Schabbat Schalom | Wochenabschnitt: Ki Teze | MDR Kultur | 09.09.2022 Michal Natovich über Gesetze für eine bessere Welt

Was können wir tun, um die Welt sicherer und gerechter zu machen? Der Wochenabschnitt gibt viele Hinweise für die Verbesserung der Welt, hebräisch "Tikkon Olam" genannt. Ein wichtiger Gedanke dabei ist, zusammenzuarbeiten und Aufgaben gemeinsam anzugehen.

Was sind die jüdischen Gesetze? Und wofür stehen sie?

In dieser Woche lesen wir in den Synagogen den Wochenabschnitt Ki Teze. Ki Teze erzählt nicht wie viele andere Wochenabschnitte eine Geschichte, sondern ist Teil der Rede, die Moses vor seinem Tod hielt. 

In der Tora ist dieser Wochenabschnitt der mit den meisten jüdischen Gesetzen. In seiner Rede stellt Moses nicht weniger als 72 Gesetze auf, die sich mit vielen verschiedenen Punkten befassen.

Es gibt Gesetze über das Eigentum anderer Menschen, fairen Handel und soziale Gerechtigkeit, die für die damalige Zeit fortschrittlich waren. Zum Beispiel, dass man das Gehalt zeitnah bezahlen und nicht aufschieben soll. Andere Gesetze sollen die Armen und Schwachen in der Gesellschaft schützen. Dazu das Gesetz, den Armen einen Teil der Ernte auf den Feldern zu lassen, damit sie ihn nutzen können.

Es gibt auch Gesetze, die sich mit den Beziehungen zwischen Männern und Frauen befassen. Gesetze über Ehe und Scheidung, und einige Gesetze, die für die damalige Zeit ziemlich fortschrittlich waren und dem Schutz der Frauen dienten. So gibt es ein Gesetz, das Frauen, die im Krieg gefangen genommen wurden, vor Missbrauch schützt.

Maßnahmen, die der Verbesserung der Welt dienen

Auch wenn die damalige Auffassung von Gerechtigkeit eine ganz andere war als die moderne, können wir in diesen Gesetzen deutlich das Streben nach Gerechtigkeit erkennen. Und mehr noch: alle, die eine Machtposition haben, werden aufgefordert, ihre Position nicht auszunutzen. Dieser Gedanke geht Hand in Hand mit dem jüdischen Prinzip des "Tikkon Olam", d.h. mit den Maßnahmen, die der Verbesserung der Welt dienen.

Ich möchte mich auf eines der Gesetze in diesem Wochenabschnitt konzentrieren, dass für viele Menschen, auch für mich, ein Rätsel ist. Dieses Gesetz bezieht sich auf einen Sohn, der seinen Eltern nicht gehorcht und sie missachtet. Dieser Sohn wird als ein „Hedonist“ beschrieben, der zu viel trinkt und isst. Er wurde von seinen Eltern gewarnt und bestraft, hat aber sein Verhalten nicht geändert. In dieser Situation sollen nun die Eltern ihren Sohn zu den Weisen der Stadt bringen. Wenn er für schuldig befunden wird, werden die Leute der Stadt ihn zu Tode steinigen.

Die Verantwortung liegt in der Gemeinschaft

Die Vorstellung dieses Gesetzes ruft viele Emotionen hoch. Es scheint extrem brutal zu sein. Ich habe den Eindruck, dass auch die Weisen im Talmud, die jüdischen Rabbiner, ähnlich dachten. Sie schränkten die Bedingungen des Falles so sehr ein, dass manche meinen, dieses Gesetz sei reine Theorie und nie in Kraft gesetzt worden.

Trotzdem können wir aus diesem Gesetz etwas sehr Wichtiges über Erziehung lernen. Dieses Gesetz zeigt auf, dass es nicht nur die Verantwortung der Eltern ist, ihren Sohn zu erziehen, sondern auch die Verantwortung der Weisen der Stadt und eigentlich der ganzen Stadt. "Es braucht ein Dorf, um ein Kind aufzuziehen", sagt das bekannte Sprichwort.

Also: Die Eltern sollten mit sehr schwierigen Jugendlichen nicht allein gelassen werden, sondern die Gesellschaft sollte ihnen helfen, Grenzen zu setzen - natürlich nicht mit Steinen, da gibt es viel bessere Möglichkeiten.

Viele Gesetze, die sich auf viele verschiedene Bereiche des Lebens erstrecken, werden in diesem Wochenabschnitt vorgestellt. Viele Gesetze, die dazu gedacht sind, eine bessere, sicherere und gerechtere Welt zu schaffen. "Tikkon Olam", die bessere Welt, wird erreicht, wenn wir Grenzen zu Macht und Missbrauch ziehen und als Gesellschaft zusammenarbeiten.

In diese Sinne – Schabbat Schalom!

Zur Person: Michal Natovich Michal Natovich wurde 1979 in Israel geboren und wuchs in einer modernen orthodox-jüdischen Familie auf. Sie studierte Literatur auf Lehramt und arbeitete nach ihrem Diplom-Abschluss mehrere Jahre als Lehrerin für Hebräische Sprache und Literatur an einer israelischen Schule. Seit 2012 wohnt sie mit ihrer Familie in Leipzig. Dort war sie als Hebräisch-Dozentin in verschieden Institutionen tätig. Seit 2020 arbeitet sie als Lehrerin für Jüdische Religion in Leipzig und Dresden.

Schabbat Schalom bei MDR KULTUR Die Sendung bezieht sich auf die jüdische Tradition, die fünf Bücher Moses im Gottesdienst der Synagoge innerhalb eines Jahres einmal vollständig vorzulesen. Dabei wird die Thora in Wochenabschnitte unterteilt. Zugleich ist es häufige Praxis, die jeweiligen Wochenabschnitte auszulegen.

Bei MDR KULTUR geben die Autorinnen und Autoren alltagstaugliche Antworten auf allgemeine Lebensfragen, mit denen sie auch zur persönlichen Auseinandersetzung anregen. Zugleich ist "Schabbat Schalom" eine Einführung in die jüdische Religion, Kultur und Geschichte.

"Schabbat Schalom" ist immer freitags um 15:45 Uhr bei MDR KULTUR zu hören sowie online abrufbar bei mdr.de/religion.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR | 09. September 2022 | 15:45 Uhr