Ein Hauch von Zarenreich: General fordert Oppositionellen zum Duell

Der Chef der russischen Nationalgarde will Traditionen des Zarenreichs wiederbeleben und fordert Oppositionsführer Alexej Nawalny zum Duell. Doch statt Satisfaktion zu bekommen, erntet er Spott und Häme.

Viktor Zolotov
Zurück in die Vergangenheit: Der Chef der russsichen Nationalgarde Viktor Solotow fordert Oppositionspolitiker Andrej Nawalny in einem Youtube-Video zum Duell. Bildrechte: imago/Russian Look

Man könnte sich im falschen Jahrhundert wähnen, wäre die Botschaft des Chefs der russischen Nationalgarde Viktor Solotow an den Oppositionellen Alexej Nawalny nicht per Youtube-Video in die Welt getragen worden. In einer Mischung aus Gossensprache und dem Gehabe eines Adligen verlangt Solotow in dem sechsminütigen Clip nicht weniger als Satisfaktion von Nawalny und fordert den Politiker zu einem Faust-Duell im Ring heraus. "Ich werde ein saftiges Schnitzel aus Ihnen machen", kündigt der in Uniform gekleidete Solotow im Clip an. Fast zwei Millionen Mal wurde das Video innerhalb von 48 Stunden auf dem Youtube-Kanal der Nationalgarde angesehen, tausendfach in sozialen Netzwerken geteilt.

Dabei gehört Solotow nicht gerade zu den Männern in Russland, die im Rampenlicht stehen. In den frühen neunziger Jahren war er Leibwächter von Putins damaligem Vorgesetztem Anatoli Sobtschak, dem ersten demokratischen Bürgermeister von Sankt-Petersburg. Nach der Jahrtausendwende stieg er zum Leiter von Putins Wachdienst auf und später zum stellvertretenden Innenminister. Vor zwei Jahre wurde der heute 64-Jährige Chef der 370.000 Mann starken Nationalgarde und damit einer der einflussreichsten Männer des Landes.

Viktor Zolotov und Vladimir Putin
Man kennt und schätzt sich: Viktor Zolotow und Wladimir Putin. Bildrechte: imago/ITAR-TASS

Korruptionsvorwürfe gegen den Putins Vertrauten

Vor wenigen Wochen dann veröffentlichte Alexej Nawalny ein Enthüllungsvideo über mutmaßliche Korruption im Einkauf bei der Nationalgarde. Demnach wird die Verpflegung seit diesem Jahr nur noch über einen einzigen Lieferanten bezogen, das Fleischkombinat  "Druschba Narodow", zu Deutsch so viel wie Völkerverständigung. Das Unternehmen ist registriert auf einen früheren Mitarbeiter der Nationalgarde und direkten Untergebenen von Solotow. Das Problem: Seit es das Liefermonopol gibt, sind die Einkaufspreise nach Angaben von Nawalny teils um das Doppelte gestiegen. Er beruft sich dabei auf offizielle Dokumente. Sie belegen, dass das Druschba-Kombinat beispielsweise Zwiebeln zum Preis von umgerechnet 50 Cent pro Kilo liefert. Die Zwiebeln kosten selbst im Moskauer Einzelhandel 25 Prozent weniger.

Nawalny hatte in der Vergangenheit immer wieder einflussreiche Politiker mit dokumentierten Korruptionsvorwürfen konfrontiert. Für den General und Putin-Vertrauten waren die Vorwürfe Grund genug, den Oppositionspolitiker nicht nur zum Duell herauszufordern, sondern eine regelrechte Hasstirade aufzuzeichnen. Nawalny sei ein Produkt aus der Retorte des Westens, ein Feigling, der nie für seine Worte geradestehen musste. "Es wäre doch schön, wenn man die alten Traditionen ein wenig wiederbeleben würde", erklärte Solotow in Anspielung auf das Zarenreich, in dem Duelle bis ins 20. Jahrhundert hinein ein probates Mittel der Konfliktlösung waren.

Schläge und Drohungen bleiben salonfähig

Dabei sind die Sitten in der russischen Politik zwar seit den 1990er-Jahren deutlich sanfter geworden. Dennoch spielen Politiker auch heute immer wieder gern ihre Sonderstellung aus. Erst kürzlich verstrickte sich der Duma-Abgeordnete und Chef der scheinoppositionellen Partei LDPR, Schirinowski, bei einer Demo gegen die geplante Anhebung der Renteneintrittsalter in eine Rangelei mit einem Demonstranten. Weil dieser ihn als "einen Scheißhaufen" bezeichnete, hetzte Schirinowski seine Leibwächter auf den Mann und schlug ihm ins Gesicht. Der Angriff blieb für ihn ohne Folgen.
Vor drei Jahren drohte etwa der nunmehr wegen Korruptionsverdacht in U-Haft sitzende Ex-Gouverneur der kleinen Republik Mari El im Osten des europäischen Teil Russlands den Bewohnern eines Dorfes die Straße aufzureißen, weil diese ihm, seiner Meinung nach einen nicht ausreichend freundlichen Empfang bereitet hätten. Gut in Erinnerung sind vielen Russen ebenfalls die Worte von Putin-Sprecher Dmitrij Peskow, der vor sechs Jahren erklärte, man müsse die Leber von Demonstranten auf dem Asphalt breitschmieren, wenn diese bei Ausschreitungen Polizisten verletzten.

