Schabbat Schalom | MDR Kultur | 12.08.2022 Schabbat Schalom mit Rabbiner Zsolt Balla: Paraschat Waetchanan

Es ist nicht Gott, der unsere Gebete braucht. Wir selbst sind es, die diese Verbindung zum Göttlichen brauchen. Davon ist Rabbiner Zsolt Balla überzeugt. Denn, so erklärt er in seiner Auslegung des Wochenabschnitt: wer betet, denkt nach über sich selbst – und verändert sich auf diese Weise.

Zsolt Balla in der Leipziger Synagoge
Der sächsische Landesrabbiner Zsolt Balla in der Leipziger Synagoge Bildrechte: MDR/Wolfram Nagel

Erst vor zwei Wochen haben die Juden in der Diaspora mit den in Israel lebenden Juden gleichgezogen, was die Lesung des wöchentlichen Thoraabschnittes in unseren Synagogen betrifft. Der Grund dafür ist, dass in diesem Jahr der achte Tag des Pessachfestes in der Diaspora auf einen Schabbat fiel, der für die Juden in Israel bereits ein regulärer Schabbat war.

Warum haben wir das in der Diaspora erst jetzt geschafft? Der jährliche Lesezyklus der Thora wurde in Wahrheit nicht im Land Israel festgelegt, sondern in Babylonien, in der Diaspora. Die Weisen von Babylonien gaben uns eine Eselsbrücke, vier Regeln, wie wir den Zyklus festlegen sollten.

Die Regeln

Erste Regel: "Bedenke und mache Pessach" – das bedeutet, dass der Thoraabschnitt Zaw, der die erste Zählung der Juden in der Wüste beinhaltet, dem Feiertag Pessach vorausgehen sollte. Zweite Regel: "Zähle und mache einen letzten Feiertag"– das bedeutet, dass der Thoraabschnitt Bemidbar, der die Zahlen der einzelnen Stämme und deren Ansiedlung in der Wüste enthält, dem Feiertag Schawuot vorausgehen sollte.

Die dritte Regel: "Faste, und dann bete" – das bedeutet, dass der Fasttag des 9. Aw, der an die Zerstörung des Tempels von Jerusalem erinnert, dem Thoraabschnitt Waetchanan vorausgehen soll, der vom Gebet und der Bitte des Moses an den Ewigen erzählt. Und die vierte Regel: "Steh auf und blas das Schofar", was bedeutet, dass der Thoraabschnitt Nizawim, der davon erzählt, wie das jüdische Volk aufstand, um den Bund mit Gott zu erneuern, bevor es in das Land Israel einzog, dem Feiertag Rosch Haschana, dem jüdischen Neujahrsfest, vorausgehen sollte, wenn wir das Schofar blasen.

Wenn man sich diese Regeln genauer ansieht, kann man eine kleine Diskrepanz erkennen. Bei den Feiertagen wird immer der Thoraabschnitt genannt, der kurz vor dem Feiertag gelesen wird. Aber in Bezug auf den Fastentag des 9. Aw wird in der Eselsbrücke nicht erwähnt, welcher Teil davor kommt, sondern was danach kommt. "Faste, und dann bete!"

Es besteht ein echter Unterschied zwischen Feiertagen und Tagen zum Gedenken an die Zerstörung. Auf einen Feiertag müssen wir uns vorbereiten. Nicht nur körperlich, sondern auch geistig.

Aber die Natur von Katastrophen ist anders. Wir sollten uns nicht auf die Zerstörung vorbereiten, sondern alles in unserer Macht Stehende tun, um sie zu vermeiden. Aber wenn es schon passiert ist, stellt sich die Frage: Wie stehen wir auf? Wie erheben wir uns aus der Asche, wie können wir wieder aufbauen, was zerstört worden ist?

Kein Gebet bleibt unerkannt

Das erste Wort aus der Thora, das wir nach dem 9. Aw lesen, ist Waetchanan, „Ich habe gebetet, ich habe gefleht“. Der Wochenabschnitt enthält einige sehr wichtige Texte für die jüdische Religion, wie z.B. das Schema Jissrael und die Zehn Gebote. Das Wort Waetchanan taucht im folgenden Zusammenhang auf: Moses nähert sich Gott, um ihn anzuflehen, ihm Zugang zum gelobten Land zu gewähren.

Das hebräische Verb für beten, lehitpalel, ist ein reflexives Verb. Beten bedeutet, sich selbst zu reflektieren, indem man sich Gott zuwendet. Deshalb bleibt kein Gebet unerkannt, denn es verändert, wer wir sind. Es ist nicht Gott, der unsere Gebete braucht. Wir sind es, die diese Verbindung zum Göttlichen brauchen.

Das Wichtigste an Tragödien ist, wie wir wieder aufstehen. Wir müssen nachdenken und weitermachen. Deshalb steht dieser Schabbat des Jahres gleich nach dem traurigsten Tag des jüdischen Kalenders. Mögen wir immer die Kraft haben, zurückzublicken und aus der Vergangenheit zu lernen, uns nicht lähmen zu lassen. Fasten, aber dann aufstehen, beten und vorwärtsgehen!

Schabbat Schalom!

Zur Person: Zsolt Balla Rabbiner Zsolt Balla wurde in Budapest, Ungarn, geboren. Er hat einen Master of Science als Wirtschaftsingenieur. Früh sammelte er Erfahrungen als Dozent bei jungen jüdischen Lerngruppen. Im Jahr 2009 schloss er seine Ausbildung als Rabbiner am Rabbinerseminar zu Berlin ab und trat die Stelle als Gemeinderabbiner in der Israelitischen Religionsgemeinde in Leipzig an. Seit 2012 ist Zsolt Balla Vorstandsmitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland. Außerdem leitet er als Direktor das Institut für Traditionelle Jüdische Liturgie. Seit 2019 ist er Landesrabbiner in Sachsen, seit Juni 2021 Militärbundesrabbiner. Zsolt Balla lebt mit seiner Frau Marina und drei Kindern in Leipzig.

Schabbat Schalom bei MDR KULTUR Die Sendung bezieht sich auf die jüdische Tradition, die fünf Bücher Moses im Gottesdienst der Synagoge innerhalb eines Jahres einmal vollständig vorzulesen. Dabei wird die Thora in Wochenabschnitte unterteilt. Zugleich ist es häufige Praxis, die jeweiligen Wochenabschnitte auszulegen.

Bei MDR KULTUR geben die Autorinnen und Autoren alltagstaugliche Antworten auf allgemeine Lebensfragen, mit denen sie auch zur persönlichen Auseinandersetzung anregen. Zugleich ist "Schabbat Schalom" eine Einführung in die jüdische Religion, Kultur und Geschichte.

"Schabbat Schalom" ist immer freitags um 15:45 Uhr bei MDR KULTUR zu hören sowie online abrufbar bei mdr.de/religion.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR | 12. August 2022 | 15:45 Uhr