Krieg in der Ukraine Osteuropaexperte: Krieg trifft alle Bereiche der deutschen Wirtschaft

Der Krieg in der Ukraine hat auch weitreichende Folgen für die deutsche Wirtschaft: Transportwege sind abgeschnitten, der Energiepreis steigt. Politikwissenschaftler und Ökonom Alexander Libman rechnet zudem mit einer höheren Inflation als erwartet.

Ein Stop-Schild vor einer Reihe parkender Lkw an einem Rastplatz eines Autohofs.
Transportwege durch die Ukraine sind abgeschnitten. (Symbolbild) Bildrechte: MDR/Mandy Ganske-Zapf

Wie wirken sich die Sanktionen auf den deutsch-russischen Handel aus?

Alexander Libman: Es gibt Bereiche, die zunächst weiterlaufen werden – insbesondere der Handel mit Fossilen, also Erdgas und Erdöl. Wobei auch da abzuwarten ist, wie es sich entwickeln wird – und zwar von beiden Seiten. Für andere Wirtschaftsbereiche ist die Situation jetzt so, dass man nicht wirklich optimistisch darauf schauen kann, dass die Wirtschaftsbeziehungen weiterlaufen werden. Es geht jetzt auch hier übrigens nicht nur um Handlungen der westlichen Nationen, sondern auch um die Gegenreaktion Russlands.

Wir werden Probleme haben bei Bereichen, die ressourcenintensiv sind, also sehr wahrscheinlich bei Eisen- und Nichteisen-Metallen. Auch bei Bereichen, die vom Transport abhängig sind. Der ukrainische Land- und Luftraum ist gesperrt, der russische Luftraum auch. Das wird Auswirkungen haben.

Prof. Dr. Alexander Libman
Prof. Dr. Alexander Libman ist Ökonom und Politikwissenschaftler; mit besonderem Fokus auf die Entwicklungen in Osteuropa und Russland. Bildrechte: privat

Wie reagiert Putin auf das Sanktionspaket?

Alexander Libman: Als Reaktion auf den Druck auf den Devisenmarkt hat Putin auch Maßnahmen beschlossen, die zum Beispiel den russischen Bürgerinnen und Bürgern untersagen, Geld auf ausländische Konten in Devisen zu überweisen. Das wird jetzt auch in Russland kontrovers diskutiert. Man versteht nicht ganz, was diese Maßnahmen bedeuten. Aber sie können auch bedeuten, dass die russischen Kunden keine Möglichkeit haben, für Dienstleistungen zu bezahlen, die im Ausland sind. Die zentrale Frage ist, was jetzt passiert. Kommt es zu einer Lösung im Konflikt, wird zumindest ein Teil der Sanktionen weggenommen und eine Grundlage geschaffen für wirtschaftliche Beziehungen? Oder es ist jetzt ein neuer Dauerzustand? Bei dem, was wir Stand heute sehen, werden wirtschaftliche Beziehungen nicht möglich sein.

Was droht deutschen Investoren und Investitionen in der Ukraine?

Alexander Libman: Das hängt stark davon ab, was jetzt in der Ukraine passiert. Wir wissen nicht, wie die Kriegsergebnisse sein werden. Aber da ist wirklich alles möglich. Die Nachrichten aus der Ukraine sind auch nicht wirklich systematisch, so dass man verstehen kann, was da wirtschaftlich passiert. Ich kann mir da ein Spektrum von Optionen vorstellen.

  • Wenn es wirklich zu einem anderen Regime in der Ukraine kommt, das von Putin kontrolliert ist, kann es passieren, dass die Investoren enteignet werden. Das haben wir im Donbas schon gesehen. Damals waren es keine westlichen Investitionen, das waren Investitionen der Oligarchen.
  • Es kann sein, dass die Objekte im Krieg physisch vernichtet werden. Das haben wir auch 2015 schon gesehen, interessanterweise für Objekte, die von russischen Unternehmern kontrolliert waren, die dann von Separatisten vernichtet wurden.
  • Und es kann dazu kommen, dass die EU-Sanktionen über die Ukraine verhängt werden, über die Teile, die von Russland kontrolliert werden. Also, da sieht auch alles sehr düster aus.

Welche Folgen hat der Krieg auf die Wirtschaftsbeziehungen zur Ukraine?

Alexander Libman: Russland war natürlich ein deutlich wichtigerer Wirtschaftspartner für Deutschland als die Ukraine, aus offensichtlichen Gründen. Es ist eine deutlich größere Volkswirtschaft, es ist ein deutlich größerer Absatzmarkt für die deutschen Unternehmen, und es ist natürlich ein wichtiger Rohstoffstaat. Die Ukraine hat auch Rohstoffe, aber gar nicht so viele von denen sind international vermarktbar. Und einige waren schon unter Kontrolle der Separatisten, schon vor dem jetzigen Krieg. Das zentrale Problem der Ukraine war, dass das Land nach dem Konflikt 2014/2015 nach dem Platz in der internationalen Arbeitsteilung gesucht hat: Was kann die Ukraine eigentlich machen?

