Debatte Impfen – ein Akt der Nächstenliebe?

Die evangelische und die katholische Kirche in Sachsen haben in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Roten Kreuz eine Impfaktion angeboten. Sechs Kirchgemeinden in Dresden, Schneeberg, Schmochtitz und Leipzig waren am vergangenen Sonntag daran beteiligt. Menschen konnten kommen, um sich dort zum ersten, zweiten oder dritten Mal gegen Corona impfen zu lassen. Kann eine solche Aktion helfen, der gesellschaftlichen Spaltung entgegen zu wirken? Oder vertieft sie noch die Gräben zwischen jenen, die eine Impfung befürworten – und jenen, die sie ablehnen?

Menschen warten in der Nikolaikirche auf eine Impfung
Impfaktion in der Nikolaikirche Leipzig Bildrechte: dpa

Vor der Leipziger Nikolaikirche steht am ersten Adventssonntag eine Schlange von Menschen, die sich impfen lassen wollen. Einige haben einen Termin, andere sind spontan gekommen. Sie haben auf ganz unterschiedlichen Wegen von der Aktion erfahren.

Die überwiegende Mehrheit der Teilnehmenden kommt zur Drittimpfung. Einige von ihnen sind kirchennah, andere nicht. Wie erleben sie den Spagat, den die Kirchen hier versuchen? Mit Aktionen wie dieser positionieren sie sich klar pro Impfung. Andererseits aber wollen sie der gesellschaftlichen Polarisierung entgegenwirken.

Man merkt schon, dass das so ein Zwiespalt ist. Dass sie versuchen, niemandem auf die Füße zu treten. Aber ich finde, die Kirche kann da ruhig ein bisschen aktiver Richtung Impfung predigen.

Teilnehmer

Am Eingang zur Kirche melden sich die Impfwilligen an. Dann nehmen sie im rechten Teil des Kirchenraums Platz und warten auf ihre Impfung. Geimpft wird in der Sakristei, die Kirchenbänke auf der linken Seite dienen anschließend als Ruhebereich.

Der Radiobeitrag zum Nachhören:

Buchstabenwürfel mit dem Schriftzug impfen und eine Spritze liegen auf einem Spiegel. 4 min
Bildrechte: dpa
4 min

Viele Menschen lassen sich auch impfen, um andere vor dem Virus zu schützen. Wie groß ist die Gefahr, dass sie sich dabei jenen, die eine Impfung ablehnen, moralisch überlegen fühlen?

MDR KULTUR - Das Radio Fr 03.12.2021 15:11Uhr 03:37 min

https://www.mdr.de/kultur/videos-und-audios/audio-radio/audio-1900084.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Pfarrer Bernhard Stief ist froh, dass es ihm gelungen ist, die Aktion kurzfristig mit Hilfe des Roten Kreuzes zu realisieren.

Wir müssen uns davor hüten, Menschen zu stigmatisieren, in Geimpfte und Ungeimpfte, indem wir sie in eine Ecke stellen. Es ist vielmehr wichtiger, dass wir ihnen helfen, sie aus einer vielleicht verfahrenen Situation, in die sie sich selbst gebracht haben, herauszuholen.

Pfarrer Bernhard Stief

Doch wie kann ein Dialog zwischen Impfbefürwortern und - skeptikern überhaupt gelingen? Auf Augenhöhe – und ohne, dass eine Seite auf die andere überheblich wirkt?   

Im Gespräch bleiben

Grundsätzlich habe die Kirche durchaus Möglichkeiten, der gesellschaftlichen Spaltung entgegen zu wirken – auch wenn ihr Spielraum begrenzt sei, meint Gert Pickel, Professor für Religionssoziologie an der Universität Leipzig.

"Es ist einer der wenigen Orte, wo Personen aus unterschiedlichen Gruppen der Gesellschaft noch zusammenkommen. Durchaus aufgrund unterschiedlicher Ideen. Sie wollen vielleicht im Chor singen oder was auch immer. Gleichwohl ist da aber auch die Möglichkeit, sich über unterschiedliche Positionen auszutauschen."

Vor dem Eingang der Nikolaikirche stehen in der winterlichen Kälte die Ehrenamtlichen, um die Impfwilligen zu begrüßen. Von den Vorübergehenden bekommen sie auch negative Kommentare zu hören. Die Kirche solle sich schämen für diese Impfaktion, heißt es da beispielsweise. Doch Kritik gebe es auch innerhalb der Gemeinden, so Religionssoziologe Pickel:  

"Es wird Gruppen geben, die politisch anders positioniert sind und sich mit dieser Position auch innerhalb der Kirche gegen Kirche positionieren. Da muss man dann theologisch wie auch normativ-moralisch schauen, welche Position die angemessene ist. Und gleichzeitig ein Kommunikationsangebot machen und sagen: Wir schicken Euch nicht weg, aber wir haben trotzdem eine klare Position dazu."

Wir schicken Euch nicht weg, aber wir haben trotzdem eine klare Position dazu.

Gert Pickel

"Mich erinnert das hier ganz stark an die Friedensgebete vor 1989, als die Menschen auch in diese Kirche kamen, um Hilfe zu suchen. Hilfesuchend, und praktische Hilfe auch von der Kirche bekamen – und das ist heute genau das Gleiche“, meint ein Gemeindeglied, das an diesem Tag als Helfer die Impfaktion unterstützt.

"Offen für alle" – das ist das Motto der Nikolaikirche seit den Zeiten der Friedlichen Revolution. Diese Offenheit durchzuhalten, auch jetzt, da die Pandemie viele Menschen verunsichert – bleibt eine dauernde Aufgabe.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. Dezember 2021 | 09:15 Uhr