Bosnien Vergewaltigungen im Bosnienkrieg: Die Wunde, die nicht heilt

Dieser Tage gedenken Menschen in Bosnien und weltweit des Genozids von Srebrenica. Ein weiteres Verbrechen, das im Bosnienkrieg zehntausendfach begangen wurde, ist Vergewaltigung. Der Weg zu juristischer Aufklärung und Entschädigung ist lang. Doch die Zeit wird knapp, denn viele Betroffene sterben.

Sabiha Husic, Direktorin der Frauenrechtsorganisation Medica Zenica
Sabiha Husić unterstützt bei der Organisation Medica Zenica seit 1993 Frauen, die im Bosnienkrieg gelitten haben. Bildrechte: Ulla Burghardt

Schmerz und Angst sind auch heute noch ständige Begleiter von Frauen, die im Bosnienkrieg vergewaltigt wurden. Manche haben den Mut aufgebracht, ihren Familien, der Öffentlichkeit und vor Gericht davon zu erzählen, was ihnen zwischen 1992 und 1995 angetan wurde. Andere tragen ihre Erlebnisse als Geheimnis mit sich herum, weil sie fürchten, von der Gesellschaft stigmatisiert zu werden. "Wenn ich heute durch die Stadt gehe oder auf der Straße laufe, denke ich häufig, dass alle mir ansehen, was passiert ist. Und dann überwältigt mich die Angst, ich drehe mich weg, vermeide Kontakt mit anderen," berichtet eine Betroffene während einer Studie der Nichtregierungsorganisation Trial International nach fast 30 Jahren.

Zehntausende wurden im Bosnienkrieg vergewaltigt

Während des Völkermords von Srebrenica, dem in diesem Jahr zum 27. Mal gedacht wird, töteten bosnisch-serbische Truppen über 8.300 Bosniaken, also Angehörige der ethnischen Gruppe der bosnischen Muslime. Im Zuge des Massakers vergewaltigten sie zudem bosniakische Frauen, die die überwiegende Zahl der Betroffenen sexualisierter Verbrechen im gesamten Bosnienkrieg ausmachen. Aber auch kroatische und serbische Frauen sowie Männer erlitten während des Krieges sexualisierte Gewalt. Internationale Organisationen gehen von 20.000 bis 50.000 Opfern aus.

Für mich ist eine Frau eine Frau, Schmerz ist Schmerz. Das Leid muss überwunden werden, egal, wo die Frauen gelebt haben.

Sabiha Husić, Direktorin der NGO Medica Zenica

"Für mich ist eine Frau eine Frau, Schmerz ist Schmerz. Das Leid muss überwunden werden, egal, wo die Frauen gelebt haben. Allen Überlebenden müssen die gleichen Möglichkeiten offenstehen," sagt Sabiha Husić von Medica Zenica dem MDR. Die Direktorin des Vereins, der seit 1993 in Bosnien betroffene Frauen unterstützt, meint damit Entschädigungsleistungen, die der bosnische Staat den im Krieg Vergewaltigten gewährt. Von "Überlebenden" spricht sie, um ihren Respekt vor der Kraft der Frauen auszudrücken, ihr Leben weiterzuführen. Trotz allem, was ihnen die Täter im Krieg angetan haben.

Drei Landesteile, drei Systeme der Entschädigung

Die Entschädigungsleistungen sind wegen der komplizierten politischen Nachkriegsstruktur von Bosnien und Herzegowina sehr uneinheitlich. Die Föderation Bosnien und Herzegowina, die Republika Srpska und der Distrikt Brčko haben jeweils unterschiedliche gesetzliche Regelungen. Für Betroffene ist es deswegen mühsam, die in allen drei Landesteilen unterschiedlich hohen Rentenzahlungen, kostenlose medizinische Behandlung und andere Unterstützungen überhaupt zu erhalten. Sabiha Husić spricht von gerade einmal 1.000 Frauen und Männern, die mit ihrem Status als zivile Opfer des Krieges überhaupt Anspruch auf Entschädigung erlangt haben.

Sie hätten ohnehin mit ihren Traumata zu kämpfen und seien dadurch gesundheitlich stark beeinträchtigt, betont Husić. Das seien ihre Beobachtungen aus der täglichen Arbeit, denn Medica Zenica hat zwischen 1993 und 2021 über 7.000 Menschen mit psychologischem Beistand geholfen. In drei eigenen Therapiezentren und ihrer mobilen Ambulanz bot die Organisation dort etwa 110.000 medizinische Behandlungen an, sei es gynäkologisch, internistisch oder allgemeinmedizinisch.

Wegen der gesundheitlichen und psychischen Nachwirkungen sei es umso nötiger, dass Medica Zenica die Frauen dabei unterstütze, ihre Rechte durchzusetzen. Der Verein bereitet sie deshalb auf Gerichtsverhandlungen vor und berät sie auch juristisch. Es müsse noch viel getan werden, um die territoriale Diskriminierung bei den Kompensationsleistungen zu überwinden, beklagt Sabiha Husić. Und das sei eine politische Aufgabe. Dass im Oktober in Bosnien Wahlen anstehen, sieht Husić als Gelegenheit für Politikerinnen und Politikern, nicht bloß zu Fototerminen bei Frauenorganisationen zu erscheinen, "sondern das Thema in ihre politischen Programme aufzunehmen. Aber im positiven Sinne und nicht als Manipulation oder indem sie Angst verbreiten."

