Reportage Wie die Erfurter jüdische Gemeinde 2022 Pessach feiert

"Pessach ist ja eigentlich das Fest der Freiheit", sagt Thüringens Landesrabbiner Alexander Nachama. Schließlich erinnert es an den Auszug aus Ägypten und das Ende der Sklaverei für das jüdische Volk. Angesichts des Krieges gegen die Ukraine ist die Freude 2022 sehr gedämpft. Auch in der Erfurter Gemeinde sind inzwischen Geflüchtete angekommen. Zudem haben viele Mitglieder Verwandte oder Freunde in der Ukraine oder stammen selbst von dort. Wie also feiern?

Ungesäuertes Brot
Zu Pessach gibt es traditionell ungesäuertes Brot. Ein unverrückbarer Brauch, auch wenn 2022 angesichts des Krieges gegen die Ukraine alles anders ist. Bildrechte: Colourbox.de

Nur sehr selten fallen – wie in diesem Jahr – das jüdische Pessachfest und Ostern in ein und dieselbe Zeit. Wenn in den christlichen Gemeinden der Karfreitag  begangen wird, dann laden die jüdischen Familien zu ihrem Seder-Abend. Damit wird an den Auszug des Volkes Israel aus der Sklaverei in Ägypten erinnert. Pessach gilt Jüdinnen und Juden als ein freudiges Fest der Befreiung.

"Wie frei bin ich?"

Alexander Nachama
Alexander Nachama, Rabbiner der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen Bildrechte: MDR/Wolfram Nagel

Alexander Nachama, der Rabbiner der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, ist 2022 allerdings sehr nachdenklich gestimmt: "Pessach ist ja eigentlich das Fest der Freiheit – und insofern immer ein Zeitpunkt, sich zu fragen: Wie frei bin ich? Was passiert auf dieser Welt? Was schränkt vielleicht auch diese Freiheit ein? Im Blick auf das, was in Israel passiert, die Anschläge dort oder mit Blick auf den Krieg in der Ukraine können wir Pessach in diesem Jahr nur mit gedämpfter Freude begehen."

Ganz so fröhlich wird der diesjährige Seder-Abend, mit dem das Pessach-Fest beginnt, also nicht werden. Zumal viele Erfurter Gemeindemitglieder Verwandte und Freunde in der Ukraine haben – oder selbst von dort stammen so wie Izabella Slovak, die heute Sozialarbeiterin in der jüdischen Gemeinde in Erfurt ist und voller Unruhe: "Ich muss immer überlegen, wie es weitergeht. Ich habe keine Zeit für mich selbst, ich muss überlegen, wie ich weiter auf die Kriegsfolgen reagiere. Ich weiß es nicht."

Geflüchtete aus der Ukraine auch in Erfurt angekommen

Dreißig Geflüchtete aus der Ukraine hat die jüdische Gemeinschaft in Thüringen bis Anfang der Woche aufgenommen. Bei Izabella Slovak klingelt ständig das Telefon. Es gibt viele Anfragen, wo weitere Neuankömmlinge aus der Ukraine unterkommen können und wie sich das alles organisieren lässt. Einen ersten Antrag, sagt Izabella Slovak, habe man schon "bei der ZWST" gestellt.

ZWST – das ist die Zentrale Wohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, ein sozialer Dachverband mit Sitz in Frankfurt am Main. Dort laufen die Fäden zusammen, wie Mitarbeiterin Laura Cazés erklärt. Sie sagt, gerade die jüdischen Gemeinden seien ein starker Akteur geworden und Ansprechpartner für viele: "45 Prozent der jüdischen Gemeindemitglieder in Deutschland haben ihre Wurzeln in der Ukraine. Und das macht diesen Krieg für viele, viele Menschen, die sich hier der jüdischen Gemeinschaft zugehörig fühlen, so unglaublich nah." Einen genauen Überblick, wie viele Ukrainerinnen und Ukrainer bereits in den jüdischen Gemeinden in Deutschland angekommen sind, hat auch die Zentrale Wohlfahrtsstelle nicht. Klar sei aber, dass die Bereitschaft zu helfen aufgrund der kulturellen Nähe zur Ukraine in den Gemeinden sehr hoch sei. 

Ein bisschen Freude

Unterdessen bereitet Ida Fitermann im Jüdischen Kulturzentrum in Erfurt alles vor, um den Sederabend wirklich so zu gestalten, dass sich trotzdem alle ein bisschen freuen können. Auch die neuen Gäste. 

Und natürlich heißt das: gründlich putzen, wie Ida Fitermann mit Blick auf die Rituale erklärt: "Es muss alles weg. Brot, Gebäck, alles muss weg. Denn zu Pessach gibt es traditionell ungesäuertes Brot." Das erinnert an die Flucht der Juden aus Ägypten, beschrieben im 2. Buch Mose. Auch im Jüdischen Kulturzentrum wird es einen traditionellen Seder-Teller geben, mit salzigen, süßen und sauren Speisen, die symbolisch an die harte Zeit des Exodus erinnern – und extra Geschirr: "Wir benutzen das nur einmal im Jahr, nur zu Pessach", sagt Ida Fitermann.

Im vergangenen Jahr wurden Mazze-Brote an die Mitglieder verschenkt, denn wegen Corona durfte nicht gemeinsam gefeiert werden. Jetzt können alle wieder an einem Tisch sitzen und vielleicht auch neue ukrainische Gäste begrüßen. Ob die Geflüchteten aus der Ukraine mitfeiern möchten? Ida Fitermann lässt sich überraschen. Sie weiß: Das jüdische Pessachfest wird in diesem Jahr für alle etwas anders werden. 

 

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. April 2022 | 07:10 Uhr