Solange die wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland de facto abgebrochen sind, das ist sehr schnell passiert, war die Frage: Worauf wird das Land setzen? Eine Diskussion, die sehr oft genannt wurde: dass die Landwirtschaft zum neuen Treiber der ukrainischen Wirtschaft wird. Das heißt, die Lage in der Ukraine war von Anfang an nicht unbedingt stabil. Gleichwohl ist es auch ein großes Land und ein Land, das viel Potenzial birgt. Da haben auch die deutschen Investoren und die deutschen Unternehmer gearbeitet. Zwei große für deutsche Unternehmen wichtige Länder sind nun entweder kurzfristig oder langfristig raus. Und das wird natürlich kosten.

Die Ukraine ist wichtig auch als Transitbereich. Nicht nur für das russische Gas, sondern auch für Lkw-Lieferungen, die von und nach Richtung Asien unterwegs sind. Es gibt da auch alternative Routen, aber zumindest einige verlaufen über die Ukraine. Auch der Flugverkehr ist betroffen.

Was bedeutet die Krise für Deutschland, vor allem für den Mittelstand?

Alexander Libman: Ich sehe hier drei Gefahren, gerade für Mittelständler. Die erste Gefahr ist, die wirtschaftlichen Beziehungen werden wieder aufgebaut, wenn wir aus der jetzigen akuten Krisensituation rausgehen, dass zumindest die niedrigschwelligen wirtschaftlichen Kontakte möglich sein werden. Das war ein bisschen der Weg nach 2014/ 2015. Und das ist der Weg, den man zumindest mit einigen Ländern geht, die unter Sanktionen stehen. Die staatlichen Konzerne sind sanktioniert, da laufen keine Geschäfte, aber zumindest mittelschwellig ist etwas möglich. Da kann es passieren, dass gerade die deutschen Mittelständler ihr Russlandgeschäft weiterführen können. Natürlich mit einkalkuliert, dass der russische Markt deutlich kleiner wird. Die Leute werden ärmer und Absatzmärkte werden kleiner. Die Sache mit dem Ukrainegeschäft ist noch schwieriger vorherzusagen, weil wir wirklich nicht wissen, welche politische Ordnung in der Ukraine herrschen wird und in welchen Teilen der Ukraine.

Gefahr zwei: Die Sanktionen werden so tiefgreifend sein, dass auch die Mittelständler kein Russlandgeschäft machen können. Und die Veränderung der politischen Ordnung in der Ukraine wird so massiv sein, dass auch kein Ukrainegeschäft möglich sein wird. In diesen Fällen sind es gerade die Mittelständer, denen es weh tun wird. Die großen Unternehmen sind vielfältiger aufgestellt und können sich besser gegen solche Risiken absichern. Mittelständer haben da begrenztes Potenuial.

Letztendlich gibt es die dritte Gefahr, dass die Mittelständler ihr Geschäft mit Russland machen können. Aber sie werden dann unter gesellschaftlichen Druck gesetzt, diese Geschäfte nicht mehr zu machen. Das wird eine sehr schwierige Situation für viele mittelständische Unternehmen sein. Ich weiß nicht, wie sie mit dieser Situation umgehen werden. Alle drei Szenarien sehen nicht sonderlich gut aus. Aber sie haben verschiedene Wirkungen für Mittelständler.

Welche Probleme entstehen durch die deutsche Abhängigkeit von russischen Energieträgern?

Alexander Libman: Es gibt hier zwei verschiedene Risiken: Das eine Risiko hat mit den Preisen zu tun, das andere mit der Energieversorgung.

Zu den Preisen: Wenn die Lieferungen aus Russland ausfallen oder von den Marktteilnehmern, also z. B. vom Erdgasmarkt, als nicht gesichert betrachtet werden, gehen die Preise nach oben. Es läuft vor unseren Augen ab: Die Gas- und Erdölpreise steigen. Das macht übrigens die Situation ein bisschen paradox. Sanktionen bedeuten auch, dass Russland jetzt einfach mehr Euro pro Barrel Öl oder Kubikmeter Erdgas bekommt. Wenn es weitergeht, werden die Preise noch stärker nach oben gehen. Das wird für deutsche Unternehmen und Konsumenten höhere Energiepreise bedeuten, auch kurzfristig. Das ist die eine Gefahr, also auch Inflation. Alles, über was wir die letzten Monate gesprochen haben, wird stärker.

Zur Sicherheit der Versorgung: Kann es passieren, dass man dann gar kein Gas in den Wohnungen hat, dass nicht geheizt werden kann oder ähnliches? Das ist jetzt schwieriger vorherzusagen. Es hängt auch davon ab, was jetzt genau mit Alternativen gemacht wird. Bei Gas ist die Lage besonders problematisch, weil Gas aus Russland zu einem großen Teil für die Heizung, für die industrielle Produktion angewendet wird, gar nicht für Stromproduktion. Da gibt es nicht so viele Alternativen, um ganz ehrlich zu sein. Insbesondere bei der Heizung, da kann man nicht kurzfristig viel anderes finden, da sehe ich auch die elementare Versorgung in Gefahr.

- Das Gespräch führte Dirk Heinemann. -

Könnten deutsche Banken in Bedrängnis kommen?

Alexander Libman: In Deutschland gibt es Banken, die ein erhebliches Russlandgeschäft haben. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass wir hier von Ausfällen sprechen können, die die Existenz dieser Institutionen bedrohen werden. Das ist zumindest jetzt unwahrscheinlich.

- Die Frage beantwortete der Experte im Gespräch bei "MDR um 2". -

MDR-Wirtschaftsredaktion

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 01. März 2022 | 20:15 Uhr

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