MDR Kultur | 02.09.2022 | Wochenabschnitt Schoftim Schabbat Schalom mit Ruth Röcher: Von der Wertschätzung lebenslanges Lernens

Im Judentum genießt das lebenslange Lernen einen hohen Stellenwert. An der Bildung sollen alle Menschen teilhaben können – unabhängig von ihrer sozialen Herkunft. Die Grundlagen dafür finden sich im Wochenabschnitt „Schoftim“, den Ruth Röcher, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Chemnitz, auslegt.

Unser Wochenabschnitt ist der fünfte Abschnitt im Buch Deuteronomium, im hebräischen Dwarim genannt. Dwarim heißt übersetzt Worte. Der Wochenabschnitt beginnt im Kapitel 16 Vers 18 und endet im Kapitel 21 Vers 9.

Das Buch Dwarim enthält durchgehend Ansprachen Moses zum Volk. Moses wird das verheißene Land nicht betreten, er wird sterben, bevor das Volk Israel in das Land Kanaan einziehen wird. Moses ist voller Sorge um das Volk. Sie werden ohne ihn zurechtkommen müssen, und er befürchtet, dass das Volk die Wege der Thora verlassen wird. Eindringlich wiederholt er alle Gebote, die in der Tora erlassen wurden. Das Buch Dwarim wird deswegen auch Mischne Tora, übersetzt "Wiederholung der Tora" genannt. Es gibt Toragelehrte, die das Buch als "Essenz der Tora" bezeichnen.

Der Wochenabschnitt beginnt mit den Worten:

 "Richter und Beamte sollst du dir setzen in all deinen Toren…"

Diese Worte weisen uns auf das beherrschende Thema dieses Wochenabschnitts hin. Für das Leben im Land Kanaan ist ein funktionierendes Rechtssystem unabdinglich. Richter, die Recht sprechen und eine Exekutive, die dafür sorgt, dass das Recht umgesetzt wird, werden benötigt. Insgesamt vier Amtsgewalten werden in unserem Wochenabschnitt festgelegt: die Rechtsprechung, die Exekutive, religiöse Führung und staatliche Führung. Diese vier Elemente, die durchaus modern erscheinen, sollen ein geordnetes Zusammenleben im Land garantieren für ein Volk, das aus der Sklaverei kam und 40 Jahre in der Wüste wanderte.

Schauen wir uns dieses System in unserem Wochenabschnitt etwas näher an.

Zunächst werden die Richter erwähnt. Schon im zweiten Buch Mose, im Wochenabschnitt Jetro, wurde erklärt, welche Eigenschaften die Richter haben sollen: Sie soll weise und g`ttesfürchige Männer sein, sie sollen der Wahrheit verpflichtet und unbestechlich sein. Demnach kann jeder Mann aus dem Volk, der diese Eigenschaften besitzt, das Richteramt ausführen. Der Richter hat allein ein Ziel zu verfolgen: nämlich jedem, der im Volk Israel lebt, Gerechtigkeit zukommen zu lassen. Dass dieses Amt nur Männer bekleiden durften, entspricht zwar nicht unseren heutigen Vorstellungen, ist aber für die damalige Zeit die Regel.

Der zweite Begriff in unserem Wochenabschnitt ist "Schotrim". Rabbiner Zunz übersetzt das Wort mit "Beamte", Rabbiner Hirsch trifft mit seiner Übersetzung meiner Meinung nach das hebräische Wort besser und übersetzt es mit "Ausführungsbeamte". Der bedeutende Exeget RaSchi ist mit seiner Übersetzung drastischer. Er erklärt, dass die Personen gemeint sind, die hinter dem Volk mit Stock und Gurt bzw. Riemen herrennen, um Entscheidungen der Richter durchzusetzen. In heutigen Verständnis würden wir vielleicht ganz einfach von der Polizei sprechen.

