Russland-Sanktionen Russischer Wirtschaftsexperte: Trotz zunehmender Armut keine Massenproteste gegen Putin zu erwarten

Der russische Wirtschaftswissenschaftler Ruslan Grinberg glaubt nicht, dass die Sanktionen gegen Russland Massenproteste gegen die Regierung Putin bewirken werden, auch wenn sich die russische Bevölkerung auf gravierende Einschränkungen einstellen muss. Doch Improvisation, die Erfahrung früherer Wirtschaftskrisen und der Handelspartner China werden Russland vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch bewahren, so Grinberg im Interview.

Ruslan Grinberg
Der russische Wirtschaftsexperte Ruslan Grinberg bei einer Diskussion der Internationalen Investitionsbank (IIB) im Jahr 2020. Bildrechte: IMAGO / ITAR-TASS

Herr Professor Grinberg, meine Moskauer Freunde berichten, dass sich für sie nichts geändert hat. Die Stimmung sei gut, die Geschäfte sind voll, die Leute gehen essen, shoppen und ins Theater. Haben also die Sanktionen ihr Ziel verfehlt?

Ruslan Grinberg: Die Sanktionen sind sehr ernst, sie sind weltweit sogar beispiellos. Ihre Wirkung und ihr Einfluss werden jedoch erst in einiger Zeit deutlich werden. Und zwar in etwa zwei bis drei Monaten. Es wird eine stetige Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation geben. Aber im Moment sieht es wirklich nicht so aus, als ob viel passiert wäre. Zumal die Energiepreise – für Öl und Gas – steigen. Und selbst wenn ihre Ausfuhren mengenmäßig zurückgehen, wird das durch viel höhere Preise voll kompensiert.

Prof. Dr. Ruslan Grinberg wurde 1946 geboren, ist wissenschaftlicher Leiter des Wirtschaftsinstituts an der Russischen Akademie der Wissenschaften (RAN) in Moskau. Er beschäftigt sich mit der Wirtschaft in post-sowjetischen Ländern, der Rolle des Staates in der Wirtschaft sowie mit Fragen der Globalisierung. Grinberg gilt als einer der führenden Wirtschaftsexperten Russlands.

Wie werden dann die Russen die Sanktionen zu spüren bekommen? Wie gravierend wird die Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage sein?

Die wichtigste Auswirkung der Sanktionen wird sein, dass das Angebot an Waren und Dienstleistungen zurückgehen wird. Und die übrigen Waren und Dienstleistungen werden teurer werden. Das heißt, wir werden sozusagen "zwischen Hammer und Amboss geraten". Es sieht so aus, als ob uns eine Primitivisierung der Wirtschaft bevorsteht. Ich befürchte, dass uns die Überlebensökonomie erwartet. Dies wird sich vor allem im Lebensstandard der Mittelschicht niederschlagen. Über die Reichen oder Superreichen will ich gar nicht sprechen, bei denen ist die Situation ganz anders. Und außerdem spielen ihre Interessen für das Land als Ganzes keine bedeutende Rolle.

Es sieht so aus, also ob uns eine Primitivisierung der Wirtschaft bevorsteht. Ich befürchte, dass uns die Überlebensökonomie erwartet.

Ruslan Grinberg, Wirtschaftswissenschaftler aus Moskau

Aber die Mittelschicht wird die Primitivisierung der Wirtschaft mit voller Wucht zu spüren bekommen und sie wird schrumpfen. Nun gibt es in Russland ohnehin so gut wie keine Mittelschicht. Hätten wir einen vollwertigen Mittelstand, würden die Folgen der Sanktionen für Russland eine wirtschaftliche Katastrophe bedeuten. Die Mittelschicht macht jedoch nicht ein Drittel oder gar zwei Drittel, sondern höchstwahrscheinlich nur ein Fünftel der Gesellschaft aus.

Wird die russische Regierung Nahrungsmittel rationieren müssen?

Wir sind ein Land, das alles selbst anbaut. Allerdings kann es auch hier zu Schwierigkeiten und Engpässen kommen, da zum Beispiel 90 Prozent des Kartoffelsaatguts aus Deutschland und den Niederlanden stammt, also importiert wird. Ich glaube jedoch nicht, dass es zu einem Absinken des Ernährungsniveaus kommen wird oder dass die Menschen gezwungen sein werden, ihre Ernährung einzuschränken.

