3. Oktober Deutschland zu Gast in Thüringen: So war das Einheitsfest in Erfurt

Zehntausende Menschen haben in Erfurt den Tag der Deutschen Einheit gefeiert - unbeschwert, aber nicht ausgelassen. Die Staatskanzlei zählte am 3. Oktober mehr als 75.000 Besucher. Ein Stimmungsbild vom großen Fest.

Besucher auf dem Petersberg.
Fast wie zur Bundesgartenschau: Der Erfurter Petersberg am Tag der Deutschen Einheit. Bildrechte: MDR/Martin Moll

Klänge und Düfte Thüringens empfangen jene, die am Einheitstag per Zug nach Erfurt reisen. "Lauschen Sie dem Wald, erkunden Sie den Hainich", klingt es beim Verlassen des Bahnhofs von der einen Seite. "Probieren Sie eine Bratwurst", heißt es aus der anderen Richtung. Und wer den Kopf in den Nacken legt, liest die Worte, die an einen Moment erinnern, als Ost und West sich annäherten, auch wenn Welten zwischen ihnen lagen: "Willy Brandt ans Fenster".

Politik und Gaumenschaum. Flanieren und genießen, gedenken und entdecken. Auf vielfältige Weise haben Zehntausende Besucherinnen und Besucher den Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2022 mitten in Thüringen erleben können.

Auf halbem Weg vom Bahnhof zum Domplatz, am Hirschgarten vor der Staatskanzlei, machen Florian Bayer aus Baden-Württemberg und Gülden Rus aus Nordrhein-Westfalen Pause. Die beiden betreuen den DGB-Stand und sind augenscheinlich begeistert vom Fest und von der Stadt. "Eine wunderbare Veranstaltung, großartig, dass das in Thüringen stattfindet", sagt Florian Bayer.

Und Gülden Rus aus Nordrhein-Westfalen fügt hinzu: "Ich habe in Köln nicht erlebt, dass das so groß gefeiert wird. Die Menschen hier legen viel mehr Wert darauf und das ist schön zu sehen.“

Einheitsfest mit Ständen und Menschen.
Alle Bundesländern stellten sich zum Einheitsfest in Erfurt vor. Bildrechte: MDR/Carmen Fiedler

Alle Bundesländer in Erfurter Altstadt

Schön anzusehen ist auch die Thüringen-Präsentation gleich daneben, wo Bach und Goethe als kindergroße Playmobil-Figuren stehen. Überhaupt hat sich Erfurt für das Bürgerfest herausgeputzt.

Jedes Bundesland präsentiert sich in einem Glashäuschen, viele auf dem Petersberg. Frank Kunath aus Erfurt steht mit seiner Frau auf der Dachterasse von Baden-Württemberg und schaut über den Platz. "Gefühlt ist es ein bisschen so wie Buga", sagt er und erzählt, dass sie schon den zweiten Tag hier seien und dass es gut tue, "ein bisschen abgelenkt" zu werden. Auch seine Frau sagt: "Das tut mal gut." Sich darauf zu besinnen, was hier gefeiert wird: die Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland. Frank Kunath: "Warum soll man das nicht feiern? Wir können doch stolz darauf sein."

Ein rot-gelbes Herz auf dem Domplatz.
Beliebtes Fotomotiv: Ein Herz, geformt aus der aktuellen Jahreszahl. Bildrechte: MDR/Martin Moll

Polizei sichert Bürgerfest und Staatsakt

Dass die "Leute mal auf andere Gedanken kommen müssen", findet auch Hartmut Schob aus Hoyerswerda. Er macht mit seiner Frau Angela Urlaub in Erfurt. Dass ein Bürgerfest zum Einheitswochenende gefeiert wird, wussten sie vorher nicht. Aber es sei alles schön gemacht. "Nur was extrem viel ist, sind Polizei und Sicherheitskräfte."

