Ein Jahr nach der Wahl Belarus: Ein Land, zwei Gesichter

In Belarus herrschen ein Jahr nach den Präsidentschaftswahlen brutale und präzedenzlose Repressionen gegen die Zivilgesellschaft. Doch im Staatsfernsehen lebt das Land weiterhin sein friedliches und glückliches Leben.

Alexander Lukashenko
Der belarusische Präsident Alexander Lukaschenko inszeniert sich gerne als volksnaher Patriarch, der sich selbst für Feldarbeit nicht zu schade ist. Bildrechte: imago/Eastnews

Eine 60-jährige Frau in Uniform steht neben dem Mähdrescher, die Stimme des Moderators eines belarusischen Staatssenders erklärt: "Tatijana Rogava arbeitet trotz ihres Alters hart auf dem Feld. Sie ist Assistentin des Mähdrescherfahrers. Aber wenn das Vaterland sie rufen würde, könnte sie sich auch selbst ans Steuer setzen."

Heile Welt im Staatsfernsehen

Die Frau selbst erzählt, dass ihre Arbeit schwierig sei, aber auch interessant. Ihre Geschichte wird mit einer bewegenden Musik und schönen Bildern vom reifen Getreide auf einem sonnigen Feld unterlegt. Die Ernte und die Olympischen Spiele sind die beiden Themen, über die in den staatlichen belarusischen Medien aktuell am meisten berichtet wird. Medaillengewinner und Feldarbeiter werden traditionell als Helden dargestellt. Die Trainerin der belarusischen Trampolinturner Olga Wlasova erzählt stolz in die Kameras, dass sie ihre Pflicht gegenüber dem Vaterland erfüllt hat – einer ihrer Sportler hat eine Goldmedaille für Belarus geholt. Bilder mit viel Pathos und Hurra-Patriotismus, wie man sie noch aus sozialistischen Zeiten kennt.

Vilnius - Littauen
Seit Wochen kommen täglich viele Flüchtende aus dem Irak und Afrika über die belarusische Grenze nach Litauen. Die EU wirft Lukaschenko vor, sie als "Touristen" nach Belarus einzuladen und ihnen zu versprechen, weiter in die EU gehen zu können. Bildrechte: imago images/Scanpix

Die Sprinterin Kristina Timanowskaja dagegen gilt in dieser Welt als Verräterin. Die Sportlerin erlangte vergangene Woche weltweit traurige Berühmtheit, als sie Beamte des Nationalen Olympischen Sportkomitees – das vom älteren Sohn des Präsidenten Lukaschenko geführt wird – öffentlich kritisierte. In einem Instagram-Video sagte sie verärgert, dass Beamte Dopingkontrollen versäumt haben und deswegen zwei Sportlerinnen für das Staffelrennen in Tokio nicht zugelassen werden konnten. Stattdessen sollte Timanowskaja einspringen, obwohl es überhaupt nicht ihre Disziplin ist, sie entsprechend nicht darauf vorbereitet war und somit ein Verletzungsrisiko bestand.

Kritik unerwünscht

Belarusische Sportfunktionäre nahmen die Kritik der Sportlerin zum Anlass, sie von weiteren Wettkämpfen auszuschließen und zur Abreise nach Belarus zu zwingen. Sie weigerte sich lautstark, löste damit einen internationalen Skandal aus und konnte schließlich nach Polen fliehen. In den sozialen Medien scherzen die Nutzer: Belarus hat das Beste vom sowjetischen Sport übernommen, Sportler, die sich während internationaler Wettkämpfe ins Ausland absetzen.

Krystsina Tsimanouskaya
Nach ihrer erfolgreichen Ausreise nach Polen gibt Kristina Timanowskaja eine Pressekonferenz in Warschau. Bildrechte: imago images/ZUMA Wire

Die offiziellen belarusischen Medien haben jedoch eine eigene Sicht der Dinge. Es sei eine Ehre, bei den Olympischen Spielen für das Vaterland anzutreten, die habe Timanowskaja mit Füßen getreten. Und überhaupt habe sie das alles von langer Hand geplant und sogar im Vorfeld mit ausländischen Geheimdiensten abgesprochen. Sie habe nur auf den richtigen Moment gewartet, um das Ansehen des Landes zu beschädigen.

Kaum Vertrauen in belarusische Medien

Während die unabhängigen Onlinemedien von politischen Gerichtsprozessen, der Migrationskrise an der litauischen Grenze und von immer neuen Verhaftungen berichten, ist das andere, das offizelle Medienbild von Belarus so stabil wie nie zuvor. Da hat der Sportclub des Präsidenten einen neuen Basketballplatz eröffnet, Lukaschenko hat mit dem Minister für Zivilschutz gesprochen, Lukaschenko hat den Präsidenten von Namibia zum 80. Geburtstag gratuliert, die glücklichen Arbeiter der Molkerei in Homel besuchten den Präsidentenpalast und so weiter.

Präsident Alexander Lukashenko
Am 5. August traf sich der belarusische Präsident Alexander Lukaschenko mit hohen Sicherheitsbeamten zu einer Sondersitzung bezüglich der Lage an der Grenze zu Litauen. Seiner Meinung nach verstoße das EU-Land gegen die Menschenrechte, deshalb hat er befohlen, die belarusische Grenze abzuriegeln. Bildrechte: imago images/ITAR-TASS

Für die Menschen im Land ist die Diskrepanz zwischen den Worten der Staatsmedien und der Wirklichkeit kaum zu übersehen. Dennoch ist es schwierig, verlässliche Zahlen dazu zu erheben, wie hoch das Vertrauen in diese Medien tatsächlich ist. Unabhängige soziologische Studien sind verboten, ihre Veröffentlichung unter Strafe gestellt. Immer wieder werden Soziologen und Politologen wegen ihrer Arbeit festgenommen.

So viele Ausreisen wie nie

Laut einer Studie, die der britische Thinktank Chatham House im April 2021 durchgeführt hatte, vertrauen nur 15 Prozent der Belarusen den staatlichen Medien. Die Welt dieser 15 Prozent scheint auf den Kopf gestellt: Sie verlangen von europäischen Regierungen, auf die Einhaltung der Menschenrechte in ihren eigenen Staaten zu achten, posten Videos gegen die europäische Sanktionspolitik in sozialen Netzwerken und sind fest davon überzeugt, dass Lukaschenko das Land vor der kompletten Vernichtung bewahrt habe.

Belarus
Heile Welt in Belarus. Bildrechte: imago images/ITAR-TASS

Für viele Belarusen dagegen bleibt die Flucht aus diesem "Paradies der Stabilität und Blüte" das letzte Mittel. Das polnische Außenministerium berichtet, dass es allein 2021 an belarusische Staatsbürger 90.000 Visa vergeben hat, darunter 9.000 humanitäre. Die Menschen verlassen massenhaft das Land. Und das, obwohl Lukaschenko seit Dezember vergangenen Jahres die Grenzen für Ausreisen in den Westen geschlossen hat. Und nachdem er Ende Mai 2021 eine Ryanair-Maschine in Minsk zur Landung gezwungen hatte, können aus Belarus nur noch zwei Ziele im Westen angeflogen werden: Tel-Aviv und Istanbul. Wer kann, nutzt diese letzte Möglichkeit zur Ausreise, die, die bleiben, warten geduldig auf eine realistische Chance zur Veränderung, um wieder auf die Straßen zu gehen und für ihre Freiheit zu demonstrieren.

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