Privatarchiv Ruslan Grinberg mit Michail Gorbatschow und Dimitri Muratow an einem Tisch sitzend.
Ruslan Grinberg (re.) mit dem Friedensnobelpreisträger und Gründer der unabhängigen Moskauer Zeitung "Nowaja Gaseta" Dimitri Muratow (li.) und Michail Gorbatschow (Mitte). Bildrechte: Privatarchiv Ruslan Grinberg

Und ich muss Sie enttäuschen: Die schlechte wirtschaftliche Lage wird nicht, wie von vielen erhofft, zu Massenprotesten führen. Ich sehe hier gar keine Chancen. In Europa glaubt man, dass die Menschen, wenn sie sehen, dass sich die Wirtschaft verschlechtert, anfangen werden, sich zu fragen: "Warum dieser Krieg? Warum haben wir ihn begonnen? War das überhaupt notwendig?" Aber ich glaube nicht, dass das passieren wird.

Und warum nicht?

Weil das Absinken des Lebensstandards für die Mehrheit, die bereits extrem arm ist und ums Überleben kämpft, einfach von Armut zu noch mehr Armut führen wird. Dafür haben die Menschen aber ihren "Stolz auf das Land". Und wenn man stolz auf sein Land ist, kümmert man sich nicht viel um seine materielle Situation. "Hauptsache, wir haben es ihnen allen gezeigt!", so denken viele Menschen in Russland.

Russland wird sich also an die Sanktionen anpassen?

Welche Wahl haben wir denn? Wenn wir uns nicht anpassen, was dann? Eine Ära nie dagewesener Improvisation wird beginnen. Kriminalität, Unterschlagungen und Diebstahl auf allen Ebenen werden zunehmen. Die Herrschaft der Knappheit wird zurückkehren und es wird ein Schwarzmarkt entstehen, wie in der Sowjetunion. Das alles steht uns bevor.

Wie beurteilen Sie das sechste Sanktionspaket, das die EU kürzlich gegen Russland verhängt hat? Einige Experten sind der Meinung, dass dies einen vernichtenden Schlag für die russische Wirtschaft bedeuten könnte.

Ich glaube nicht, dass es verheerend sein wird. Selbst wenn ganz Europa auf russisches Öl verzichtet und Deutschland lernt, ohne russisches Gas zu leben, wird dieser Verlust durch die Belieferung Chinas und Indiens zu einem großen Teil kompensiert. Hier wird viel von den USA und der EU abhängen, ob sie die russischen Energielieferungen nach Asien irgendwie einschränken oder behindern können.

Aber das ist doch genau das, was die russische Führung behauptet: Wir müssen die Gasleitungen einfach vom Westen in den Osten verlegen, und alles wird gut.

Das Thema ist so komplex, dass es jetzt sehr schwierig ist, eindeutige Vorhersagen zu treffen. Ich glaube aber nicht, dass China Russlands wahrer Verbündeter werden wird. China hat immer nur an seinen eigenen Vorteil gedacht und tut dies auch heute noch. Dabei wird China natürlich unsere Energieressourcen kaufen. Heute wie im Kalten Krieg ist China der Nutznießer aller Konflikte. Wir wissen jedoch nicht, welche Ziele China wirklich verfolgt. Auf jeden Fall ist die Hinwendung zum Osten für Russland die einzige Möglichkeit, einen wirtschaftlichen Zusammenbruch im Land zu verhindern. Und China wird dies nutzen und ist daher nicht an einem vollständigen Zusammenbruch der russischen Wirtschaft interessiert.

Die Hinwendung zum Osten wird für Russland die einzige Möglichkeit, einen wirtschaftlichen Zusammenbruch im Land zu verhindern

Ruslan Grinberg, Wirtschaftswissenschaftler aus Moskau

Auf der anderen Seite ist es für die Chinesen wichtig, dass sie die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten nicht beeinträchtigen. Schließlich sind die amerikanische und die chinesische Wirtschaft eng miteinander verbunden, so dass China keine extraterritorialen US-Sanktionen gebrauchen kann, also sogenannte "secondary sanctions", die von den USA verhängt werden könnten, aber auch von Personen und Unternehmen außerhalb der USA beachtet werden müssten. Daher wird Russland nicht in der Lage sein, seine Exporte vollständig nach Asien zu verlagern.

Und was ist mit der Importsubstitution? Die russische Regierung behauptet die ganze Zeit, dass sie in den acht Jahren seit Beginn der Sanktionen infolge der Krim-Annexion eine Menge getan hat, damit Russland unabhängiger von westlichen Importen wird.

In der Tat – in der Schweine- und Hühnerfleischproduktion wurden große Fortschritte erzielt. Es ist Russland also gelungen, in der Landwirtschaft einiges zu erreichen. Aber was die Technologien betrifft, so sieht es hier gar nicht so rosig aus. Die Importe sind um fast 70 Prozent zurückgegangen. Das bedeutet, dass wir diese 70 Prozent selbst produzieren müssen. Aber das ist unrealistisch. Selbst für die Produktion unserer eigenen Flugzeuge benötigen wir importierte Mikroelektronik und Flugzeugersatzteile. Es wird einfach weniger Flugzeuge geben, weil wir nicht in der Lage sind, unsere eigenen in ausreichender Menge zu produzieren, oder besser gesagt, ohne importierte Komponenten.

