Prozess gegen russischen Regisseur Serebrennikow: "Ich habe niemals etwas gestohlen."

Der russische Starregisseur Kirill Serebrennikow hat am 7. November 2018 bei der öffentlichen Hauptverhandlung vor einem Moskauer Gericht seine Unschuld beteuert. Serebrennikow wird Veruntreuung öffentlicher Mittel vorgeworfen. Er sitzt deshalb seit mehr als einem Jahr in Hausarrest. "Ich verstehe nichts - das ist alles, was ich sagen kann. Meine Schuld erkenne ich nicht an. Ich habe niemals irgendetwas gestohlen", sagte der Film- und Theatermann.

Der russische Kultregisseur Kirill Serebrennikow.
Theaterregisseur Serebrennikow befindet sich seit über einem Jahr im Hausarrest. Nun droht ihm eine Haftstrafe. Bildrechte: dpa

Der Prozess gegen den Regisseur und drei Mitarbeiter des Gogol-Zentrums wird in Russland aufmerksam begleitet. Er markiert den vorläufigen Höhepunkt einer der größten Skandale in der russischen Kulturbranche. An dessen Ende könnte einer der bekanntesten Theatermacher des Landes hinter Gittern landen. Serebrennikow wird die Veruntreuung von mindestens 68 Millionen Rubel aus den Kassen des Gogol-Zentrums vorgeworfen, rund 900.000 Euro. Doch das Verfahren gegen den künstlerischen Leiter des Theaters gilt als politisch motiviert.

Serebrennikow, der sich auch in Berlin an der Komischen Oper einen Namen als Regisseur gemacht hat, ist einer der unangepasstesten Figuren des russischen Kulturbetriebs. Er brachte Aufführungen wie das  Stück "Märtyrer" des Berliner Autors Marius von Mayenburg in sein Theater, in dem es um das in Russland weitgehend tabuisierte Thema der Religion geht. Auch andere Tabuthemen im Land wie Homosexualität zeigte Serebrennikow in seinen Aufführungen.

Mit Putins Rückkehr dreht sich der Wind

In den wenigen Jahren seit seinem Amtsantritt 2011 hat Serebrennikow das angestaubte Theater des Gogol-Zentrums so zu einer der angesagtesten Bühnen der russischen Hauptstadt gemacht. Anfangs durchaus mit Segen von oben. Nach einer Präsentation vor dem damaligen Präsidenten Dmitrij Medwedew erhielt Serebrennikow eine jährliche Finanzierung von umgerechnet etwa zwei Millionen Euro aus dem Staatshaushalt für seine Theaterprojekte. Offen oppositionell zeigte sich Serbrennikow nie. Stattdessen gehörte er zu jenen liberalen Kreisen in Russland, die sich durch gute Verbindungen nach oben auszeichnen.

Doch mit der Rückkehr Wladimir Putins änderte sich die Kulturpolitik. Zum neuen Kulturminister wurde der populistisch auftretende Wladimir Medinskij, ein Profi aus der PR- und Werbebranche. Mit zeitgenössischem Theater kann er nach eigenem Bekunden wenig anfangen, erst Recht nicht mit dem des Gogol-Zentrums. "Der Staat hat die Pflicht, das zu unterstützen, was seinen Interessen entspricht", erklärte der Minister vielsagend seine Vorstellung von der Förderung von Kultureinrichtungen.

Serebrennikows Aufführungen gerieten in der Folge immer häufiger in die Kritik der kremltreuen Presse. Gleichzeitig begannen die ersten Ermittlungen zu den Finanzen an Serebrennikows Gogol-Zentrum, die in seiner Verhaftung im August 2017 gipfelten. Und so zeigt der Prozess, wie sehr sich der Wind im Kulturbetrieb seit Beginn des Jahrzehnts gedreht hat. Am Ende sind Serebrennikow wohl aber auch die komplizierten Regelungen des staatlichen Systems der Kultur-Finanzierung zum Verhängnis geworden.

Gesetze für Theater kaum einhaltbar

Ein Grundpfeiler dieses Systems ist das "Gesetz 44". Das zwingt alle staatlichen Einrichtungen dazu, sich an einheitliche Regeln im Einkauf zu halten. So gibt es etwa eine Ausschreibungspflicht, die selbst für kleinste Einkäufe gilt. "Wenn ich für meine Aufführung eine Packung Pelmeni kaufen will, muss ich dafür eine richtige Ausschreibung machen", erklärte etwa der Theaterregisseur Josif Rajchelgaus in einem Interview mit dem russischen Radiosender "Business FM".

Das geltende Recht vollumfänglich einzuhalten sei deshalb fast unmöglich, geben viele andere Theatermanager nur hinter vorgehaltener Hand zu. Sie greifen deshalb auf einen Trick zurück und leiten die staatlichen Mittel an Strohfirmen weiter. Die rechnen dann große Anschaffungen ab, die den Regeln entsprechen. In Wahrheit fließen die Fördermittel aber als Bargeld an die Theater zurück. Dort kann es dann ausgegeben werden, ohne jede Ausgabe einzeln abzurechnen.

Auch Putin kritisiert Gesetz 44

Ähnlich sei man auch im Gogol-Zentrum vorgegangen, gaben Kirill Serebrennikow und seine Mitarbeiter zu. Allerdings ohne die Absicht, das Geld in die eigene Tasche zu stecken, wie es ihm nun die Staatsanwaltschaft vorwirft, sondern um es für die zahlreichen Aufführungen zu verwenden.

Das Problem der russischen Kunst- und Theaterbranche ist offenbar auch auf höchster Ebene bekannt. Selbst Premierminister Dmitirj Medwedjew und Präsident Wladimir Putin hatten sich bereits kritisch über das Gesetz geäußert. Medwedjew sei mehrfach von Kunstschaffenden auf diesen Umstand hingewiesen worden.

Für Serebrennikow dürfte dies die Chancen auf eine Freilassung kaum erhöhen. Seine Anwälte hatten beantragt, dass die Staatsanwaltschaft den Fall zurückzieht und erneut überprüft. Doch nachdem dieser Antrag wie erwartet abgelehnt wurde, sind die Prognosen schlecht. Wird ein Verfahren nicht im Vorfeld eingestellt und landet es vor Gericht, wird die Mehrheit der Angeklagten in Russland schuldig gesprochen.

Über dieses Thema berichtete der MDR im TV: "Kino Royal" | 14.01.2017 | 11:35 Uhr

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