Ein Ehepaar an einem Tisch.
Zufällig ins Bürgerfest stolperte dieses Ehepaar aus Hoyerswerda. Bildrechte: MDR/Carmen Fiedler

Etwa 2.000 Polizisten aus mehreren Bundesländern sind im Einsatz. Viele von ihnen sichern die Zone rund um Dom und Theater, die an diesem Tag nur mit Sondererlaubnis und Kontrollen zu betreten ist. Die geladenen Gäste für den Gottesdienst und den offiziellen Festakt fühlen sich wie an strengen Flughafenkontrollen: Jacke ausziehen, Tasche öffnen, aus der Wasserflasche trinken, Handy und Kamera kurz ein- und wieder ausschalten. So ist das, wenn der Bundesratspräsident - derzeit Bodo Ramelow - neben diversen Ministerpräsidentinnen und -präsidenten den Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundestagspräsidentin Bärbel Bas und Bundeskanzler Olaf Scholz begrüßt.

Mehrere Polizeiautos stehen hintereinander.
"Keine nennenswerte Vorkommnisse", meldete die Landespolizeidirektion Thüringen am Montagabend. Bildrechte: MDR/Martin Moll

Festakt im Theater Erfurt

Es ist ein feierlicher, nachdenklicher Festakt zum Tag der Deutschen Einheit. Der Krieg, die Inflation, die Sorgen der Menschen, Grenzen, Freiheit, Toleranz: All das spielt eine Rolle in den Reden von Bodo Ramelow und Bärbel Bas. Vier Künstler aus Thüringen, alle um die Wendezeit beziehungsweise wenige Jahre davor oder danach geboren, tragen Texte vor, einer von ihnen ist Max Prosa. Der Refrain seines Liedes ist so simpel wie passend: "Denn alle Grenzen hat der Mensch gemacht, das ist, was man so leicht vergisst."

Und Moderatorin Luise Wolfram sagt: "Weltoffenheit und Toleranz leben: Nicht nur in Thüringen, sondern in ganz Deutschland. Das wollen wir heute feiern." Thüringen wird in Bildern präsentiert, die an Grimm'sche Märchen erinnern, das Orchester spielt den "Tannhäuser" und Kammersänger Máté Sólyom-Nagy singt mit dem Chor, der vom Domplatz aus zugeschaltet wird, Schillers "Ode an die Freude".

Es ist wichtig, dass man feiert, dass es bei uns diese Grenze nicht mehr gibt.

Xenia von Roda aus Erfurt

Währenddessen sind auf dem Petersberg viele Familien unterwegs. Für die Kleinen gibt es eine Kindermeile und eine KiKa-Bühne. Dass es ein extra Programm für Kinder gibt, findet die Erfurterin Xenia von Roda gut. Auch, dass das Fest der Stadt und dem Tourismus nütze. Und sie sagt: "Ich glaube, es ist sehr wichtig für die Menschen, dass es ein Bürgerfest gibt. Es ist wichtig, dass man feiert, dass es bei uns diese Grenze nicht mehr gibt. Dadurch wird man darauf aufmerksam gemacht, was wir für eine Freiheit haben."

Eine Frau und eine Puppe auf einer Bühne.
Kinderspaß auch im kleinen Bundesrat: Fledermaus Fidi und KiKa-Moderatorin Singa Gätgens erklären die Wiedervereinigung. Bildrechte: MDR/Martin Moll

Es ist voll auf dem Petersberg am 3. Oktober. Von überall her hört man Musik. Die Stimmung ist gelöst. Ein saarländischer Zauberer gibt eine Vorstellung. Vor Glücksrädern stehen Warteschlangen. Auch die Warteschlange vor dem Bratwurststand, wo die Bratwurst 3,50 Euro kostet und das Rostbrätel 4,50 Euro, ist lang. Ab und zu knallt es, dann ist wieder ein Luftballon geplatzt und die Luftballons aus dem Bundesratshäuschen glänzen besonders schön.

Dort waren die siebzehnjährige Schülerin Julia und der achtzehnjährige Medizinstudent Carlo aus Jena kurz zuvor: bei Bundestag, Bundesrat und Bundesverfassungsgericht auf dem Domplatz. Jetzt ruhen sie sich in einem blau-weißen Strandkorb auf dem Dach des Standes von Mecklenburg-Vorpommern aus. "Insgesamt ist das hier eine tolle und wichtige Sache", sagt Carlo, "auch wenn aktuelle politische Themen etwas zu kurz kommen, da hätte ich mir mehr gewünscht".