Bisher sind erst wenige Täter für sexualisierte Gewalt im Bosnienkrieg verurteilt worden. Den mindestens 20.000 Vergewaltigten stehen nur 32 Verurteilungen vor dem UN-Tribunal für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag gegenüber. Bosnische Gerichte haben laut der OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) zwischen 2004 und 2016 lediglich in 116 Fällen Täter für Vergewaltigung im Krieg verurteilt. Aktuellere Zahlen werden im Laufe des Jahres 2022 erwartet.

Die Gerichte als Teil des Problems

Adrijana Hanušić Bećirović beklagt vor allem die Trägheit bosnischer Gerichte: "Zuallererst müssten die Staatsanwaltschaften ihren Job erledigen und ihre Arbeit intensivieren." Die Juristin arbeitet für Trial International in Sarajevo. Die NGO ist in verschiedenen Nachkriegsländern weltweit aktiv und wird von mehreren westeuropäischen Regierungen und Stiftungen finanziert. Ihr Ziel ist es, Kriegsverbrecher juristisch zu belangen. Im Jahr 2020 hat Trial International in Bosnien 21 von Kriegsverbrechen Betroffene unterstützt: "Wir schreiben für die Opfer Briefe an die Strafverfolgungsbehörden, um zu erreichen, dass Anklage erhoben wird," sagt Hanušić Bećirović im Gespräch mit dem MDR.

Adrijana Hanušić Bećirović, NGO Trial International
Adriana Hanušić Bećirović von der NGO Trial International will verhindern, dass Kriegsverbrechen straflos bleiben. Bildrechte: Adnan Lingo

Gleichzeitig beobachtet Trial International die Gesetzgebung in Bosnien und will sie zugunsten der Betroffenen beeinflussen. Als Erfolg verbucht Hanušić Bećirović dabei beispielsweise, dass sexualisierte Gewalt im Bosnienkrieg 2015 erstmals entschädigt wurde und dass der Staat seit 2016 kostenlosen Rechtsbeistand für Betroffene bereitstellen muss. Entschädigungen tatsächlich zu erhalten ist aber ein langer Weg, auf dem auch Trial International Menschen zur Seite steht. Weil kein landesweit einheitlicher und eindeutiger Mechanismus dafür existiert, hatten Betroffene vor über 10 Jahren die bosnischen Landesteile deswegen in Zivilprozessen verklagt.

Retraumatisierung und Stigma

Viele Klagen wurden allerdings mit Verweis auf Verjährung abgewiesen. Die Gerichtskosten sollten dann die Klägerinnen zahlen, berichtet Adrijana Hanušić Bećirović. Nach internationalen Protesten hielt allein der Landesteil Republika Srpska an seinen finanziellen Forderungen an die Überlebenden fest. Viele von ihnen leben ohnehin in Armut, so Hanušić Bećirović, und nun würde auch noch ihr weniger Besitz gepfändet: "Sie können sich vorstellen, was das für die Opfer sexueller Gewalt bedeutet. Wenn einer Frau, die 1992 in ihrem Haus von Polizisten vergewaltigt wurde, erleben muss, dass nun Beamte zu ihr kommen, um Couch oder Fernseher zu pfänden." Ihre Organisation fordere bis heute, dass die Republika Srpska aufhört, die Gerichtskosten bei den Betroffenen einzutreiben, denn dieses Vorgehen retraumatisiere die Frauen und sei zudem moralisch inakzeptabel.

Sie können sich vorstellen, was das für die Opfer sexueller Gewalt bedeutet. Wenn einer Frau, die 1992 in ihrem Haus von Polizisten vergewaltigt wurde, erleben muss, dass nun Beamte zu ihr kommen, um Couch oder Fernseher zu pfänden.

Adrijana Hanušić Bećirović, Juristin bei der NGO Trial International

Nicht selten müssen Betroffene überdies mit einem gesellschaftlichen Stigma leben. Das spüren sie mitunter auch, wenn sie mit der Verwaltung des bosnischen Staats und langsam arbeitenden Gerichten zu tun haben. So vergeht Zeit, die die Frauen nicht haben. Adrijana Hanušić Bećirović erkennt hier ein Muster, das sie besorgniserregend findet: "In den letzten zwei Jahren kann man wirklich bemerken, dass viele Opfer einfach sterben oder ernsthaft krank werden." So sind die Forderungen der betroffenen Frauen nach juristischer Aufarbeitung, Kompensation und Gleichbehandlung im ganzen Land auch 30 Jahre nach dem Bosnienkrieg noch einmal besonders dringlich geworden.

Blick auf den Fluss Neretva in der Altstadt von Mostar, Bosnien.
Mostar ist eine multiethnische Stadt in Bosnien und Herzegowina. In ihr leben seit Jahrhunderten Christen, Juden und Muslime gemeinsam. Das muslimische Erbe zeigt sich etwa durch die 1557 erbaute Karađozbeg-Moschee östlich des Flusses Neretva. Bildrechte: MDR/Alexander Hertel

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 15. Mai 2022 | 22:00 Uhr

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