MDR Kultur | 23.09.2022 Schabbat Schalom zum jüdischen Neujahrsfest: "Jeder Mensch zählt"

Am Sonntagabend beginnt das jüdische Neujahrsfest Rosch Haschana. Es gilt jüdischen Gläubigen als Hochfest auf die Erschaffung der Welt aber auch als Zeit des göttlichen Gerichts. Das bedeutet, auf die Taten im vergangenen Jahr zurückzublicken und gute Vorsätze für das neue Jahr zu schmieden. Dass jeder Mensch mit seinen Taten zählt, betont der Abschnitt der Tora, Nizzawim, aus dem Thüringens Landesrabbiner Alexander Nachama zu diesem Anlass liest.

Alexander Nachama in der Synagoge in Erfurt 3 min
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Am Sonntagabend beginnt das jüdische Neujahrsfest Rosch Haschana. Dass jeder Mensch mit seinen Taten zählt, betont der Abschnitt der Tora, aus dem Thüringens Landesrabbiner Alexander Nachama dazu liest.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 23.09.2022 15:30Uhr 03:11 min

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In Nizzawim, dem Abschnitt dieser Woche, spricht Mosche zu dem versammelten Israeliten: "Ihr steht jetzt alle vor dem Ewigen, eurem Gott, Stammhäupter, Älteste und Beamte, auch jeder gewöhnliche Mensch in Israel, eure Kinder, Frauen und der Fremde, der im Lager bei euch ist."

Die letzten Worte von Mosche

Es ist eine Vollversammlung, die hier abgehalten wird. Nicht nur die Stammhäupter und Männer, sondern auch Frauen und Kinder, sogar Fremde, die sich im Lager der Israeliten aufhalten, sollen diese letzten Worte von Mosche hören.

Mosche fährt fort: "Dass du eintrittst in den Bund Gottes (…) mit welchem der Ewige dich heute verpflichtet."

Es fällt auf, dass Mosche das Wort "heute" (Heb.: Hajom) benutzt. Wie sollen wir das verstehen? War der Bund bis zu dem Tag, an dem Mosche dies gesagt hat, etwa nicht verpflichtend?

Hajom: Heute und immerdar

Der berühmte mittelalterliche Kommentar von Raschi schreibt: Mit "Hajom" ist im Grunde jeder Tag gemeint, also beispielsweise auch der heutige Tag. Jeden Tag sollen wir in den Bund Gottes neu eintreten, jeden Tag sind wir von neuem dazu verpflichtet, die Gebote zu halten. Es ist kein einmaliger Prozess oder ein Prozess, der vielleicht irgendwann abgeschlossen ist, sondern ein Prozess, der immer wieder, jeden Tag von neuem von jeder Person aufgenommen werden soll.

Es heißt weiter: "Nicht mit euch allein setze ich diesen Bund, sondern auch mit dem, (…) der heute nicht zugegen ist."

Diejenigen, die zugegen sind, sind bereits anfangs genannt worden. Wer aber sind diejenigen, die nicht zugegen sind? Sind das die Kranken, die nicht kommen konnten? Oder die Verstorbenen?

Raschi schreibt: Damit sind die künftigen Generationen gemeint.

Das bekräftigt: Nur weil die Tora schon viele Tausend Jahre alt ist, hat sie für uns nicht an Bedeutung oder Aktualität verloren. Nein, der Bund mit Gott gilt für uns genauso, wie er für die Israeliten, die dieser Rede von Mosche "live" zugehört haben, galt. Die Tora gilt für alle Generationen an jedem Tag, für die Ewigkeit.

Neujahrsfest Rosch Haschana: Jeder Mensch mit seinen Taten zählt

Am Sonntagabend beginnt mit dem jüdischen Neujahrsfest Rosch Haschana das Jahr 5783. Daher haben diese Worte der Tora noch eine zusätzliche Bedeutsamkeit. Denn sie betonen, dass jeder Mensch vor Gott zählt. Dies ruft uns in Erinnerung, dass Gott ebenso ALLE – Frauen und Männer, Kinder und Jugendliche, Reiche und Arme – in eines der drei Bücher, die er am Rosch Haschana aufschlägt, einträgt. Entweder in das Buch der vollkommen Gerechten, das Buch der Mittelmäßigen oder das Buch der Bösen – abhängig von unseren Taten des letzten Jahres.

Bis Jom Kippur haben wir jedoch die Möglichkeit, Umkehr und Buße zu tun. Wollen wir uns dies bewusst machen, lieber heute (Hajom) als morgen.

Schabbat Schalom!

Zur Person: Alexander Nachama Geboren 1983 in Frankfurt am Main. 2005 erhielt er von Rabbiner Zalman Schachter-Shalomi, dem Gründer der Rabbiner- und Kantorenschule "Aleph", eine Urkunde als Kantor. 2008 erhielt er einen Bachelor in Judaistik (Freie Universität Berlin), 2013 einen Master (Universität Potsdam). Ab 2007 absolvierte er eine Ausbildung am Abraham Geiger Kolleg mit Studienaufenthalten in Israel, die er 2013 mit der Ordination zum Rabbiner abschloss. 1998 - 2011 amtierte Alexander Nachama zunächst als ehrenamtlicher Vorbeter, später als Kantor in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. In den Jahren 2012 - 2018 war er Gemeinderabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Dresden. Seit 2018 ist er Landesrabbiner der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen.

Schabbat Schalom bei MDR KULTUR Die Sendung bezieht sich auf die jüdische Tradition, die fünf Bücher Moses im Gottesdienst der Synagoge innerhalb eines Jahres einmal vollständig vorzulesen. Dabei wird die Thora in Wochenabschnitte unterteilt. Zugleich ist es häufige Praxis, die jeweiligen Wochenabschnitte auszulegen.

Bei MDR KULTUR geben die Autorinnen und Autoren alltagstaugliche Antworten auf allgemeine Lebensfragen, mit denen sie auch zur persönlichen Auseinandersetzung anregen. Zugleich ist "Schabbat Schalom" eine Einführung in die jüdische Religion, Kultur und Geschichte.

"Schabbat Schalom" ist immer freitags um 15:45 Uhr bei MDR KULTUR zu hören sowie online abrufbar bei mdr.de/religion.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR | 23. September 2022 | 15:45 Uhr

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