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Hinzu kommt, dass westliche Investoren Russland massenhaft verlassen. Sind inzwischen Aktivitäten anderer Akteure erkennbar, die dieses Vakuum füllen und in Russland intensivieren wollen?

Mir sind keine derartigen Fälle bekannt. Bislang ist von der Verstaatlichung westlicher Unternehmen die Rede, die den russischen Markt verlassen haben. Aber ich habe noch von keinem anderen Investor gehört, der nach Russland kommt oder kommen will. Vielleicht wird es später geschehen, aber jetzt noch nicht. Und wer würde das schon wagen? Wer würde sich auf so etwas einlassen? Was für ein furchtloser Kerl muss man sein, um keine Angst vor Sanktionen zu haben.

Was wird aus den kleinen und mittelständischen Unternehmen in Russland?

Was die kleinen und mittleren Unternehmen betrifft, so werden sie improvisieren müssen. Aber das muss man russischen Unternehmern nicht beibringen. Hier hilft unser sprichwörtliches Improvisationstalent. Ich sehe hier zwei Traditionen, die den russischen Menschen vom westlichen Menschen unterscheiden. Erstens haben wir keine Angst vor der Unvermeidbarkeit von Katastrophen. Die Deutschen haben Angst, dass es noch schlimmer wird. Und unsereins hat Angst, wenn es nicht schlimmer wird. Russische Geschäftsleute fragten mich früher oft: "Wann wird es einen Zahlungsausfall geben? Wann wird der Rubel fallen? Die Dinge laufen irgendwie verdächtig gut, da stimmt etwas nicht". Und zweitens sind wir es gewohnt, ständig in Turbulenzen zu geraten: Heute verdient man eine Million Dollar, morgen bekommt man einen Schlag auf den Kopf. Für russische Unternehmen ist das sozusagen die Norm. Unsere Wirtschaft hat schon immer unter solchen Umständen existiert.

Wir sind es gewohnt, ständig in Turbulenzen zu geraten: Heute verdient man eine Million Dollar, morgen bekommt man einen Schlag auf den Kopf. Für russische Unternehmen ist das sozusagen die Norm. Unsere Wirtschaft hat schon immer unter solchen Umständen existiert. 

Ruslan Grinberg, Wirtschaftswissenschaftler aus Moskau

Und wir dürfen nicht vergessen, dass 90 Prozent der kleinen Unternehmen im Dienstleistungssektor tätig sind. Das ist aber ein eher kleiner Wirtschaftszweig. Diejenigen Unternehmer, die nicht eng mit dem Staat verflochten sind, versuchen, aus dem Geschäft auszusteigen oder sogar mit möglichst geringen Verlusten das Land zu verlassen.

Lassen Sie uns etwas fantasieren. Stellen wir uns vor, dass dieser schreckliche Krieg vorbei ist. Werden ausländische Investoren nach Russland zurückkehren? Wird Russland in der Lage sein, wieder gute Beziehungen zum Westen zu unterhalten?

Ich denke, dass die Entfremdung zwischen dem Westen und Russland von Dauer ist und dass es nicht möglich sein wird, in absehbarer Zeit zu normalen Beziehungen zurückzukehren. Ich befürchte, dass Nord Stream 2 ein Denkmal der Unterwasserarchitektur wird. Und selbst wenn es zu einem Waffenstillstand kommt, werden die Sanktionen nicht aufgehoben. Putin hat es tatsächlich geschafft, den Westen zusammenzubringen, ihn zu einen, und nun will die EU diese Einigkeit nicht verlieren. Mein Heimatland wird also in einer Situation der fast völligen Isolation überleben müssen. Es gibt 200 Länder auf der Welt. Und wenn Sie mich fragen würden, welches Land kann in der Isolation überleben? Meine Antwort wäre ganz einfach: nur Russland! Russland verfügt über sämtliche Ressourcen – Süßwasser, Wälder, Mineralien, Bodenschätze. Hinzu kommt die unglaubliche Anpassungsfähigkeit der Bevölkerung. Wir werden also überleben. Die Frage ist nur: wie und zu welchem Preis? In unserem Land gibt es ein Sprichwort, das übrigens auf die Sowjetzeit zurückgeht: "Wer nie gut gelebt hat, sollte gar nicht erst damit anfangen".

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 23. Juni 2022 | 06:21 Uhr

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