Ukrainische Gegenoffensive Stimmung nach der Befreiung des Großraums Charkiw: verhalten optimistisch

Die ukrainischen Streitkräfte haben bei einer Gegenoffensive im Osten der Ukraine überraschend schnelle Erfolge gegen die russischen Besatzer errungen und den Raum Charkiw befreit. Über ein halbes Jahr nach dem russischen Angriff gegen die Ukraine scheint sich eine Wende abzuzeichnen. Wie sich das auf die Stimmung im Land auswirkt, berichtet aus Kiew MDR-Ostblogger Denis Trubetskoy.

Ein zerstörtes Auto vor dem Hintergrund stark beschädigter Wohngebäude, die durch den Beschuss der russischen Armee beschädigt wurden
Nach sieben Monaten von russischer Besatzung befreit: Viele Stadtteile von Charkiw gleichen einer Trümmerlandschaft. Bildrechte: IMAGO/Sergei Chuzavkov

Wie schätzt man in der Ukraine die erfolgreiche Gegenoffensive im Raum Charkiw ein? Betrachtet man sie als den Wendepunkt des Krieges?

Ich habe mit sehr vielen Militärexperten in Kiew gesprochen und sie sind grundsätzlich ziemlich optimistisch, aber zugleich auch realistisch, also recht zurückhaltend. Das heißt: alle sagen fast wortgleich, dass es jetzt noch nicht unbedingt eine Wende ist, aber der Beginn einer Wende und man in den nächsten Wochen sehen wird, wie sich das weiterentwickelt. Klar ist, dass diese Gegenoffensive insbesondere im Gebiet Charkiw strategisch sehr wichtig ist, denn das waren sehr wichtige Orte für die Logistik und Versorgung der russischen Truppen. Durch ihre Befreiung wird der Druck auf die ukrainischen Truppen im gesamten Donbas kleiner. Und im Bezirk Cherson, dem zweiten wichtigen Kriegsschauplatz, sieht es mittel- und langfristig auch relativ gut aus. Kurzum: Man versucht zurückhaltend und realistisch zu bleiben, aber ein gewisser Optimismus ist schon da.

Auf die ukrainische Gegenoffensive im Raum Charkiw folgten sofort russische Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur – und das während die kalte Jahreszeit naht. Wie ist denn die Stimmung in der Bevölkerung?

Mann vor Flagge
Unser Gesprächspartner: MDR-Ostblogger Denis Trubetskoy berichtet für den MDR regelmäßig aus der Ukraine. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dass es zu solchen Aktionen seitens Russland kommen kann, das verstehen die Menschen seit dem ersten Tag dieses Krieges. Diese Vorstellung, die es vielleicht in der russischen Regierung gibt, dass die Menschen auf die Straße gehen und gegen die ukrainische Regierung protestieren, wenn es in bestimmten Regionen Stromausfälle oder Ähnliches gibt, ist jedoch ziemlich illusorisch. Das Kalkül wird nicht aufgehen, allein schon deshalb, weil den Menschen in der Ukraine völlig klar ist, wer dafür verantwortlich ist.

Eine wirklich gute Stimmung wird es in meinem Land erst geben, wenn keine Ukrainer mehr sterben müssen. Und gerade jetzt erleben wir diese schrecklichen Bilder aus Isjum, wo nach der Befreiung Hunderte Gräber entdeckt wurden. Dennoch ist die Stimmung besser geworden, das ist gar keine Frage. Man wusste nicht so richtig, was man von einer Gegenoffensive der ukrainischen Streitkräfte erwarten kann – jetzt hat man gesehen, dass die Ukraine noch besser als sonst dagegenhalten kann. Das stimmt nicht nur Militärexperten, sondern viele Menschen optimistischer als früher. Ich würde sogar sagen, dass ich die Ukrainer so optimistisch wie jetzt seit dem Beginn dieses Krieges nicht erlebt habe.

Und das gilt auch für Menschen in den zurückeroberten Gebieten rund um Charkiw?

