Ein halbes Jahr Krieg in der Ukraine "Das Ansehen Deutschlands in der Ukraine ist eher mittelmäßig"

Unser Ostblogger Denis Trubetskoy über Ängste und Hoffnungen der ukrainischen Bevölkerung nach einem halben Jahr Krieg, über Deutschlands Image und den Saisonstart der ukrainischen Fußball-Liga.

Ein Junge hält ein Spielzeuggewehr aus Holz neben zerstörten russischen Militärfahrzeugen
In der Ukraine gehört der Krieg inzwischen zum Alltag - auch für Kinder. Bildrechte: dpa

Seit dem 24. Februar muss die ukrainische Bevölkerung nun mit den Folgen der russischen Aggression leben. Gleichzeitig wird heute, am 24. August, der ukrainische Unabhängigkeitstag begangen. Wir sprechen mit unserem Ostblogger Denis Trubetskoy über den hohen Preis, den die Menschen in der Ukraine im Kampf um ihre Unabhängigkeit zahlen müssen.

Wie geht es der Bevölkerung heute? Sind die Menschen kriegsmüde?

Eine gewisse Müdigkeit ist natürlich da, das waren enorm schwere Monate für die ukrainische Gesellschaft. Gleichzeitig ist man bereit, weiter zu kämpfen. Die Menschen haben die Realität akzeptiert und sich auf einen langen Krieg eingestellt.

Denis Trubetskoy - Porträt Junger Mann
Unser Ostblogger in Kiew: Denis Trubetskoy. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Gleichzeitig versucht man, so viel Alltagsleben aufrecht zu erhalten, wie es unter diesen Umständen nur möglich ist. Hier in Kiew sind die Straßen der Stadt schon viel voller als noch am Anfang des Sommers. Es sind jetzt rund drei Millionen Menschen hier. (Vor dem Krieg hatte die Hauptstadt groben Schätzungen zufolge knapp fünf Millionen Einwohner, allerdings war nicht jeder tatsächlich dort gemeldet. - d. Red.) Man versucht irgendwie normal weiterzuleben.

Sind das Geflüchtete aus dem Ausland oder Binnenflüchtlinge, die nach Kiew zurückkehren?

Beides. Ich gehe aber davon aus, dass es mehr Binnenflüchtlinge sind. Denn man hat gesehen, dass es wenig Sinn hat, im Westen der Ukraine zu bleiben. Die Gefahr eines Luftangriffes ist genauso groß und ich habe den Eindruck, dass z.B. die Flugabwehr Kiew eigentlich fast besser funktioniert als im Westen der Ukraine. Aber ich kenne auch mehrere Menschen, die aus dem Ausland zurückgekehrt sind.

Heute vor 31 Jahren hat die Ukraine ihre Unabhängigkeit von der Sowjetunion errungen. Wie werden die Menschen den heutigen Tag begehen?

Mit großer Vorsicht. Die Regierung rechnet in diesen Tagen mit verstärkten Raketenangriffen von russischer Seite. Deshalb hat sie den Menschen, die im Regierungsviertel in Kiew arbeiten, nahegelegt, in den nächsten Tagen im Homeoffice zu bleiben. Und auch in den Straßen ist eine deutliche Anspannung zu bemerken. Die meisten werden wohl vorsichtig sein – und zu Hause bleiben.

Zu den zivilen Opfern in der Ukraine gibt es nach wie vor keine verlässlichen Zahlen, zu den gefallenen Soldaten genauso wenig. Grobe Schätzungen sprechen aber von Zehntausenden militärischen und zivilen Opfern. Ist die Trauer um diese Menschen im Alltag wahrzunehmen?