Auch jetzt im Fall Solotow blieb Peskow wenig zimperlich. "Schamlose Verleumdung muss man mit allen Mitteln bekämpfen", kommentierte er verständnisvoll. Mit viel Häme reagierte stattdessen Nawalnys Umfeld und Russlands Internetgemeinde. Nawalnys Ehefrau, Julia Nawalnaja, bezeichnete den Chef der Nationalgarde als Banditen und Feigling, schließlich sitze ihr Mann derzeit eine 30-tägige Administrativhaft ab und könne nicht gebührend antworten.

Dmitri Peskow
Nicht zimperlich: Putin-Sprecher Dmitrij Peskow erklärte einst man müsse die Leber von Demonstranten auf dem Asphalt breitschmieren, wenn diese bei Ausschreitungen Polizisten verletzten. Bildrechte: IMAGO

Häme statt Satisfaktion

Dies übernahmen dafür die Nutzer im Netz, denn schon einen Tag nach Veröffentlichung von Solotows Video hagelte es Parodien auf die auch für russische Verhältnisse seltsame Satisfaktionsforderung. So forderte etwa der Profischwimmer Viktor Soldatow General Solotow zu einem Schwimmduell heraus. "Gegen mich wirst Du aussehen wie eine Sprotte in Tomatensauce", erklärte der Sportler in einer kurzen Videobotschaft. Unter dem Hashtag "ZolotowChallenge" folgten zahlreiche andere Nutzer dem Beispiel und forderten Solotow etwa zu einer Partie "drei gewinnt" einem Wettessen oder einem Mathematik-Wettbewerb heraus.

Mann mit nacktem Oberkörper und mit Badekappe in einem Schwimmbad.
Fordert Solotow seinerseits zu einem Duell auf: Profischwimmer Viktor Soldatow auf seinem Facebook-Account. Bildrechte: https://www.facebook.com/victor.soldatov

Selbst sonst handzahme Hinterbänkler in der Duma wittern nun angesichts des Medienechos ihre Chance auf fünfzehn Minuten Ruhm. So brachte der Abgeordnete Sergej Iwanow einen Gesetzesentwurf ein, der Duelle künftig regeln soll. Demnach sollen Beamte nur ihresgleichen herausfordern dürfen, während normalsterblichen Russen nur der Gerichtsweg übrig bleiben solle, um Gerechtigkeit zu erzwingen. Auch der Einsatz von Schusswaffen, das klassische Attribut eines Duells im 19. Jahrhundert, soll erlaubt werden. Das Gesetz sei notwendig geworden, weil zuletzt Staatsdiener gehäuft Bürger zum Duell herausforderten, deren Meinung ihnen nicht genehm sei, heißt in einer beigefügten Erklärung. Journalisten des Portals Meduza fanden schnell heraus, dass es sich bei dem Entwurf beinahe um eine Kopie des Duell-Kodex von 1912 handelt. Dass es so ein Gesetz geben wird, daran glaubt in Russland kaum jemand, ebenso wenig wie an ein Duell zwischen Solotow und Nawalny.


Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: Radio | 09.09.2018 | 23:00 Uhr

Mehr aus Osteuropa

Mehr aus der Welt

Kemferts Klima-Podcast 43 min
Bildrechte: MDR / Oliver Betke
43 min 30.11.2022 | 16:40 Uhr

Der Klimawandel lässt Permafrostböden schmelzen. Dadurch werden jahrtausendealte Viren freigesetzt, die für den Menschen gefährlich sein können. Außerdem erklärt Claudia Kemfert, warum Anpassungsstrategien Grenzen haben.

MDR AKTUELL Mi 30.11.2022 15:30Uhr 42:53 min

Audio herunterladen [MP3 | 39,3 MB | 128 kbit/s] Audio herunterladen [MP4 | 78,8 MB | AAC | 256 kbit/s] https://www.mdr.de/nachrichten/podcast/kemfert-klima/audio-viren-permafrost-anpassung-gas-katar100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Nachrichten

Mahnmal für die Opfer des Holodomor 5 min
Bildrechte: dpa
5 min 30.11.2022 | 15:30 Uhr

Der sowjetische Diktator Stalin trieb in den 1930er Jahren mehr als drei Millionen Ukrainer in den Hungertod. Der Bundestag will den Holodomor als Genozid anerkennen. Dazu Martin Schulze Wessel von der Uni München.

MDR AKTUELL Mi 30.11.2022 12:48Uhr 05:02 min

Audio herunterladen [MP3 | 4,6 MB | 128 kbit/s] Audio herunterladen [MP4 | 9,5 MB | AAC | 256 kbit/s] https://www.mdr.de/nachrichten/podcast/interview/audio-stalin-ukraine-holodomor-genozid-bundestag-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio