Estland Schülerin auf dem Weg nach Europa

Thyle Kelder ist 18. Sie weiß, was sie will. Erst zu Hause in Estland studieren, den Abschluss aber im Ausland machen. Die Schülerin setzt auf die EU und sie hat schon eine Menge Erfahrung mit Europa. In Estland erlebt sie derzeit viel Streit über Europa. Für sie ist der vor allem ein Generationenkonflikt.

Thyle Kelder ist eine Kämpfernatur. Sie war eine hoffungsvolle Eiskunstläuferin - diszipliniert, talentiert, erfolgreich. Aber dann machten die Gelenke nicht mehr mit. Sie musste ihren geliebten Sport aufgeben und hat sich selbst aus der Krise geholt und etwas Anderes entdeckt: Cheerleading – ihre neue Leidenschaft.

Wieder etwas, das viel Mut und Körperbeherrschung erfordert. Genau das Richtige für die 18-Jährige, die das Leistungsprinzip auch in der Schule verinnerlicht hat. Sie besucht das "Tallinn English College". Das klingt wie eine private Eliteschule, ist es aber nicht. Hier kann jeder und jede lernen, der oder die eine harte Aufnahmeprüfung besteht und dann ganz und gar das Motto der Schule lebt: "Wir streben nach exzellenten Leistungen!" Und nach einem Leben auf der Überholspur.

Der Plan heißt Studium - in Tallinn und im Ausland

Wie viele junge Esten will Thyle nach oben und sie ist froh, in einem freien und europäischen Land zu leben. Den Schulabschluss hat sie so gut wie in der Tasche. Und dann?

Ich möchte hier Wirtschaft studieren. Aber den Magister möchte ich dann schon eher im Ausland machen. Mal sehen, was die Zukunft bringt. Aber ja, im Moment sieht es nach Europa aus.

Thyle Kelder

Wo genau, das kann sie noch nicht sagen. Für junge Esten wie Thyle gibt es aber genug Alternativen.

Gerade 18 und doch schon EU-erfahren

Und viele davon kennt sie schon, Deutschland gehört sicher auch dazu. Obwohl sie erst 18 ist, hat sie schon viel von der Europäischen Union erlebt und gesehen.

Direkt bin ich über Schulprojekte mit der EU in Berührung gekommen. Wir haben Schulen in anderen europäischen Städten besucht und so das Schulleben in anderen Ländern kennengelernt.

Thyle Kelder

Zudem, so Thyle, könne sie natürlich auch durch Europa reisen und unterschiedliche Kulturen und Lebensweisen erleben. Von ihren Großeltern und Eltern weiß sie, dass das nicht immer so war.

Freiheit für Esten mehr als Reisefreiheit

Moderne Architektur am Gowry Artland Citypark in den ehemaligen Docks.
Das Rotermann-Viertel, zu Sowjetzeiten heruntergekommenes Fabrikgelände und düstere Kulisse des Kultfilms "Stalker", heute ein angesagter Szene-Kiez. Bildrechte: IMAGO

Ihre Generation, die jungen Esten, schätzen daher diese Freiheit vielleicht mehr als junge Erwachsene in anderen EU-Ländern, einfach weil sie ja so viel mehr ist als "nur" Reisefreiheit. Die ist in Estland zwar eigentlich nichts Neues mehr, wird aber immer noch als etwas Besonderes empfunden. Wohl auch, weil diese uneingeschränkte Freiheit gleich hinter Narva an der estnischen Ostgrenze endet. Da fängt Russland an.

Streit um Zuwanderung und Brüssel-Bürokratie

Auf der anderen Seite kriegen Thyle und ihre Mitschüler sehr genau mit, das sich der Westen verändert, dass Europa unter Druck steht, von außen - siehe Russland -, aber auch von innen. Themen wie Zuwanderung oder die vermeintliche Übermacht der Brüsseler Bürokraten sorgen neuerdings auch in ihrer Heimat für ungewohnt heftige politische Auseinandersetzungen. Die rechtsnationale EKRE-Partei mit ihrem antieuropäischen Kurs hat bei den Parlamentswahlen im März fast ein Fünftel aller Stimmen bekommen. (*)

Ich glaube, die Esten sehen im Moment vor allem Chaos in Europa. Es scheint nicht mehr alles so sicher, wie es in den vergangenen Jahrzehnten war.

Thyle Kelder

Es gibt viele Streitpunkte zwischen den Menschen, vor allem zwischen den Generationen.

Jung gegen Alt bei der Frage Abtreibung

In Estland gibt es da gerade noch ein ganz eigenes umstrittenes Thema. Eines, das Thyle besonders bewegt:

Ungefähr zehn Demonstranten versammelten sich vor dem Stenbock House (Estland Government Building) und drückten ihre Unzufriedenheit mit der neuen Regierung aus, die geschaffen wird.
Junge Leute warnen vor einer Regierungsbeteiligung der EKRE - eine ihrer Befürchtungen ist die Verschärfung des Abtreibungsrechts. Bildrechte: imago images / Scanpix

Ein Streitpunkt zwischen den Generationen ist zum Beispiel die Abtreibungsfrage. Die Rechte der Frauen sollen hier eingeschränkt werden. Aber die jüngere Generation will über ihr Leben selbst entscheiden.

Thyle Kelder

Thyle sagt, das sei ihr sehr wichtig: "Wir wollen nicht, dass uns jemand sagt, was wir tun und lassen sollen. Wir wollen selbst entscheiden."

Wählen ja - aber wen?

Selbst entscheiden, sich nichts sagen lassen. Diese Haltung bestimmt auch ihr politisches Denken. Abtreibungsgegner und EU-Kritiker haben bei ihr sicher keine Chance, trotzdem hat sie "ihre" Partei noch nicht gefunden: "Ich gehe ganz sicher wählen und bin gerne aktive Estin und Europäerin. Aber ich weiß leider noch nicht, für wen ich stimme."

(*) Das Interview wurde vor der Entscheidung geführt, EKRE an der Regierung in Estland zu beteiligen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 23. April 2019 | 09:00 Uhr