MDR Kultur | 29.07.2022 | Wochenabschnitt Masej Schabbat Schalom mit Ruth Röcher: Eine lange Wanderung als G’ttes Plan

Es ist nicht immer einfach, ins gelobte Land zu gelangen. Vierzig Jahre muss das Volk Israel in der Wüste ausharren, weil es Gott zu wenig Vertrauen entgegen bringt. Doch seine Geduld wird letztlich belohnt, wie Ruth Röcher in ihrer Auslegung des Wochenabschnitts zeigt.

Der Wochenabschnitt Masej ist der zehnte und letzte aus dem Buch Bamidbar, dem 4. Buch Mose. In Kapitel 33, Vers 1 bis Kapitel 36, Vers 13 wird abschließend über die Wüstenwanderung des Volkes Israel berichtet. Der Wochenabschnitt ist gleichermaßen Rück- und Ausblick.

Moses erstellt auf Befehl G’ttes einen Reisebericht in Form einer Liste mit den Namen der Orte, die während der vierzig Jahre währenden Wüstenwanderung der Israeliten als Lagerplätze dienten. Es folgt die Anweisung G’ttes zur Vertreibung der Kanaaniter und eine genaue Beschreibung der Grenzen Kanaans, des Landes, das den Stämmen des Volkes Israel von G’tt gegeben wird.

Die Reisebeschreibung Moses ist eine trockene, monotone Liste mit 42 Ortsnamen, fast ohne Ausschmückungen. Die fünfundvierzig Verse verwenden immer wieder die gleiche Formulierung: "Und die Kinder Israel brachen auf ... und lagerten in …". Nebenbei bemerkt, bis heute gibt es keinen wissenschaftlichen Nachweis über die genaue Route der Wüstenwanderung. Die Orte können nicht identifiziert werden, und es fehlen archäologische Befunde. Es erhebt sich die Frage nach dem Sinn der Liste, die schon unsere Gelehrten beschäftigte.

Der Weg ins gelobte Land sei kein Zufall

Rabbi Awraham Iben Esra, ein spanischer Gelehrter, der im 11. Jahrhundert lebte, gibt erste Hinweise in seiner Auslegung. Allein G’tt, so schreibt er, bestimmte über Ruhezeiten und Aufbruch. Weder das Volk noch Moses hatten darauf Einfluss.

Midrasch Hagadol, der große Midrasch, eine mittelalterliche Textsammlung von Midraschim, entstanden im 14. Jahrhundert in Jemen, erzählt uns, dass Moses auf G’ttes Befehl die Namensliste verfasste, jedoch auch eigene Gedanken dazu hatte. Moses war der Meinung, wenn die Reise undokumentiert bleibe, würden Behauptungen entstehen, dass das Volk Israel vierzig Jahre durch die Wüste irrte und eher zufällig Kanaan erreichte. Midrasch Tanchuma sagt ausdrücklich, dass der Weg in das gelobte Land kein Zufall, sondern G’ttes Plan war.

Maimonides aus dem 10. Jahrhundert argumentiert ähnlich. Er betont, dass der Weg von G’tt bestimmt wurde und nicht beliebig war. Er leitet aus dieser Thorastelle einen grundsätzlichen Ansatz für die Erforschung der Thora ab. Für uns scheinbar überflüssige und inhaltsleere Stellen der Thora sind nicht sinnlos. Es bedeutet nur, dass wir den Sinn dieser Stellen nicht verstanden haben und daher weiter forschen müssen.

Raschi, der etwa einhundert Jahre nach Maimonides in Frankreich und Deutschland lebte, erzählt eine Geschichte über einen König, dessen Sohn erkrankte. Der König brachte seinen Sohn zu einem Ort, an dem er geheilt wurde. Auf dem Rückweg zählte der Vater alle ihre Stationen auf, die zu dem Ort der Genesung geführt hatten und erinnerte seinen Sohn an Ereignisse, die mit der Station verbunden waren. Hier haben wir geschlafen, hier hast du dich erkältet, hier hattest du Kopfschmerzen. Raschi führt aus, dass der Ewige Moses mit den Worten beauftragt habe: "Erinnere das Volk an alle Orte, wo sie mich ärgerten".

Der Volk fehlt das Vertrauen in den Ewigen und Moses

Warum das Wort "ärgern"? Wir erinnern uns: zwei Jahre nach dem Auszug aus Ägypten sendete Moses Kundschafter nach Kanaan, um mehr über das Land und deren Einwohner zu erfahren. Sie kehrten mit der Botschaft zurück, dass es das Land sei, wo Milch und Honig fließen - aber auch mit der Botschaft, dass die Einwohner riesig und unbesiegbar seien. Daraufhin erschrak das Volk und wollte zurück nach Ägypten. Dem ihm fehlten Vertrauen in den Ewigen und in Moses. Als Strafe mussten sie vierzig Jahre in der Wüste bleiben. (4. Buch Mose, Kapitel 14, Vers 33-35)

Was lernen wir daraus?

Das jüdische Volk soll sich an die Wanderung in der Wüste erinnern. Die Wanderung war der Plan G’ttes. Beim Lesen der Parascha soll sich das Volk an die guten und schlimmen Ereignisse während der vierzig Jahre in der Wüste erinnern. Es soll ihm bewusst werden, dass der Ewige in seiner Liebe und Treue das jüdische Volk in das versprochene Land Israel brachte.

Abschließen möchte ich mit dem versöhnlichen Kommentar von Rabbiner Obadja Sforno, der in Italien von etwa 1475 bis 1550 lebte. Rabbiner Sforno urteilt mild über das Volk Israel. Die Thora berichtet immer wieder über das Versagen des Volkes während der vierzigjährigen Wanderung: es errichtete das Goldene Kalb, es jammerte nach Fleisch und Gemüse, und es fehlte ihm immer wieder an G’ttvertrauen.

Jetzt soll das andere Gesicht Israel gezeigt werden, die Treue Israels zu dem Ewigen. In der Wüste, ausgesetzt Entbehrungen und Gefahren, folgten sie G’ttes Wegen. Nun haben sie ihr Ziel erreicht. Sie stehen vor dem gelobten Land.

Schabbat Schalom!

Zur Person: Ruth Röcher Geboren 1954 in Israel. Seit 1976 in Deutschland. Studium der Pädagogik und Judaistik an der GHS Siegen und GHS Duisburg. Promotion zum Thema "Die jüdische Schule im nationalsozialistischen Deutschland 1933–1942". Von 1994 bis 2019 Religionspädagogin für den Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden, der die Gemeinden in Chemnitz, Dresden und Leipzig umfasst. Seit 2006 Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Chemnitz. Sie ist Mutter von zwei Kindern.

Schabbat Schalom bei MDR KULTUR Die Sendung bezieht sich auf die jüdische Tradition, die fünf Bücher Moses im Gottesdienst der Synagoge innerhalb eines Jahres einmal vollständig vorzulesen. Dabei wird die Thora in Wochenabschnitte unterteilt. Zugleich ist es häufige Praxis, die jeweiligen Wochenabschnitte auszulegen.

Bei MDR KULTUR geben die Autorinnen und Autoren alltagstaugliche Antworten auf allgemeine Lebensfragen, mit denen sie auch zur persönlichen Auseinandersetzung anregen. Zugleich ist "Schabbat Schalom" eine Einführung in die jüdische Religion, Kultur und Geschichte.

"Schabbat Schalom" ist immer freitags um 15:45 Uhr bei MDR KULTUR zu hören sowie online abrufbar bei mdr.de/religion.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR | 01. Juli 2022 | 15:45 Uhr