Geschichte der Stadt Magdeburg erinnert an Bombardierung vor 76 Jahren

Leonard Schubert
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Mehr als 2.000 Menschen starben bei der Zerstörung Magdeburgs am 16. Januar 1945 durch englische und amerikanische Bomber. Die Stadt und viele Menschen sind bis heute tief davon geprägt. Viele Menschen erinnern heute an die Ereignisse, gedenken der Opfer von Krieg und Vertreibung in Magdeburg und weltweit und setzen Zeichen für Frieden.

Es ist ein Schicksalstag in der langen Geschichte Magdeburgs. Am 16. Januar 1945 greifen 370 englische und amerikanische Bomber Magdeburg an. Binnen kürzester Zeit breitet sich ein Feuersturm aus. In siebenunddreißig Minuten zerstören die Bomber 90 Prozent der Innenstadt und 60 Prozent der gesamten Stadtfläche. Mehr als 2000 Menschen sterben, mehr als 10.000 werden verletzt. Die Stadt liegt in Trümmern. Mehr als 200.000 Menschen sind plötzlich obdachlos.

Triggerwarnung: Dieses Video enthält Kriegsaufnahmen.

Angriff auf Industriestandort Magdeburg

Der Angriff erfolgt während des von den Nationalsozialisten begonnenen Zweiten Weltkriegs. Magdeburg ist damals eine waffenstrotzende Stadt mit großen industriellen Anlagen, die kriegswichtige Rüstungsgüter produzieren. Diese werden von den Alliierten Kräften besonders stark attackiert, aber auch der Rest der Stadt wird gezielt angegriffen.

Von den Betrieben sind besonders das Krupp-Gruson-Werk, das Junkerswerk und die Brabag betroffen. In den Industrieanlagen wurden unter anderem Panzer, Triebwerke für Flugzeuge und Bunkeranlagen gebaut. Zahlreiche Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge wurden hier zur Arbeit gezwungen und ermordet.

Stadtbild und Menschen bis heute tief geprägt

Die Spuren des Krieges und der Bombardierung wirken bis heute nach. Jährlich zum Jahrestag der Bombardierung teilen zahlreiche Menschen ihre Erinnerungen an die Bombennacht und die Kriegstage in Magdeburg.

Auch das Stadtbild ist tief von der Bombardierung geprägt. Schutt und Trümmer wurden in jahrelanger Arbeit abgetragen, die Stadt langsam, Stück für Stück wieder aufgebaut. Entstanden ist dabei die Stadt, wie wir sie heute kennen, mit einem Sammelsurium aus Bauten aus verschiedenen Epochen und mit einem Stadtzentrum, das Gäste nicht immer sofort als solches erkennen.

Viele historische Bauwerke, Objekte und Orte Magdeburgs wurden zerstört. So auch die barocke Innenstadt am Breiten Weg oder das Magdeburger Rathaus am Alten Markt, von dem nur die alte Fassade wieder aufgebaut wurde.

Das zerstörte Magdeburg
Nach der Zerstörung der Stadt 1945 lagen weite Teile der Stadt in Schutt und Asche. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Aus der Geschichte lernen, statt ihr hinterherzuweinen": Plädoyer für den Frieden

Davon kann Ursula Hartmann in allen Details erzählen. Sie ist seit 2001 Gästeführerin in Magdeburg und beschäftigt sich mit Begeisterung und Leidenschaft mit der Geschichte Magdeburgs. Und sie findet: Unsere Vorfahren haben einen guten Job gemacht, diese Stadt wieder aufzubauen. Obwohl sie Geschichte und die vielen kleinen Geschichten Magdeburgs liebt, findet sie es wichtig, nicht in der Vergangenheit zu verharren.

Ich finde es großartig, sich immer wieder zu erinnern. Das gehört auch dazu. Wer die Vergangenheit nicht ehrt, kann die Zukunft nicht bauen. Aber ich darf da nicht stehen bleiben. Ich muss mich erinnern und schauen, wo will ich hin.