Eine Frau steht nach der Befreiung von Kozacha Lopan, Region Charkiw, von einem Krankenwagen. Neben ihr ein Soldat.
Russlands Streitkräfte haben sich aus dem Raum Charkiw zurückgezogen, die russische Artillerie beschießt es aber weiter. Zivilisten aus dem Grenzort Kozacha Lopan, nördlich von Charkiw und direkt an der russischen Grenze gelegen, wurden deshalb evakuiert. Bildrechte: IMAGO/Vyacheslav Madiyevskyy

Die Situation dort ist kompliziert. Das, was wir in Isjum gesehen haben, kann man noch nicht mit Butscha vergleichen. Aber auch das ist schon schlimm genug und man kann sich nur vorstellen, welches Leid die Menschen dort erlitten haben. So, wie ich das mitbekomme, fühlen sich dort viele Menschen erleichtert, aber diese Erleichterung hat Grenzen. Denn zum einen schließt man einen neuen Angriff der russischen Streitkräfte nicht aus, auch wenn dieser heute an diesem Frontabschnitt unwahrscheinlich scheint, und zum anderen liegt das Gebiet Charkiw direkt an der russischen Grenze und kann durch Artillerie beschossen werden. Man ist sich also bewusst, dass sich die Lage für die Menschen dort noch nicht vollständig entspannt hat.

Wird es schwierig sein, die befreiten Gebiete wieder in den ukrainischen Staat zu integrieren? Und was macht man mit den Kollaborateuren?

Es ist im Vergleich etwa zu den Vororten von Kiew etwas schwieriger, weil die Russen anders als im Bezirk Kiew dort bereits eigene Besatzungsstrukturen aufgebaut haben. Allerdings passierte das später als in den teilweise besetzten Gebieten Cherson und Saporischja. Dass die Bevölkerung sich über die Rückkehr der ukrainischen Armee mehrheitlich freut, dürfte die Aufgabe jedoch erleichtern. Die größten Herausforderungen liegen im Bereich der Wiederherstellung von Kommunikationswegen und Versorgung: Die ukrainischen Mobilfunk- und Internetanbieter, Postunternehmen, Supermarktketten und Banken fangen Schritt für Schritt an, in den befreiten Städten zu arbeiten. Doch es wird eine Weile dauern. Deshalb werden Renten beispielsweise vorerst bar ausgezahlt und nicht auf das Bankkonto überwiesen, wie das in der Ukraine normalerweise passiert.

Die ukrainische Flagge weht am Sonntag, den 18. September 2022 hoch über den Stadtlandschaften der Stadt Charkiw.
Die Fahne der Ukraine weht wieder Charkiw (Sonntag, 18. September 2022). Bildrechte: IMAGO/Vudi Xhymshiti

Was die Kollaborateure betrifft, so behauptete der ukrainische Inlandsgeheimdienst letzte Woche, es habe eine Liste mit den Namen aller Bürger, die mit den russischen Besatzern zusammengearbeitet haben. Man will bereits 7.000 Menschen gründlich überprüft haben, 16 Personen wurden bisher den Angaben zufolge festgenommen.

Und wie ist der jüngste Beschuss des AKW Piwdennoukrajins zu bewerten? Ist das Rache seitens der Russen oder eine neue Strategie?

Russland will vor dem Winter Panik unter der ukrainischen Zivilbevölkerung verbreiten. So hat man am 11. September auch gezielt Energieinfrastruktur in mehreren südöstlichen Regionen beschossen, was Putin dann letzte Woche als "warnende Schläge" bezeichnete. Das passiert unter anderem, weil Moskau den sogenannten patriotischen Teil der eigenen Gesellschaft nach dem Rückzug im Bezirk Charkiw "beruhigen" muss, denn die Stimmung unter den radikalen Kriegspropagandisten in Russland ist richtig schlecht geworden.

Ich glaube aber, dass die zentrale Idee dabei ist, die Ukrainer unter Druck zu setzen und zu erreichen, dass sie etwa wegen des fehlenden Stroms gegen die eigene Regierung und für einen Friedensvertrag mit Russland demonstrieren. Diese Vorstellung ist naiv: Den Ukrainern ist längst klar, dass der Winter recht hart werden könnte, doch ein Stimmungswechsel ist, Stand jetzt, absolut ausgeschlossen.

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 17. September 2022 | 11:15 Uhr

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