Droht eine humanitäre Katastrophe? Ukrainer flüchten aus Russland – Schikanen an der Grenze

Fotomontage Mann vor Fahne
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Vor allem in den ersten Kriegswochen waren viele Ukrainer als Flüchtlinge nach Russland gelangt – für viele war das die einzige Möglichkeit, aus dem Kampfgebiet zu entkommen. Nun wollen immer mehr das Land des Agressors wieder verlassen. Doch die russischen Grenzer lassen sie tagelang im Regen auf die Ausreise warten. Ehrenamtliche Helfer befürchten eine humanitäre Katastrophe.

Menschen mit Gepäck laufen an einer Straße
Viele Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine sind in Russland gestrandet. Nun wollen immer mehr das Land verlassen. Doch die russischen Behörden erschweren ihnen die Ausreise. An den Grenzübergängen müssen sie tagelang im Freien warten und werden oft langen Verhören unterzogen. Bildrechte: IMAGO/Scanpix

An diesem Abend reicht die Kraft bei Mikhail nur für eine kurze Nachricht, die er an seine russischen Helfer schicken kann: "Ich bin seit drei Tagen hier an der Grenze, habe nicht geschlafen. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht mehr, ob ich es durchhalte." Dann bricht der Kontakt für Stunden ab. Mikhail stammt aus dem ukrainischen Kupjansk und hat die vergangenen Monate in Russland in einem Flüchtlingslager ausgeharrt. Nach Russland kam er im Frühjahr. Damals stieg er in einen der russischen Evakuierungsbusse, um aus dem Kriegsgebiet herauszukommen. Zu gefährlich erschien die Reise westwärts über die Frontlinie.

Hunderte Ukrainer wollen Russland verlassen

Menschen warten vor einer Kontrolle
Ukrainische Kriegsflüchtlinge müssen tagelang im Freien an der Grenze warten, um Russland verlassen zu dürfen. Bildrechte: IMAGO/Scanpix

Die vergangenen Tage verbrachte Mikhail jedoch wie Hunderte seiner Landsleute am Grenzübergang Buratschki an der russisch-lettischen Grenze. Seit Tagen harren dort Menschen aus in der Hoffnung, bald die Grenze zur EU passieren zu können. Wer Glück hat, kann in einem Auto warten. Viele jedoch müssen unter freiem Himmel im Regen auf Durchlass warten.

Seit Russlands Präsident Wladimir Putin eine Mobilmachung ausgerufen hat und Teile der Ukraine annektierte, hat der Flüchtlingsstrom deutlich zugenommen. Berichte über eine mögliche Schließung der russischen Grenzen sorgten zudem für Panik unter ukrainischen Flüchtlingen in Russland, was viele zur Ausreise bewegt.

Droht eine humanitäre Katastrophe?

"Es ist eine Hölle hier an der Grenze und die Menschen sind darin gefangen. Von russischer Seite werden nur ein paar kleine Grüppchen am Tag durchgelassen", erzählt Swetlana Wodolazskaja, eine Freiwillige, die Flüchtlinge und Helfer in Russland per Telegram zusammenbringt und Hilfe vor Ort sucht. Ihre Meinung steht fest: "Wir haben hier in Buratschki eine humanitäre Katastrophe".

Freiwillige erzählen von Menschen, die am Wegesrand unter Bäumen hausen und von Anwohnern mit Essen und Trinken versorgt werden. Wie viele Ukrainer genau in den vergangenen Tagen Russland verlassen haben, und wie viele noch an der Grenze warten, lässt sich nicht genau beziffern. Augenzeugen berichten jedoch von Hunderten bis Tausenden Ausreisewilligen an jedem der insgesamt vier Übergänge nach Lettland und an zwei von drei Übergängen nach Estland. Die Flüchtlinge organisieren sich derweil in einer improvisierten Warteliste – wer jedoch einschläft, der könnte seinen Platz verlieren und muss sich wieder hinten anstellen.