Die ist definitiv da. Wenn man durch Facebook scrollt oder einfach durch soziale Medien, merkt man, dass wirklich jeder jemandem kennt, der getötet oder schwer verletzt wurde. Das ist sowohl in den sozialen Medien zu spüren als auch im Alltag. Als ich eine Weile in der Westukraine auf dem Land war, habe ich ein paar Soldaten-Begräbnisse gesehen. Da sind die Menschen am Straßenrand niedergekniet, als die Särge der Gefallenen vorbeigefahren wurden. Das war schon sehr bewegend.

Halten die Menschen einen Sieg der Ukraine für möglich? Und wie würde ein Sieg in den Augen der Bevölkerung aussehen?

Die Einstellung der Bevölkerung hat sich diesbezüglich in den letzten Monaten kaum verändert. Wenn überhaupt, ist der Anteil der Menschen, die an einen Sieg glauben, größer geworden, er liegt in allen Umfragen bei über 90 Prozent. In der Gesellschaft herrscht insgesamt der Konsens, dass das Mindestziel die Rückkehr zum Zustand vor dem 24. Februar ist. Damit könnte man sich zufriedengeben. Aber es gibt auch durchaus Menschen, die sagen, der Krieg endet nur dann, wenn die von Russland annektierte Krim-Halbinsel zurückgeholt wurde.

Karte der Ukraine
Für Teile der ukrainischen Bevölkerung unverzichtbar: Die Halbinsel Krim (in grün). Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auf welche ausländischen Partner setzt die ukrainische Öffentlichkeit?

Da sind drei wichtige Partner zu nennen: Neben den USA, die klar die wichtigste Rolle spielen, sind es Großbritannien und Polen. Diese Staaten leisten mit Abstand die meiste militärische Hilfe. Außerdem schätzt man den Einsatz der baltischen Staaten wirklich sehr und auch den von Tschechien und der Slowakei, die mit ihren kleinen Möglichkeiten versuchen, so weit zu helfen, wie es geht.

Und Deutschland?

Ich würde sagen, dass Deutschlands Image schlechter ist als verdient. Die Hilfe aus Deutschland ist nicht unbedeutend: Raketenwerfer, Panzerhaubitzen, Flugabwehrpanzer und finanzielle Unterstützung. Das ist nicht wenig, obwohl Berlin sicher mehr hätte tun können. Aber die Art und Weise, wie die Bundesregierung – vor allem Olaf Scholz – kommuniziert, ist nicht immer brillant. Dazu kommen die lästigen Debatten über den Gashandel mit Russland. Deshalb ist das Ansehen Deutschlands in der Ukraine eher mittelmäßig.

Die russische Armee hat mitgeteilt, sie hätte das Atomkraftwerk Saporischschja – das größte Atomkraftwerk Europas – verkabelt und droht, es in die Luft zu sprengen, wenn die Armee aus der Region zurückgedrängt wird. Macht das den Menschen Angst?

Die Menschen sprechen darüber, auch von dem Hintergrund der Tschernobyl-Erfahrung. Aber die wenigsten glauben, dass es zu einem Super-GAU kommt. Einmal, weil das Kraftwerk so gebaut wurde, dass der Reaktor auch einem Flugzeugabsturz standhalten kann. Auch Russland hat wohl kein Interesse an einer nuklearen Katastrophe, deren Folgen man nicht planen kann. Realistischer ist, dass Russland die Ukraine von diesem Strom abschneiden will, um damit stattdessen unter anderem die Krim zu versorgen. Das könnte gerade im Süden der Ukraine, der bis jetzt mit Strom aus Saporischschja versorgt wird, eine größere Krise auslösen.

