiet: Staub, Licht, Gesicht, Raumtiefe. Bildrechte: MDR/Sandra Thiele
Raum auf Display, Textfeld
Vier Historiker haben zu den Inhalten geforscht. Denn eine gute Darstellung ist nicht alles. Sie prüfen: Stimmt das Muster des Fußbodens so, wie es die Grafiker umgesetzt haben? Ist ein Essenswagen zu groß, zu klein geraten? Bildrechte: MDR/Sandra Thiele
Raum auf Display, Textfeld
Insgesamt gab es 20 Versionen pro Saal. Die Grafiker legten ihre Ergebnisse vor, die Historiker prüften und machten Korrekturen. Dann ging es in die nächste Runde - bis Historiker und Grafiker zufrieden waren. Bildrechte: MDR/Sandra Thiele
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Eindrücke aus einer vergessenen Zeit

In der Albrechtsburg stehe ich dann in einem zwar sehr prachtvollen, aber irgendwie leer wirkenden Saal. Nichts deutet darauf hin, als was er mal diente, welche Menschen hier zu Gange waren. Das Histopad erklärt mir: Es ist der "Saal der Modellierer" und ich sehe auf der Animation für das 19. Jahrhundert, wie Porzellanhersteller beim Schein von - wahrscheinlich - Öllampen und im Staub von Kaolin modellieren. Der Saal war damals eine Werkhalle für das Königliche Unternehmen, bevor es dann Jahre später ins Triebischtal ausgelagert wurde.

Ich bin angetan, so lebendig habe ich "meine alte Burg" noch nicht erlebt. In anderen Sälen sehe ich die Frauengemächer von 1494 und ein riesiges Gelage mit gekochten Eichhörnchen – eine Spezialität im späten Mittelalter. Das ist unterhaltsam, das ist lehrreich.

Die virtuelle Zeitreise

Ein Saal in der Albrechtsburg Meißen
Ein prunkvoller Raum.... aber was war hier früher mal los? Bildrechte: MDR/Sandra Thiele
Ein Saal in der Albrechtsburg Meißen
Ein prunkvoller Raum.... aber was war hier früher mal los? Bildrechte: MDR/Sandra Thiele
Rundgang mit Tablet in der Albrechtsburg Meißen
Antworten hält das Tablet bereit. Bildrechte: MDR/Sandra Thiele
Rundgang mit Tablet in der Albrechtsburg Meißen
Herkömmliche Vitrinen klären auch weiterhin auf - aber nicht so "sexy". Bildrechte: MDR/Sandra Thiele
Rundgang mit Tablet in der Albrechtsburg Meißen
Detailverliebte Grafiken: Auch der Fußboden hatte viele Gesichter über die Jahrhunderte. Bildrechte: MDR/Sandra Thiele
Rundgang mit Tablet in der Albrechtsburg Meißen
Nicht nur bunte Bilder: Erklärtexte geben Informationen zu dem, was der Besucher vor sich hat. Bildrechte: MDR/Sandra Thiele
Rundgang mit Tablet in der Albrechtsburg Meißen
Die Tablet-Führung hat mehrere Ebenen. Zum Teil geht es im Menu bis zu den Einzelobjekten. Bildrechte: MDR/Sandra Thiele
Eine alte Türklinke in der Albrechtsburg Meißen
Für Puristen und Liebhaber des Analogen bleibt die Burg natürlich auch weiterhin sächsische Geschichte zum Anfassen. Bildrechte: MDR/Sandra Thiele
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Längere Verweildauer durch digitales Angebot

Natürlich sind wir alle schon durch großes Hollywood-Kino oder grafisch opulente Videospiele animations-verwöhnt. Da kann das Histopad noch nicht mithalten. Die Figuren bleiben unbeweglich, sind nicht "zum Anfassen echt". Die nötige Technik dafür sei zu teuer, erklärt Mathilde Michaut, die Frau für die Finanzen im Unternehmen. "Die Technik ist noch nicht so weit, das großflächig und leistungsstark anzubieten. Das fängt schon bei der Batterieleistung der Tablets an."

Rundgang mit Tablet in der Albrechtsburg Meißen
Mathilde Michaut von der französischen Firma Histovery. Bildrechte: MDR/Sandra Thiele

Michaut will gern bald wieder nach Deutschland kommen – für weitere Projekte. Im Frühjahr geht es dann ans Schloss Moritzburg. Dort soll Ähnliches entstehen. "In Deutschland, ja wahrscheinlich gerade in Ostdeutschland, steckt unglaublich viel Potenzial." In Frankreich seien die touristischen Orte häufig schon überlaufen und die Museumsbetreiber gar nicht daran interessiert, die Verweildauer der Touristen zu verlängern. Das passiere nämlich beim Einsatz der Technik, so Michaut. "Im Schloss Chambord an der Loire nehmen sich die Besucher seit dem Histopad mehr Zeit. Im Durschnitt 40 Prozent." Ich habe dieses Mal in der Burg die Zeit auch vergessen – im wahrsten Sinne des Wortes. Draußen vor der Tür ist es wieder 2020. 

Ab diesem Wochenende haben die Gäste der Albrechtsburg Gelegenheit, das Ergebnis zu begutachten. 180 Histopads kommen erstmals zum Einsatz. Und wer es nicht mag – den "Pantoffel-Saal" gibt es immer noch.

FAQ - Digitales Musem

Wie finanziert der Museumsverbund Schlösserland Sachsen die neue Technologie?

Vorteilhaft ist nach Aussage des Verbunds, dass die Firma "Histovery" in Vorleistung geht. Ein gewisser Prozentsatz des Eintritts geht künftig an das Unternehmen. Jedes Jahr wird die Software mit ihren Inhalten nochmal auf den neuesten Stand gebracht. Auch die Wartung der Geräte ist eine Vertragsleistung. Für die Besucher ändert sich der Eintrittspreis: Ab 3. August 2020 erhöht sich der Tarif für Erwachsene um zwei Euro.

Virtuelle Museumsbesuche: Ist Sachsen Vorreiter?

Nein. Digitale Mittel in Museen sind kein Novum mehr. Ob mit der VR-Brille oder Tablet – in den letzten Jahren bieten das immer mehr Museen an. Deutschland hinkt insgesamt etwas hinterher, so das französische Animations-Startup "Histovery".

2016 erweckte das Naturkundemuseum in Berlin unter anderem seinen Brachiosaurus zu neuem Leben – er wütet seitdem durch seine "Wohnstube" und jagt damit den Besuchern so manchen Schreck ein. Mit dem Tablet gehen die Besucher durch die Gedenkstätte von Bergen-Belsen. Sehr nüchterne Grafikelemente ergänzen den Ort um historische Elemente, zum Beispiel nicht mehr vorhandene Baracken. Aussagen von Zeitzeugen werden in Form von Video- und Audio-Ausschnitten übermittelt.

Tourismus-Expertin Professor Matilde Groß von der Hochschule Harz benennt folgende Beispiele: "Mein bisherigen Stand nach sind das Städel Museum in Frankfurt, das Auswandererhaus Bremerhaven, das Skagens Museum in Dänemark oder das British Museum und das National History Museum in London die Vorzeigebeispiele."

Plakat in einem Gewölbe
Einen Trend hat das Museum nicht gesetzt - aber zumindest hat man ihn erfasst und geht mit der Zeit. Bildrechte: MDR/Sandra Thiele

Quelle: MDR/st

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 30.08.2020 | 19:00 Uhr

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