Nah dran | MDR-Fernsehen | 02.06.2022 | 22:40 Uhr Vom Bordell ins Jurastudium: Wie Sandra Norak gegen Zwangsprostitution kämpft

Über leere Versprechungen eines Mannes landete Sandra Norak im Bordell. Mittlerweile hat sie Jura studiert, engagiert sich gegen Zwangsprostitution – und räumt aus eigener bitterer Erfahrung mit Vorurteilen auf.

vom bordell ins jurastudium sandra norak
Sandra Norak hat sechs Jahre lang als Zwangsprostituierte gearbeitet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sandra Norak hat sechs Jahre im Bordell gearbeitet. Dann studiert sie Jura und kämpft gegen Zwangsprostitution. In ruhigen, klaren Worten erzählt sie im Film "Vom Bordell ins Jurastudium - Sandras Kampf gegen Menschenhandel" ihre Geschichte. Ihre Mutter ist psychisch labil, sie selbst wird als Jugendliche magersüchtig. Dann lernt sie im Netz einen Mann kennen. Der macht ihr große Versprechungen: "Ich hol Dich ab, Du kannst mich jederzeit anrufen, 24 Stunden am Tag, Du kannst zu mir ziehen." Bis er sie eines Tages zum Kaffeetrinken einlädt – allerdings nicht in ein schnuckeliges Café, sondern in ein Bordell.

"Einfach Spaß am Sex – so ist es nicht"

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Der Frauentorring in Nürnberg ist ein Rotlichtmilieu. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Dokumentation macht deutlich, wie geschickt der Mann die junge Frau zu manipulieren versteht. Er baut eine Beziehung auf – um sie dann so geschickt wie brutal auszunutzen. Er betont, dass Prostitution legal in Deutschland sei.  Als sie sich dann immer noch weigert, behauptet er, Schulden zu haben. Und wenn sie ihn lieben würde, dann müsse sie ihm doch helfen. Sie gibt nach – und ist ab jetzt nur ein Objekt: oft vollkommen übermüdet, den Wünschen der "Kunden" komplett ausgeliefert. Mit Aussagen anderer Prostituierten, es handele sich dabei um einen "normalen Beruf", kann sie nichts anfangen. Das Milieu funktioniere, indem es "nach außen ein Bild vermittelt, dass alles in Ordnung ist. Die Frauen sind alle so glücklich und machen das alles ganz freiwillig und haben einfach Spaß am Sex – aber so ist es nicht."

Sie erfährt die Arbeit im Bordell als "Fließbandarbeit" – als hart und körperlich wie psychisch belastend: "Ich habe die Gewalt gespürt, die physische, die seelische. Aber es gab Momente, da habe ich gar nichts mehr gespürt", sagt sie.

Wege aus der Prostitution

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Vor ihrem Jurastudium hat Sandra Nora ein Praktikum im Nürnberger Zoo gemacht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nach fünf Jahren meldet sich ihr Körper. Sie bekommt Herzrasen, leidet unter Schwindelgefühlen, muss zweimal in die Klinik. Doch statt das nun einfach hinzunehmen, sucht sie nach einem Weg aus der Prostitution. Erst macht sie ein Praktikum im Nürnberger Zoo, dann zieht sie weg und beginnt sie ein Jurastudium in Passau. Doch sie leidet weiter unter Panikattacken. Bis sie sich entschließt, erst ihrem Freundeskreis, dann auch anderen von ihrem Schicksal zu erzählen. Heute klärt sie andere Frauen darüber auf, wie entwürdigend für sie diese Jahre waren, in einem Blog, aber auch auf Kongressen und Veranstaltungen gegen Zwangsprostitution. Bis heute hat sie Angst vor dem Milieu, deswegen lebt sie unter einem anderen Namen.

Aktiv gegen Zwangsprostitution und Menschenhandel

Der Filmemacher Max Kronawitter hat Sandra ein halbes Jahr lang begleitet. Er zeichnet das Portrait einer sensiblen Frau, die das Leben im Bordell zu einer streitbaren Aktivistin gegen Zwangsprostitution und Menschenhandel gemacht hat.

Hilfe und Beratung für Betroffene Betroffene finden Hilfe bei Anlaufstellen wie der Initiative Sisters e.V. Die Initiative berät und begleitet Frauen, die aus der Prostitution aussteigen wollen. Das "Aktionsbündnis gegen Frauenhandel" setzt sich gegen das Anwerben, Entführen und Verschleppen von Frauen ein, bietet Beratung und Hilfe. Der Verein "The Justice Project" engagiert sich insbesondere für geflüchtete Frauen. Auf den jeweiligen Seiten finden Sie zudem weitere Anlaufstellen und Infos:

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Exakt die Story – Zur Prostitution gezwungen (Zeichnung: Schwarwel) 30 min
Exakt die Story – Zur Prostitution gezwungen (Zeichnung: Schwarwel) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah dran | 02. Juni 2022 | 22:40 Uhr