Kirche Thüringer Pfarrerin will mit mobiler Kirche zu den Menschen kommen

14 Kirchgemeinden und wenig Zeit für Begegnung und Seelsorge. Das ist für Pfarrerin Jeanett Schurig aus dem Kirchspiel Magdala Alltag. Wie kann Kirche für die Menschen da sein? Mit dem Projekt "Koffer. Raum. Kirche" probiert sie seit ein paar Jahren ein neues Format aus: Sie fährt in den Sommermonaten mit dem Auto auf Plätze in den Dörfern, packt Stühle, Tische und Kaffee aus und wartet, wer kommt.

Eine Frau steht vor einem Auto.
Jeanett Schurig aus dem Kirchspiel Magdala Alltag fährt in den Sommermonaten mit dem Auto auf die Plätze in den Dörfern. Bildrechte: MDR/Samira Wischerhoff

"Es ist schon erstaunlich, was so alles in einen Kofferraum passt", stellt Jeanett Schurig beim Öffnen fest. Vier Klappstühle, ein Tisch, zwei Kannen Kaffee packt sie nach und nach aus, auf einem Dorfplatz in Zimmritz im Saale-Holzland-Kreis. Auch eine Kerze, ein Holzkreuz, ein Gesangbuch, eine Bibel und Flyer hat sie dabei. Dazu noch Spielsteine, aus denen man eine Kirche bauen kann, falls Kinder kommen. Doch das Allerwichtigste, was sie mitgebracht hat, ist nicht sichtbar: Zeit. 

Mehrere Gegenstände stehen in einem offenen Kofferraum.
Neben Klappstühlen und einem Tisch hat Pfarrerin Jeanett Schurig auch eine Kerze, ein Holzkreuz, ein Gesangbuch, eine Bibel und Flyer im Kofferraum. Bildrechte: MDR/Samira Wischerhoff

Zu wenig Zeit für Gemeinden 

Zeit hat sie bei insgesamt 14 Kirchgemeinden viel zu wenig erzählt sie: "Das ist wie mit 14 Kindern, die alle an meiner Schürze ziehen und wende ich mich der einen zu, zieht die andere und sagt, ich will aber auch. Ich hab da oft das Gefühl, nicht gut genug da sein zu können, ich hab da einen anderen Anspruch, Menschen im Leben zu begleiten und das frustriert mich schon."

Ich hab da einen anderen Anspruch, Menschen im Leben zu begleiten.

Pfarrerin Jeanett Schurig

Zugleich stellte sie fest, dass das Bedürfnis der Menschen nach Austausch und Begegnung sehr groß ist. Aber auch dafür reicht die Zeit nach den Gottesdiensten oft nicht aus. Schon vor sechs, sieben Jahren dachte sie darüber nach, dass es gerade in den Dörfern nur noch wenig Möglichkeiten gibt, wo Menschen sich treffen können. Sie dachte an die Bäckerautos, die oft noch durch die Orte fahren und Brötchen liefern - und so reifte nach und nach die Idee der "Kirche auf Rädern".  

Von geselligem Austausch bis zu ernsten Gesprächen 

In Zimmritz wird die 45-Jährige heute schon erwartet, der Termin "Koffer. Raum. Kirche" war angekündigt - mehrere Seniorinnen aus dem Ort haben sich vor dem ehemaligen Konsum versammelt, in dem sich heute der Gemeinderaum befindet. Eine hat Torte für alle mitgebracht, andere haben bereits im Gemeinderaum den Tisch gedeckt. "Heute ist es zu frisch für draußen", lautet einhellig die Meinung. Jeanett Schurig lässt den Kofferraum draußen offen, falls noch jemand dazu kommt.

Denn so ist ihr Konzept gedacht; offen für jeden, der dazu kommen mag. Dabei hat sie bisher ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht, mal ging es nur um geselligen Austausch und ums im wahrsten Sinne über Gott und die Welt reden. Doch es haben sich auch schon spontan intensive Seelsorge-Gespräche ergeben. Manchmal kam auch niemand. Und ein anderes Mal kam nur eine Katze vorbei, um sich Streicheleinheiten abzuholen.

Menschen sitzen um einen Tisch.
Das Treffen in einem Gemeinderaum in Zimmritz ist eher gesellig. Bildrechte: MDR/Samira Wischerhoff

Menschen sind froh über Angebot 

Das Treffen in Zimmritz wird eher gesellig. Jeanett Schurig liest kurz einen Vers aus der Bibel, danach tauschen die Frauen Familiengeschichten und Rezepte aus, Jeanett Schurig erfährt viel von den einzelnen Biografien und Verwandtschaftsverhältnissen im Dorf. Die Politik oder Energiekrise sind dabei kein Thema. Viel eher sind alle in der Runde froh, dass sie gesund und nicht allein sind.

Das sei genau das, was sie mit ihrem Projekt erreichen wolle, sagt Schurig: "Ich möchte Räume der Begegnung schaffen und für den Austausch, weil es geht um die Menschen hier vor Ort". Dass es heute eine reine Frauenrunde ist, sei eher Zufall. Es hätte auch schon Treffen gegeben, wo fast nur Männer dabei gewesen wären.

Die Seniorinnen jedenfalls sind froh über das Angebot und dass Jeanett Schurig sich trotz ihrer insgesamt 14 Gemeinden auf diese Art und Weise Zeit nimmt. Und nehmen diese Zeit dankbar an. Als "einladend", "zwanglos" und "offen" beschreiben sie die Kirche auf Rädern. 

Mehrere Menschen stehen um ein Auto.
Mit dem Projekt "Koffer. Raum. Kirche" wollte Pfarrerin Jeanett Schurig ein neues Format ausprobieren. Bildrechte: MDR/Samira Wischerhoff

Projekt ist für alle offen 

Doch obwohl das Projekt so offen ist, kommen dann doch meist eher altbekannte Gesichter. Gehofft hatte Jeanett Schurig, dass auch mehr Außenstehende von außerhalb der Gemeinde dazu kommen: "Aber bei dem Konzept kommt es drauf an, dass man gar nicht "will". Also sobald man sagt, was man erwartet, wird's schon wieder ne starre, feste Form, die Kirche auch sehr träge macht. Also wir müssen offen bleiben mit dem unberechenbaren Leben, auch mit Enttäuschung leben, wenn keiner kommt, aber wir müssen da sein und das irgendwie auch aushalten und gucken was passiert."

Sie weiß auch, dass ihr Projekt nicht "die Lösung" ist, um kirchenferne Menschen anzulocken. Doch ist sie der Meinung, dass weiterhin neue Formen ausprobiert werden müssen, damit Kirche nicht stehen bleibt. Und so will Schurig auch im nächsten Jahr in den Sommermonaten  ihren Kofferraum wieder ausklappen, zu Gesprächen einladen, für die Menschen im Ort da sein.

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MDR (jn)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Regionalnachrichten | 23. September 2022 | 15:30 Uhr

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