Nach der Fußball-WM: Russische Kommunen in der Schuldenfalle

Die Weltmeisterschaft bescherte zahlreichen russischen Städten moderne Stadien und Infrastruktur. Die Betriebskosten stellen die Kommunen allerdings vor schwere Aufgaben

Das Stadion in St. Petersburg.
Schick und teuer: Das neue Fußballstadion in St. Petersburg Bildrechte: imago/Fotoarena

Während für die meisten Russen der WM-Sommer langsam zur Erinnerung verblasst, hatte sich Andrej S. auf eine unangenehme Verlängerung eingestellt. "Fast fünf Milliarden Rubel wollte die Stadt aus dem föderalen Haushalt um laufende Kosten zu decken", ärgert sich der Beamte eines Moskauer Ministeriums, der weder seinen Namen noch seinen genauen Arbeitsplatz in der Presse lesen möchte (Name d. Red. bekannt). Zu Verhandlungen reiste er in Russlands zweitgrößte Stadt St. Petersburg. Aus seiner Sicht mit Erfolg. Denn zumindest aus Moskau müssen keine zusätzlichen Mittel mehr fließen. "Ein Teil davon sollte zum Beispiel in die Demontage der temporären Gebäude und des Pressezentrums fließen, sie können nun bis zur Euro 2020 stehen bleiben", erklärt S.

So stolz die St. Petersburger Stadtväter auf die fast eine Million Gäste und Fußballfans während der WM waren, so schwer wiegt nun das Erbe der Weltmeisterschaft. Derzeit ziehen Bauunternehmer gegen die Stadt vor Gericht, weil sie offene Rechnungen nicht bezahlt hat. So verlangt etwa der einstige Bauträger des ohnehin knapp eine Milliarden Euro teuren Stadionneubaus zusätzliche 60 Millionen Euro an unbezahlten Rechnungen. Knapp 120 Millionen Euro an offenen Rechnungen fordert das Bauunternehmen "Metrostroj", das die beiden neuen U-Bahn-Stationen in der Nähe des neuen Stadions errichtet hatte. Dagegen fallen die beinahe zwei Millionen Euro zusätzliche Kosten für die Instandhaltung des alten Stadions der lokalen Fußballmannschaft Zenit, die nun in den WM-Neubau gezogen ist, beinahe bescheiden aus.

Begovaya Metro-Station in St. Petersburg
Noch immer nicht bezahlt: Eine der neuen Metrostationen in St.Petersburg Bildrechte: IMAGO

Petersburg fehlt Geld für Schulen

Den Geldmangel bekommen vor allem die Einwohner der Stadt zu spüren, zum Beispiel Eltern, die pünktlich zum Schulanfang auf neue Schulen und Kindergärten gewartet hatten. So hatte im vergangenen Jahr der oppositionelle Abgeordnete des Petersburger Stadtparlaments Boris Wischnewski Dokumente öffentlich gemacht, die zeigen, dass die Stadt Mittel aus dem Schul- und Kindergartenbauprogramm für den Bau des Stadions abzwackte. Insgesamt etwa 30 Millionen Euro. Mindestens zwei Schulneubauten, denen die Mittel gekürzt worden sind, sind noch immer unfertig. Kürzlich berichtete die Petersburger Lokalpresse, dass ein betroffenes Schulgebäude, dessen Baufinanzierung im vergangenen Jahr um mehr als eine Million Euro gekürzt wurde, bereits Risse am Rohbau aufweist. Im Frühjahr hatte die Stadt die Aufträge über den Bau zweier Schulen und eines Kindergartens in Höhe von knapp 20 Millionen Euro wieder zurückgezogen, obwohl die Arbeiten bereits fortgeschritten waren.

Auch andere russische Städte leiden unter "WM-Spätfolgen"

Dabei ist Petersburg längst nicht die einzige Stadt in Russland, die mit dem Erbe der WM hadert. Bisher befinden sich nur drei der elf Stadien im Eigentum ihrer Heimatregionen. Lediglich die Fischt-Arena in Sotschi, das Krestowski-Stadion in Petersburg und das berühmte Luschniki-Stadion in Moskau gehören den Städten, in denen sie stehen, während die zweite Moskauer Spielstätte, die Heimat von Spartak Moskau, in privater Hand ist. Für die anderen Stadien ist vom Sportministerium bis 2023 ein Übergangskonzept vorgesehen. Während dieser Zeit werden die Betriebskosten, die das Sportministerium für die kommenden vier Jahre auf insgesamt 180 Millionen Euro beziffert, zu drei Vierteln aus dem föderalen Haushalt beglichen.

Nach der Übergangsphase kommen auf die jeweiligen Kommunen nach offiziellen Angaben Kosten im Bereich von etwa vier bis fünf Millionen Euro zu. Viel Geld für Russlands klamme Kommunen. So beträgt der Haushalt der Millionenstadt Wolgograd für das laufende Jahr gerade einmal gut 230 Millionen Euro. Bereits im Juni warnte die Ratingagentur Fitch, dass die zusätzlichen Kosten sich negativ auf die Kreditwürdigkeit einiger Regionen wie Mordowien, 600 Kilometer östlich von Moskau, auswirken könnten.

Kommunen tüfteln an Betriebskonzepten

Damit die Stadien nicht zur untragbaren Last für die Kommunen werden, arbeiten die lokalen Behörden derzeit fieberhaft an Business-Plänen, die Ende Oktober beim Sportministerium vorliegen müssen. Gleichzeitig können die künftigen Betreiber etwa Hoffnung aus den aktuellen Besucherzahlen schöpfen. Obwohl in gut der Hälfte der WM-Stadien nur Zweitliga-Spiele stattfinden, jagen die Besucherzahlen von einem Rekord zum nächsten. So war der achte Spieltag von Russlands zweiter Profiliga der mit den meisten Zuschauern in der bisherigen Geschichte der Liga. Insgesamt kamen rund 112.000 Fans. Drei Viertel davon entfielen dabei auf die drei Arenen, wo kürzlich noch internationale Fußballstars um den Weltcup spielten. Der bisherige Ligarekord wurde mit insgesamt 98.000 Zuschauern gegen Ende der letzten Spielzeit aufgestellt. Die 2. Bundesliga kam in der vergangenen Saison auf knapp 200.000 Besucher - im Durchschnitt.

Doch eine Garantie, dass die Zuschauerzahlen stabil bleiben, wenn die WM-Erinnerungen weiter verblassen, gibt es nicht. Deswegen müssten sich die Fußballfunktionäre einiges einfallen lassen. So zog der Petersburger Zweitliga-Club Dynamo eigens nach Sotschi, um für den Spielbetrieb in dem dortigen WM-Stadion zu sorgen. Der Verein ist in Besitz des Milliardärs Boris Rotenberg, der einst zusammen mit Wladimir Putin Judo trainierte und dem seitdem eine enge Freundschaft mit dem Präsidenten des Landes nachgesagt wird. Die größten Probleme dürfte die Stadt Saransk mit ihren gut 315.000 Einwohnern haben. Dort will man sich nicht alleine auf den Fußball und den Stadtclub "Mordowia" verlassen und hofft mit Bowlingbahnen, Cafés und Einzelhandelsflächen, Besucher in die Arena zu locken.

Das Fischt-Stadion in Sotschi
Fischt-Arena in Sotschi: Damit Geld in die Kasse kommt, spielt neuerdings der Petersburger Zweitliga-Club Dynamo im Stadion. Bildrechte: IMAGO

Über dieses Thema berichtete MDR um 11auch im: TV | 20.06.2018 | 11:00 Uhr

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