#MDRklärt Unterbeschäftigung: Auf der Suche nach den wirklichen Arbeitslosenzahlen

Martin Paul im Funkhaus von MDR SACHSEN-ANHALT
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Jeden Monat veröffentlicht die Arbeitsagentur Zahlen zur Arbeitslosigkeit. Aber wer gilt als arbeitslos? Und was ist eigentlich Unterbeschäftigung? MDR SACHSEN-ANHALT erklärt, wer nicht in dieser Statistik auftaucht. Teil 3 der Serie zum Arbeitsmarkt in Sachsen-Anhalt.

Drei Figuren stehen nebeneinander, vor das Gesicht einer Figur wird ein Rahmen gehalten
Nicht jeder, der keine Arbeit hat oder Arbeit sucht, gilt in Deutschland als arbeitslos. Bildrechte: imago images/Ikon Images | Grafik MDR

Auf der Suche nach den echten Arbeitslosenzahlen: Jeden Monat veröffentlicht die Arbeitsagentur aktuelle Zahlen darüber, wie viele Menschen zurzeit ohne Arbeit sind. So einfach, so klar. Die Frage, wer als arbeitslos gilt, scheint sehr leicht zu beantworten sein: Diejenigen, die eben keine Arbeit haben.

Bei genauerem Hinsehen ist diese Frage jedoch nicht so einfach zu beantworten. Gilt man auch als arbeitslos, wenn man nicht Vollzeit arbeitet? Was ist, wenn ich in der Ausbildung bin? Was ist, wenn ich arbeitslos bin, aber nicht arbeitssuchend gemeldet? Was ist, wenn ich Ein-Euro-Jobber bin?

Politik mit Arbeitslosenzahlen

Regelmäßig berichten die Medien am Ende eines Monats über die Arbeitslosenzahlen. Warum? Weil die Arbeitslosenzahl und die daraus errechnete Arbeitslosenquote als Maßstab für die Situation auf dem Arbeitsmarkt und für die Wirtschaft gesehen wird.

Das heißt konkret: Gibt es mehr Menschen, die Arbeit suchen, als Arbeit vorhanden ist? Von der Antwort hängt viel ab: Beispielsweise, wie es den Menschen in einer Region wirtschaftlich geht, ob sie arm sind und von ihrer Arbeit leben können, ob genügend Steuern für öffentliche Aufgaben zur Verfügung stehen und ob genügend Mittel wie Arbeitslosengeld und Rente vorhanden sind.

Und auch, weil Politiker mit den Arbeitslosenzahlen Politik machen. Ein Sinken der Arbeitslosenzahlen wird als Erfolg der jeweiligen Regierungsparteien gewertet, ein Anstieg dementsprechend als Misserfolg. Auch Kristian Veil von der Arbeitsagentur Regionaldirektion Sachsen-Anhalt-Thüringen erklärte MDR SACHSEN-ANHALT: "Das ist eine politische Frage. Es gab ja historisch gesehen viele Änderungen, wer als arbeitslos zählt und wer als unterbeschäftigt." Die Arbeitsagentur folgt dabei dem jeweils geltenden gesetzlichen Auftrag.

Manche Gruppen tauchen in den Arbeitslosenzahlen nicht auf

In die offiziellen Arbeitslosenzahlen werden bestimmte Gruppen nicht mit hineingerechnet: Menschen über 58 Jahre, die 12 Monate lang kein Jobangebot bekommen haben, Kurzarbeitende, Ein-Euro-Jobber und viele mehr. Über die Jahre hinweg haben die unterschiedlichen Regierungen, geführt von CDU wie SPD, immer wieder Personengruppen aus den Arbeitslosenzahlen herausgenommen. Einige schließen daraus: um die Zahlen etwa zu Bundestagswahlen niedrig erscheinen zu lassen.

Verschwiegen werden die Zahlen jedoch nicht. Sie werden durchaus veröffentlicht, man muss nur unter den richtigen Begriffen suchen: In diesem Fall unter "Unterbeschäftigung".

Was Unterbeschäftigung heißt

Unter diesem Begriff werden, laut Arbeitsagentur, zusätzlich zu den Arbeitslosen auch die Menschen erfasst, die nicht als arbeitslos im Sinne des Sozialgesetzbuches (Arbeitslose nach § 16 SGB III) gelten, weil sie zum Beispiel Teilnehmer an einer Maßnahme der Arbeitsförderung oder kurzfristig erkrankt sind. Darunter zählen:

  • Arbeitslose im weiteren Sinn (Menschen in Aktivierung und berufliche Eingliederung Sonderregelungen für Ältere – 58er-Regel nach § 53a Abs. 2 SGB II)
  • Unterbeschäftigte im engeren Sinn (Teilnehmende an Qualifizierungsmaßnahmen; beschäftigte am 2. Arbeitsmarkt; Arbeitsgelegenheiten wie Ein-Euro-Jobs; Fremdförderungen wie Reha-Kurse, Sprachkurse, Integrationskurse; vorruhestandsähnliche Regelungen; krankgeschrieben Arbeitslose)
  • Unterbeschäftigte fern der Arbeitslosigkeit (nach Konzept der Arbeitsagentur): Personen in Kurzarbeit, Altersteilzeit und geförderter Selbstständigkeit wie Gründungszuschuss oder Einstiegsgeld

Wer alles genau zu den einzelnen Kategorien gehört, ist in der folgenden Galerie beschrieben.

MDRklärt Unterbeschäftigung Darum ist die Zahl der Arbeitslosen zu niedrig

Was ist Arbeitslosigkeit und was ist Unterbeschäftigung
Deshalb gibt es mehr Arbeitslose, als die offiziellen Zahlen verraten Bildrechte: imago/imagebroker | Grafik MDRklärt
Was ist Arbeitslosigkeit und was ist Unterbeschäftigung
Deshalb gibt es mehr Arbeitslose, als die offiziellen Zahlen verraten Bildrechte: imago/imagebroker | Grafik MDRklärt
Grafik Arbeitslosenzahlen und Unterbeschäftigung Deutschland Juli 2020
Nicht jeder, der keine oder zu wenig Arbeit hat, wird als arbeitslos gezählt und in der Statistik so genannt. Sie werden von der Arbeitsagentur aber trotzdem veröffentlicht – als unterbeschäftigt. Bildrechte: MDRklärt | Grafik Martin Paul
Grafik Arbeitslosenzahlen und Unterbeschäftigung Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen Juli 2020
In Sachsen und Thüringen sind rund 78 Prozent arbeitslos. 22 Prozent wurden als unterbeschäftigt aufgeführt (ohne Kurzarbeit, die sonst mitgezählt wird). In Sachsen-Anhalt waren rund 72 Prozent arbeitslos und 28 unterbeschäftigt (Stand 07/2020). Bildrechte: MDRklärt | Grafik Martin Paul
Was ist Arbeitslosigkeit nach Paragraf 16 SGB III
Wer gilt als arbeitslos? Alle Personen nach Paragraf 16 SGB III. An Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik Teilnehmende gelten als nicht arbeitslos. Bildrechte: MDRklärt | Grafik Martin Paul
Was ist Unterbeschäftigung und wer gilt nicht als arbeitslos?
Wer gilt weiter nicht als arbeitslos? Arbeitslose im weiteren Sinn, Unterbeschäftigte im engeren Sinn (nah am Arbeitslosenstatus) und Unterbeschäftigte fern der Arbeitslosigkeit (nach Konzept der Arbeitsagentur) Bildrechte: MDRklärt | Grafik Martin Paul
Texttafel: "Mehr Erklärgrafiken und -videos auf Instagram @mdrklaert"
Mehr Erklärgrafiken und -videos finden Sie auf Instagram unter @mdrklaert Bildrechte: MDR/Max Schörm
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Unterbeschäftigung in Zahlen

In Zahlen heißt das: Deutschlandweit waren im Juli 2020 knapp drei Millionen Menschen arbeitslos und 750.000 unterbeschäftigt. Wegen der besonderen Corona-Maßnahmen wird in diesem Fall die Kurzarbeit nicht mit hineingerechnet. Denn allein im April 2020 ist hochgerechnet für mehr als acht Millionen Menschen Kurzarbeit angezeigt, also beantragt worden.

Ohne die Kurzarbeit einzurechnen, die normalerweise auch eine Rolle in der Unterbeschäftigung spielt, waren im Juli 2020 also insgesamt 3.604.106 Menschen arbeitslos und unterbeschäftigt – davon sind 80 Prozent arbeitslos nach SGB III und 20 Prozent unterbeschäftigt. In Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen verteilen sich die Anteile ähnlich.

Wie sich die Kurzarbeit in Sachsen-Anhalt während der Corona-Krise entwickelt hat, können Sie in der interaktiven Grafik nachvollziehen und hier nachlesen.

Unterbeschäftigung zeigt Konjunktureinflüsse besser

Laut Arbeitsagentur werden mit dem Konzept der Unterbeschäftigung deswegen zwei Ziele verfolgt: Zum einen werde so ein möglichst umfassendes Bild vom Fehlen an Beschäftigung am ersten Arbeitsmarkt gegeben. Und: Realwirtschaftliche, insbesondere konjunkturell bedingte Einflüsse könnten mit den Zahlen der Unterbeschäftigung besser erkannt werden.

Für Kristian Veil von der Arbeitsagentur sind daher die Vorwürfe, sie würden die Zahlen fälschen, ärgerlich. Er sagte: "Was uns unglücklich macht, ist der Vorwurf, wir würden die Statistik fälschen. Das stimmt nicht. Das machen wir nicht. Das Problem ist, dass manch einer glaubt, eine Gruppe würde hinten runter fallen. Aber deswegen weisen wir die Zahlen der Arbeitslosen in der Unterbeschäftigung aus."

Martin Paul im Funkhaus von MDR SACHSEN-ANHALT
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Martin Paul ist Teil des Online-Teams von MDR SACHSEN-ANHALT und begeistert von den Möglichkeiten und Ausdrucksformen des digitalen Journalismus - Daten und Code, Visualisierung und Video, Longread und Ticker, Social-Media und Dialog. Was ihn umtreibt? Besonders die Frage, wie man das Netz frei und offen gestalten und Teilhabe garantieren kann.

Quelle: MDR/mp

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 30. Juli 2020 | 13:00 Uhr

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