Menschen stehen an einer Bratwurst-Bude an.
Imbiss-Schlange: Neben Schmöllner Mutzbraten und veganen Angeboten war der Thüringer Klassiker mit Senf sehr gut gefragt. Bildrechte: MDR/Carmen Fiedler

Klezmerorchester auf dem Domplatz

Energiekrise, Klimawandel, Krieg in der Ukraine und andere Entwicklungen, die bundesweit beschäftigen, werden auf dem Bürgerfest nur am Rande gestreift. Etwa dann, wenn Johannes Paul Gräßer, Dirigent des 70-köpfigen Klezmerorchesters Erfurt, zwischen zwei Titeln auf die Bedeutung von Hilfsbereitschaft und Solidarität für Geflüchtete hinweist. Oder wenn verschiedene Bundesländer den Blick auf wissenschaftliche Errungenschaften lenken, mit denen energietechnische Herausforderungen möglicherweise zukünftig bewältigt werden können.

Diskussion in der Andreasstraße

Mit der "Neuvermessung des 3. Oktober" beschäftigt sich die Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße im und vor dem Gebäude, in dem zu DDR-Zeiten politische Häftlinge auf ihr Urteil warteten. Bereits am Vortag diskutieren dort - auf einer Open-Air-Bühne vor etwa 70 Besuchern - Ostbeauftragter Carsten Schneider, MDR-Landesfunkhausdirektor Boris Lochthofen und Evelyn Zupke, die Bundesbeauftragte für die Opfer der SED-Diktatur. Gemeinsam mit Schriftsteller Lukas Rietzschel und Moderator Peter Wurschi zeigen sie auf, wie vielfältig und unterschiedlich der Umgang mit den eigenen Wurzeln gestaltet werden kann.

Hamburg richtet Fest 2023 aus

Kurz nachdem Gastgeber Bodo Ramelow den Staffelstab an Hamburg übergeben hat - die Hansestadt richtet 2023 das zentrale Einheitsfest aus - genießen Siegfried und Sonja die letzten Sonnenstrahlen des Tages. Aus Berlin waren sie morgens mit dem Zug nach Erfurt gefahren. Vater und Tochter reisen seit einigen Jahren gern in die Städte, in denen das jeweilige Bundesland die zentrale Einheitsfeier auf die Beine stellt.

"Wir sind begeistert", fassen sie den 3. Oktober in Erfurt zusammen. "Die Stadt mit ihrer Architektur und Geschichte an solch einem sonnigen Tag zu erleben, ist einfach toll." Zugleich sei der Feiertag eine gute Gelegenheit, um sich manche Dinge immer wieder mal bewusst zu machen: "Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass die zwei deutschen Staaten damals wieder zusammengefunden haben", sagt Tochter Sonja. Und ihr Vater ergänzt: "Als ich als Jugendlicher in Berlin lebte, habe ich mich eingesperrt gefühlt - obwohl wir im Westen wohnten. Es war wunderbar, als die Mauer endlich fiel." Dieses Gefühl teilt Siegfried wohl mit den meisten auf dem großen Einheitsfest in Erfurt.

Vater und Tochter vor der Staatskanzlei.
Begeistert von Erfurt: Siegried und Tochter Sonja aus Berlin. Bildrechte: MDR/Martin Moll

MDR (mm/caf)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 03. Oktober 2022 | 19:00 Uhr

404 Not Found

Not Found

The requested URL /api/v1/talk/includes/html/63e108de-e0ae-4743-a895-d2e61904b9e4 was not found on this server.

Mehr aus der Region Erfurt - Arnstadt

Mehr aus Thüringen

Helmethal 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
1 min 01.12.2022 | 21:40 Uhr

Im Wohngebiet Lehmkuhle in Werther im Kreis Nordhausen wurden die landesweit ersten Häuser an ein Kalt-Nahwärme-Netz angeschlossen.
Die Erdwärme soll heizen und kühlen.
Bald ziehen die ersten Bewohner ein.

Do 01.12.2022 19:44Uhr 00:23 min

https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/nord-thueringen/nordhausen/video-werther-kalt-nah-erd-waerme-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video