Schabbat Schalom mit Esther Jonas-Märtin Du sollst dich erfreuen – oder Feste feiern, wie sie fallen

Kann man überhaupt feiern, wenn der Alltag eher düster aussieht? Aber ja, sagt die Leipziger Rabbinerin Esther Jonas-Märtin in ihrer Auslegung des Wochenabschnitts "Re’eh“. Denn Gott möchte, dass sich die Menschen freuen. Und die Rabbinerin empfiehlt: Je intensiver wir uns auf die Festvorbereitungen einlassen, desto mehr geraten wir auch in Feierstimmung.

"Re’eh/Siehe an diesem Tag setze ich für Euch Segen und Fluch", so beginnt die Parascha dieser Woche. Segen und Fluch ergeben sich aus dem Befolgen oder Nichtbefolgen der Gebote G’ttes. Kurz vor dem Erreichen des versprochenen gelobten Landes unterrichtet Moses die Israeliten darüber, was passiert, wenn sie falschen Göttern dienen oder falschen Propheten folgen, darüber, was als koscheres Essen gilt und über Abgaben, die Befreiung von Sklaven und die Pilgerfeste.

In den nächsten Minuten möchte ich mich auf einen Vers konzentrieren, genauer: auf ein Gebot in Bezug auf die Pilgerfeste, Devarim/Deuteronomium 16:14:

Und erfreue dich vor dem Herrn, deinem Gotte, du und dein Sohn und deine Tochter und dein Knecht und deine Magd und der Levite, der in deinen Städten, und der Fremde und die Waise und die Witwe, die in deinen Toren wohnen.

Devarim/Deuteronomium 16:14

"Erfreue dich" – G’tt möchte also, dass wir uns freuen, aber können Gefühle verordnet werden? Können wir uns freuen, wenn wir gerade trauern oder unseren Job verloren haben oder krank sind? Können wir uns freuen, wenn die Welt um uns herum in Flammen steht, und wenn Krieg herrscht? G’tt sagt: "Erfreue dich" und fordert uns dazu auf, Feiertage zu feiern, egal unter welchen Umständen.

Verpflichtung und Achtsamkeit

Wie kommt das Jüdische Gesetz dazu, Menschen zu sagen, sie sollen sich erfreuen? Wie funktioniert ein solches Gebot für eine bestimmte Gefühlslage in einem religiösen Kontext?

Nun, eine mögliche Antwort ist, dass das Judentum unterscheidet zwischen Keva, der Verpflichtung Dinge zu tun, und Kavannah, der Achtsamkeit.

Das Gebot "Erfreue dich" ist ein Beispiel dafür, dass es beides braucht, um Feiertage richtig zu begehen. Zuerst folgen wir all den Instruktionen zu den Vorbereitungen, wir bereiten die Speisen und Getränke vor, wir kaufen neue Kleidung und wir laden Gäste ein – alles das ist Keva.

Kavannah ist, wenn wir beginnen, uns darüber zu freuen: Indem wir uns darauf einlassen, das Feiern vorzubereiten, lassen wir uns auch darauf ein, uns freuen zu können. Indem wir uns vorbereiten, uns festlich kleiden, ausgehen und uns mit anderen Menschen umgeben, begeben wir uns in den Modus des Feierns. Und manchmal, bisweilen sogar öfter, geschieht mehr als dieses Handeln an sich. Das Handeln führt zum Gefühl: Je intensiver wir das Fest vorbereiten, desto mehr fangen wir an, uns in Feierstimmung zu befinden.

Den Segen mit Bedürftigen teilen

Feiern ohne Tzedakah, also ohne an die Menschen zu denken, die zu wenig haben, ist im jüdischen Kontext undenkbar. Daher ist die Erwähnung der Fremden, Witwen und Waisen wichtig, die unbedingt dazu gehören, wenn wir feiern. Ein Gedanke, der im Kapitel 15, Vers 4: "Es sollen keine Bedürftigen unter Euch sein, weil das Land, das G’tt Euch gegeben hat zum Segen ist" nochmal intensiviert und auch über den Feiertagskontext hinausgetragen wird.

Der Segen, den das Land bringt, sollen wir mit anderen teilen. Das, was im Alltag gilt, gilt umso mehr an Feiertagen. Und umgekehrt: wenn wir Tzedakah geben an Feiertagen, dann dürfen wir auch nicht vergessen, das, was uns an Gutem zuteil wird, auch im Alltag mit anderen zu teilen.

Dieser Text lädt uns dazu ein, beides zu sehen: Das Gute und den Segen in unserem Leben einerseits, bedürftige Menschen andererseits. Lassen wir zu, dass wir Feste feiern für uns selbst und für andere. Auch wenn wir Armut und Bedürftigkeit nicht beseitigen können, werden wir durch Tzedakah zum Geschenk für andere.

Schabbat Schalom!

Zur Person: Esther Jonas-Märtin Rabbinerin Esther Jonas-Märtin studierte Jüdische Studien, Literaturwissenschaft, Moderne Geschichte und Religionswissenschaften in Leipzig und Potsdam und erwarb 2006 den Master of Arts. Im Jahre 2017 schloss sie das mehrjährige Studium zur Rabbinerin mit dem Master of Arts in Rabbinics und der Rabbinischen Ordination in Los Angeles ab. Sie ist Initiatorin und Gründerin des Lehrhauses Beth Etz Chaim in Leipzig (2018), sowie Referentin und Autorin einer Vielzahl von Artikeln und Beiträgen in den Themenbereichen: moderne jüdische Geschichte, Gender, Jiddische Poesie, Jüdische Ethik und Judentum.

Schabbat Schalom bei MDR KULTUR Die Sendung bezieht sich auf die jüdische Tradition, die fünf Bücher Moses im Gottesdienst der Synagoge innerhalb eines Jahres einmal vollständig vorzulesen. Dabei wird die Thora in Wochenabschnitte unterteilt. Zugleich ist es häufige Praxis, die jeweiligen Wochenabschnitte auszulegen.

Bei MDR KULTUR geben die Autorinnen und Autoren alltagstaugliche Antworten auf allgemeine Lebensfragen, mit denen sie auch zur persönlichen Auseinandersetzung anregen. Zugleich ist "Schabbat Schalom" eine Einführung in die jüdische Religion, Kultur und Geschichte.

"Schabbat Schalom" ist immer freitags um 15:45 Uhr bei MDR KULTUR zu hören sowie online abrufbar bei mdr.de/religion.

Jüdische Feiertage & Synagogen in Mitteldeutschland

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR | 03. Juni 2022 | 15:45 Uhr