Auf diesem während einer vom russischen Verteidigungsministerium organisierten Reise aufgenommenen Foto, bewacht ein russischer Soldat einen Bereich des Kernkraftwerks Saporischschja in einem Gebiet unter russischer Militärkontrolle im Südosten der Ukraine. Nach dem Beschuss des südukrainischen Atomkraftwerks Saporischschja wächst die Gefahr einer weiteren Eskalation des Krieges.
Besetzt: Ein russischer Soldat bewacht das AKW Saporischschja. Bildrechte: dpa

Aber auch kleinere nukleare Vorfälle sind durchaus möglich, weil Russland absolut unverantwortlich handelt und das Kraftwerk Schutzschild für militärisches Gerät nutzt. Für die Ukraine wäre es optimal, wenn man um das AKW eine entmilitarisierte Zone einrichtet oder eine Friedensmission der UN auf den Weg bringt. Aber daran hat Russland wohl kein Interesse. Das Einzige, was möglich erscheint, ist, dass eine Delegation der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA dorthin reist. Aber das hängt zu hundert Prozent von Putin ab – und der ist nicht interessiert.

Was macht den Menschen, abgesehen von Saporitschschja, nach einem halben Jahr Krieg die größten Sorgen?

Zum einen die Möglichkeit eines taktischen Atomangriffes auf die Ukraine. Das ist nichts, wovon man ausgeht, aber man weiß, dass das möglich ist. Vor allem aber sprechen die Menschen darüber, dass dieser Winter sehr, sehr schwierig werden dürfte. Die Bürgermeister der großen Städte wie Kiew und Lwiw bereiten die Bevölkerung schon darauf vor, dass die Heizsaison schwierig wird und dass die durchschnittliche Heiztemperatur deutlich niedriger sein wird als sonst. Den Menschen ist klar, dass der Winter sehr kalt wird. Und wie es dann mit Strom aussieht ist wie gesagt auch ungewiss.

Und was bringt Hoffnung nach sechs Monaten Krieg?

Die Menschen verfolgen die militärische Lage enorm aufmerksam und im Grunde genommen ist jeder militärische Erfolg etwas, was Hoffnung gibt. Und diese Angriffe auf die Krim geben ein massiven Optimismus-Schub.

Rauchwolken nach Explosionen bei Nowofjodorowka auf der Krim
Rauchwolken nach Explosionen bei Nowofjodorowka auf der Krim Bildrechte: IMAGO/ITAR-TASS

Denn die Krim ist für die Logistik und den Nachschub der Russen enorm wichtig. Die Ukraine will weder bestätigen noch dementieren, etwas damit zu tun zu haben. Aber es ist schon ziemlich wahrscheinlich, dass sie dahinter steckt. Man hat nicht wirklich erwartet, dass die Ukraine so tief im Hinterland so effektiv angreifen kann. Auch mit Blick auf den Donbass haben die meisten erwartet, dass die Russen im Bezirk Donezk deutlich schneller vorankommen, als sie das wirklich tun.

Gestern hat die ukrainische Fußball-Meisterschaft begonnen. Ist das auch ein Versuch, die Menschen trotz des Krieges bei Laune zu halten?

Ja, der Wunsch kam aus dem Präsidentenbüro. Mit dieser Entscheidung, in der Ukraine zu spielen und nicht etwa in Polen, wollte man definitiv ein Zeichen setzen. Sowohl für die eigene Bevölkerung als auch, um dem Ausland zu zeigen, dass in der Ukraine trotz des Krieges erstaunlich viel ziemlich gut funktioniert.

Wie müssen wir uns so eine Meisterschaft im Krieg vorstellen?

Im Stadion wird kein Publikum anwesend sein, außerdem ist vorgeschrieben, dass im Radius von 500 Metern vom Stadion ein Luftschutzkeller vorhanden sein muss. Bei Luftalarm wird das Spiel unterbrochen, bei längerem Luftalarm ist es möglich, das Spiel auf einen anderen Tag zu verschieben. Das ist alles ein ambitioniertes Vorhaben. Es wird sicherlich auch eine ziemlich improvisierte Fußball-Meisterschaft sein. Ich bin gespannt, wie es dann wirklich läuft. In der Geschichte des modernen Fußballs ist das wohl ziemlich einzigartig.

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR AKTUELL RADIO | 20. August 2022 | 07:15 Uhr

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