Langsame Grenzbeamte und lange Verhöre

Eine Frau bei einem schlafenden Kleinkind
Der russische Staat hilft den ausreisewilligen Ukrainern nicht und verzögert sogar ihre Ausreise. Freiwillige Helfer befürchten eine humanitäre Katastrophe. Bildrechte: IMAGO/Scanpix

Der jüngste Ansturm auf die Grenzen ist allerdings nicht der einzige Grund für die katastrophale Situation. Auch die sehr langsame Arbeit der russischen Grenzbeamten steht in der Kritik. In den vergangenen Monaten war dieses Problem nicht so akut, da pro Tag nur einige Flüchtlingsgruppen die Grenze passieren wollten.

Alla Andrejewa, eine Freiwillige aus Sankt Petersburg, hat erst vor zwei Wochen eine Familie an die Grenze zu Estland gebracht. "Die Ukrainer werden fast alle noch einmal vom Geheimdienst genauestens verhört, angefangen bei ihrem Leben in der Ukraine, über ihre Flucht und ihren Aufenthalt in Russland, bis hin zu den Gründen für die Ausreise und noch Dutzenden weiteren Detailfragen", erklärt Andrejewa. Obwohl der Grenzübergang bei ihrer letzten Fahrt mit einer ukrainischen Familie noch leer war, wurde diese dort für mehr als einen halben Tag festgehalten. "Ich halte das für eine Art Schikane. Die Fragen mussten die Menschen schon alle in den Flüchtlingslagern beantworten", meint Andrejewa.

Hinzu kommt, dass ukrainische Flüchtlinge einige Grenzübergänge meiden. Vor allem Estland hat zuletzt immer wieder Ukrainer, die aus Russland kamen, zurückgewiesen. Das hat sich in den Flüchtlingslagern schnell herumgesprochen. Nach Angaben des estnischen Grenzschutzes wurden zuletzt pro Woche etwa 40 bis 50 Ukrainer am estnischen Posten abgewiesen. Estland behauptet, es handle sich vor allem um ukrainische Staatsbürger, die schon vor dem Krieg in Russland gelebt hätten. Aktivisten und Helfer, sowie die Flüchtlinge selbst, bestreiten dies jedoch. Immer wieder wurden Kriegsflüchtlinge wieder nach Russland zurückgeschickt. Die Folge ist, dass Ukrainer nun vor allem über das russische Pskow nach Lettland ausreisen wollen. Das verlängert die Staus.

Anwohner helfen, Behörden bremsen

Frauen bereiten Essen in Schalen vor
Anwohner aus der Grenzregion helfen den gestrandeten Ukrainern mit Essen und Spenden – offenbar zum Missfalen der Behörden, denn gegen den "Kopf" hinter der Aktion, einen Oppositionspolitiker aus Pskow, wird inzwischen ermittelt. Bildrechte: IMAGO/Scanpix

Von russischer Seite reagieren die Behörden bislang nicht auf die Notlage der Menschen. Weder Katastrophenschutz noch das Innenministerium haben Hilfe organisiert. Im Gegenteil: Die Arbeit der lokalen Helfer wird sogar behindert. Vor wenigen Tagen hat die lokale Oppositionspartei Jabloko Spenden für die ukrainischen Flüchtlinge gesammelt. Anwohner waren aufgerufen, warme Kleidung, Essen oder Unterkunft unweit der Grenze anzubieten. Die Machthaber reagierten prompt und durchsuchten am Mittwoch die Wohnung von Jabloko-Aktivist Nikolaj Kuzmin in Pskow. Gegen ihn wird nun wegen angeblicher "Diskreditierung der Armee" ermittelt.

Derweil müssen sich die Menschen in der Schlange vor dem Grenzübergang Buratschki selbst helfen. Nach Stunden der Stille hat sich Mikhail aus Kupjansk mit einem Rückruf zurückmeldet. "Ich habe zum Glück jemanden gefunden, der mich in seinem Auto hat schlafen lassen. Jetzt kann ich wieder etwas klarer denken, meine Klamotten sind getrocknet und auch ein wenig Hoffnung habe ich wieder geschöpft", sagt er am Telefon. Vor ihm warten noch 90 Menschen auf die Ausreise. Wenn es gut läuft, könnte er morgen schon in Lettland sein. Von dort will er weiter in die Ukraine: "Kupjansk ist seit Kurzem befreit, ich habe auch Kinder in der Ukraine. Ich werde schnellstmöglich versuchen, nach Hause zu kommen".

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 08. Oktober 2022 | 07:15 Uhr

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