Kommen wir nun zur religiösen Führung, die den Priestern oblag. Aufgabe der Priester war es, im Tempel zu dienen und das Volk zu unterrichten. Es war Privileg des Stammes Levi, Priesterämter zu besetzen, nur ein Levi konnte Priester werden. Dem Priester, der auch Lehrer war, war geboten, ständig selbst zu lernen. Damit er dem Gebot nachkommen konnte, befreite ihn die Tora von jeglicher Tätigkeit zur Sicherung des Lebensunterhalts. Der Stamm Levi erhielt als einziger Stamm keinen Grundbesitz im verheißenen Land, stattdessen wurde er aus Steuermitteln versorgt. Ein Zehntel des jährlichen Ertrags gehörte dem Stamm Levi.

Eine Sonderstellung in der Gruppe der religiösen Führung nehmen die Propheten ein. Sie werden durch den Ewigen individuell eingesetzt, um das Volk zu mahnen, G’ttes Wegen zu folgen. Die Diskussion über falsche und richtige Propheten ist umfangreich und kann hier nicht erklärt werden.

Besonders bemerkenswert finde ich die Verpflichtung der Priester, als Lehrer tätig zu sein. Damit wurde eine Institution geschaffen, die allen Schichten Zugang zum Lernen und zur Bildung eröffnete. Die Wertschätzung des lebenslangen Lernens in der jüdischen Tradition findet darin ihren Ursprung.

"So setze einen König über dich, den der Ewige sein G’tt erwählen wird. Aus der Mitte deiner Brüder sollst du über dich einen König setzen …".

So lautet der Text des Wochenabschnitts, der uns zur Staatsführung bringt. Der Text lässt sich so deuten, dass der König sowohl vom Volk als auch vom Ewigen ausgewählt wird. Ähnlich wie ein Richter kann offensichtlich jede geeignete Person als "König" eingesetzt werden. Die Tora nennt jedoch Eigenschaften, die mit dem Amt verbunden sind: Der König soll nur wenige Pferde haben,  nur wenige Ehefrauen und nicht viel Reichtum. Er soll die Tora besitzen, sie täglich studieren, um ihren Wegen zu folgen.

Der kurze Text fordert geradezu dazu auf, Fragen zu stellen, die seit Jahrhunderten immer wieder gestellt werden: Ist es ein Gebot, einen König zu haben oder ist es nur eine Möglichkeit unter anderen? Warum werden ausgerechnet Pferde erwähnt, von denen der König nur wenige besitzen soll? Und kann Israel auch eine Königin haben? Und wie steht es um König Salomon, der reich war und über tausend Frauen besessen hat, hat er nicht im Einklang mit den Gesetzen der Tora regiert? Das alles sind Fragen, die Sie mit ihren Familien und Freunden diskutieren können.

Schabbat Schalom!

Zur Person: Ruth Röcher Geboren 1954 in Israel. Seit 1976 in Deutschland. Studium der Pädagogik und Judaistik an der GHS Siegen und GHS Duisburg. Promotion zum Thema "Die jüdische Schule im nationalsozialistischen Deutschland 1933–1942". Von 1994 bis 2019 Religionspädagogin für den Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden, der die Gemeinden in Chemnitz, Dresden und Leipzig umfasst. Seit 2006 Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Chemnitz. Sie ist Mutter von zwei Kindern.

Schabbat Schalom bei MDR KULTUR Die Sendung bezieht sich auf die jüdische Tradition, die fünf Bücher Moses im Gottesdienst der Synagoge innerhalb eines Jahres einmal vollständig vorzulesen. Dabei wird die Thora in Wochenabschnitte unterteilt. Zugleich ist es häufige Praxis, die jeweiligen Wochenabschnitte auszulegen.

Bei MDR KULTUR geben die Autorinnen und Autoren alltagstaugliche Antworten auf allgemeine Lebensfragen, mit denen sie auch zur persönlichen Auseinandersetzung anregen. Zugleich ist "Schabbat Schalom" eine Einführung in die jüdische Religion, Kultur und Geschichte.

"Schabbat Schalom" ist immer freitags um 15:45 Uhr bei MDR KULTUR zu hören sowie online abrufbar bei mdr.de/religion.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR | 02. September 2022 | 15:45 Uhr