Ursula Hartmann, Gästeführerin in Magdeburg

Ursula Hartmann vor einer besonderen Tür am Magdeburger Rathaus. An der Tür ist Stadtgeschichte abgebildet.
Ursula Hartmann hat eine große Leidenschaft für die Geschichte Magdeburgs. Auf einer Tür am Rathaus, die wichtige Ereignisse der Stadtgeschichte darstellt, ist auch der Wiederaufbau der Stadt dargestellt. Bildrechte: MDR/Leonard Schubert

Sie sagt, der Jahrestag der Bombardierung sei eine wichtige Gelegenheit, sich zu erinnern und mit Menschen und Zeitzeugen zu sprechen. Über ihre Angst ums Überleben, ihre Sorgen um eine Obdach, über die Bedeutung dieses Krieges. Und sie wünscht sich, dann das Augenmerk auf die Gegenwart zu richten.

Wie kann ich als Deutscher, mit dieser Geschichte, die noch nicht so lange her ist, irgendeinem Krieg wieder zustimmen? Das dürfen wir nie vergessen!

Ursula Hartmann, Gästeführerin in Magdeburg

Gedenken aller Opfer und Engagement in der Gegenwart

Den 16. Januar nimmt auch Birgit Bursee zum Anlass, sich für Frieden, Weltoffenheit und Toleranz einzusetzen. Sie ist Teil eines Bündnisses "Weltoffenes Magdeburg", das die Aktionswoche "Eine Stadt für alle" organisiert. In dieser soll differenziert an die Opfer von Krieg und Vertreibung gedacht werden.

Dazu gehört neben dem Gedenken an Opfer der Bombennacht von Magdeburg zum Beispiel auch das Gedenken an Jüdinnen und Juden, die aus Magdeburg deportiert und ermordet wurden, und an andere Menschen, die Opfer von Krieg und Gewalt werden.

Eine große Menge Menschen singt vor dem Rathaus in Magdeburg für eine weltoffene Stadt.
Kann dieses Jahr nur digital stattfinden: Das gemeinsame Singen von Friedenslieder des Vereins"Weltoffenes Magdeburg" in der Aktionswoche "Eine Stadt für alle" Bildrechte: Eine Stadt für alle/Wenzel Oschington

Mehr als 20 Veranstaltungen wurden bei der Initiative unter der Schirmherrschaft von Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD) angemeldet. Laut Birgit Bursee wird dabei bei vielen Mahnwachen explizit auf die Gefahren von Extremismus, von Fanatismus, von rechten Ideologien hingewiesen. Sie sagt: "Gerade an diesem Tag und gerade in Corona-Zeiten ist es wichtig zu zeigen, dass Aggressionen und Gewalt keine Lösung sind, egal für welches Problem." Stattdessen gelte es, die Stadt gemeinsam und friedlich zu gestalten, als eine Stadt für alle.

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Leonard Schubert
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Leonard Schubert arbeitet seit Februar 2020 für MDR SACHSEN-ANHALT. Seine Interessensschwerpunkte sind Politik, Umwelt und Gesellschaft. Erste journalistische Erfahrungen sammelte er beim Charles Coleman Verlag, für das Outdoormagazin Walden und beim ZDF. Nebenher arbeitet er an seinem Masterabschluss in Friedens- und Konfliktforschung. Über den Umweg Leipzig kam der gebürtige Kölner 2016 nach Magdeburg, wo er besonders gern im Stadtpark unterwegs ist. In seiner Freizeit steht er mit großer Leidenschaft auf den Poetryslambühnen Sachsen-Anhalts oder sitzt mit einem Eisbärbier am Lagerfeuer, irgendwo in Skandinavien.

Quelle: MDR/ls

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 16. Januar 2021 | 07:30 Uhr

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