Offensive Afghanistan: Taliban erobern Kundus

Der Vormarsch der Taliban in Afghanistan geht weiter. Im Norden des Landes haben die Islamisten nun auch die Provinz-Hauptstadt Kundus eingenommen. In der Nähe hatte die Bundeswehr jahrelang einen großen Stützpunkt. Auch zwei weitere Provinz-Hauptstädete im Norden sind nun in der Hand der Taliban. Das Auswärtige Amt zeigte sich besorgt über die Sicherheitslage in Afghanistan. CDU-Außenexperte Röttgen schloss einen erneuten Militäreinsatz der Bundeswehr nicht aus.

Taliban
Die Taliban rücken weiter in Afghanistan vor (Symbolbild) Bildrechte: Colourbox.de

Im Norden Afghanistans haben die Taliban zwei Provinzhauptstädte eingenommen, darunter die Großstadt Kundus. Das berichten die Nachrichtenagenturen dpa und AFP. Demnach brachten die Islamisten in Kundus nach heftigen Gefechten die wichtigsten Regierungseinrichtungen unter ihre Kontrolle. Drei Provinzräte sowie ein Bewohner von Kundus sagten der dpa, die Stadt sei gefallen, abgesehen von einer Militärbasis rund drei Kilometer vom Stadtzentrum und dem Flughafen entfernt. Sie berichten, die Menschen in der Stadt hätten weder Wasser noch Essen. Sie hielten sich in ihren Häusern versteckt.

Die Taliban hatten Kundus seit Wochen belagert. Seit 2015 fiel die Stadt bereits drei Mal in die Hände der Islamisten. Die Bundeswehr hatte bis 2013 in der Nähe von Kundus ein großes Feldlager.

Weitere Provinz-Hauptstädte in Hand der Taliban

Neben Kundus haben die Taliban am Wochenende eine weitere Provinzhauptstadt im Norden Afghanistans eingenommen. Die örtlichen Behörden erklärten, die Sicherheitskräfte hätten sich aus Talokan in der Provinz Tachar zurückgezogen. Die Stadt hat etwa 260.000 Einwohnern und war seit mehreren Wochen umzingelt.

Zudem haben die Islamisten auch die Stadt Sar-i Pul, Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, erobern können. Damit brachten die Taliban innerhalb von drei Tagen fünf Provinzhauptstädte unter ihre Kontrolle. Am Freitag war schon die kleine Provinzhauptstadt Sarandsch in Nimrus an der iranischen Grenze praktisch kampflos an die Taliban gefallen. Am Samstag folgte die Stadt Schiberghan in Dschausdschan im Norden. Die Taliban kontrollieren zudem bereits weite Teile der ländlichen Regionen in Afghanistan.

Auswärtiges Amt: Änderung der Asyllage möglich

Das Auswärtige Amt sieht eine akute Verschlechterung der Sicherheitslage in Afghanistan. Ein Sprecher sagte in Berlin, die Situation entwickle sich rasant. Das könne auch zu Veränderungen beim Asyllagebericht führen, der wichtig für Abschiebungen nach Afghanistan ist. 

Unionsfraktionsvize Thorsten Frei sagte, eine fortlaufende Aktualisierung des Asyllageberichts für Afghanistan mache Sinn. Sollte sich etwas grundlegend wandeln, brauche es eine gemeinsame Antwort "der Weltgemeinschaft auf eine Fluchtwelle". Der außenpolitische Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion, Armin-Paulus Hampel, forderte die Bundesregierung auf, auch offiziell mit den Taliban zu sprechen. Dies sei der "richtige Weg, um vielleicht dazu beizutragen, umfangreiche Racheakte und Flüchtlingsbewegungen wenigstens in Grenzen zu halten."

Röttgen schließt neuerlichen Bundeswehreinsatz nicht aus

Der Vormarsch der Taliban löste auch eine Debatte über das Ende des westlichen Militäreinsatzes in Afghanistan aus. Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Norbert Röttgen, sagte in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", es dürfe nicht zugelassen werden, dass die Taliban militärisch einseitig Fakten schaffen. Er appellierte vor allem an die USA, in Afghanistan zu handeln. US-Präsident Joe Biden habe es "jetzt noch in der Hand, das erste große außenpolitische Desaster, dass aus seiner Fehlentscheidung entstanden ist, ohne Absprache mit den Alliierten den raschen Rückzug der amerikanischen Truppen anzuordnen, in den Griff zu bekommen".

Röttgen schloss auch eine erneute Beteiligung der Bundeswehr nicht aus. Die Ergebnisse von 20 Jahren dürften nicht zunichte gemacht werden. Wenn militärische Fähigkeiten auch der Deutschen benötigt würden, "dann sollten wir sie zur Verfügung stellen."

FDP: Bundesregierung soll auf Sondersitzung der UNO drängen

Ex-Grünen-Chef Cem Özdemir sagte, der Westen lasse die Menschen im Stich, die sich auf ihn verlassen hätten: "Wenn Afghanistan wieder ein Hort des Islamismus wird, soll bitte niemand überrascht sein." Die verteidigungspolitische Sprecherin der FDP, Marie-Agnes Strack-Zimmermann, forderte die Bundesregierung auf, auf eine Sondersitzung der Vereinten Nationen zu drängen. Die Linken-Abgeordnete Sevim Dagdelen erklärte, dass deutsche Ausrüstung in Kundus den Taliban nun in die Hände falle, belege eindrucksvoll das Scheitern des deutschen "State Buildings".

Keine Bundeswehrsoldaten mehr vor Ort

Seit Beginn des Abzugs der internationalen Truppen aus Afghanistan Anfang Mai laufen mehrere Offensiven der Taliban. Ende Juni waren die letzten Bundeswehrsoldaten aus Afghanistan ausgeflogen worden. Der deutsche Einsatz am Hindukusch hatte fast 20 Jahre gedauert. Die US-Militärmission soll am 31. August enden. Der Abzug ist US-Angaben zufolge bereits zu mehr als 95 Prozent abgeschlossen.

Quelle: dpa, AFP

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 08. August 2021 | 10:00 Uhr

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