Geschlechtergerechte Sprache Kaum Gender-Sternchen in Thüringer Verwaltungen

Die Varianten bei gendersensibler Sprache sind vielfältig - ebenso deren Anwendung in der Thüringer Verwaltung. Eine einheitliche Regelung gibt es nicht - dafür einige Hürden wie zum Beispiel das Leseverständnis für Software. Die Gleichstellungsbeauftragte des Landes Thüringens legt Wert auf eine Unterscheidung der öffentlichen und privaten Anwendung.

Aufkleber mit Aufschrift *innen an einem Stromkasten
Thüringer Behörden haben im Gebrauch geschlechtergerechter Sprache keine einheitliche Linie. (Symbolbild) Bildrechte: imago images/Ralph Peters

Der Umgang mit geschlechterneutraler Sprache wird in den Thüringer Kommunen sehr unterschiedlich gehandhabt. "Da es aktuell keinen definierten Umgang mit geschlechtersensibler Sprache gibt, finden sich verschiedene Ausprägungen des Einsatzes in den verschiedenen Dokumenten und Veröffentlichungen", sagte Stefanie Braune, Sprecherin der Stadt Jena. Eine Einschätzung, die auch in einigen anderen Thüringer Kommunen vertreten wird, ergab eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur.

So werden den Sprechern zufolge etwa in den Verwaltungen der Städte Erfurt und Jena sowie in den Kreisen Gotha, Schmalkalden-Meiningen und im Wartburgkreis möglichst neutrale Formulierungen, Paarformulierungen oder eine Kombination daraus verwendet. Gendersternchen, Doppelpunkte oder Unterstriche kämen in der externen Kommunikation in der Regel nicht vor.

Keine Gendersternchen in Pressemitteilungen

"Gleichwohl gibt es auch bei uns Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in der Kommunikation - etwa mit Netzwerkpartnern - das Gendersternchen verwenden. Eine einheitliche Regelung hierfür gibt bei uns hausintern aktuell nicht", erklärt Christopher Eichler vom Landratsamt Schmalkalden-Meiningen. Auch in den anderen befragten Kommunen nutzten einzelne Ämter mitunter Formulierungen mit Gendersternchen, so die Sprecher. In Pressemitteilungen werde auf diese Auszeichnungen verzichtet, weil die Zeitungsredaktionen solche Wendungen ohnehin abänderten.

Zwar gilt auch für die Kommunen prinzipiell die im Thüringer Gleichstellungsgesetz verankerte Pflicht, "soweit wie möglich geschlechtsneutrale Bezeichnungen zu wählen". Die Kommunen sehen sich aber in einem Spannungsfeld zwischen Gleichstellung und Lesbarkeit - vor allem in Hinblick auf Menschen mit Behinderungen: "Barrierefreiheit und gendergerechte Sprache sind tatsächlich kompliziert und schwer zu vereinbaren", erklärt der Sprecher der Stadt Erfurt, Daniel Baumbach.

Keine Rechtsgrundlage für geschlechtersensible Sprache

Bislang existiere für Thüringen keine Rechtsgrundlage oder Norm, geschlechtersensible Sprache im behördlichen Schriftverkehr umzusetzen, gibt Adrian Weber vom Landratsamt Gotha zu bedenken. Selbst auf Landesebene ist der Umgang mit geschlechtersensibler Sprache nicht einheitlich.

Scrabble-Buchstaben bilden die Worte: Schauspielerin, Gendern und Stern. Daneben ein Bild der Autorin des Beitrags bei ihrer Arbeit für den Video-Beitrag. 13 min
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Der Antwort des Gesundheitsministeriums auf eine Kleine Anfrage der FDP vom 26. Oktober 2021 zeigt, dass es etwa im Gesundheits- und Landwirtschaftsministerium eine Handreichung gibt, die den Gender-Doppelpunkt als "jüngste Form der gendergerechten Schreibweise" vorstellt. Anders als beim Gendersternchen könne Vorlesesoftware mit einem Doppelpunkt besser umgehen, das Leseverständnis werde erhöht. In anderen Ministerien gebe es hingegen keine Dienstanweisungen, die über die Umsetzung des Gleichstellungsgesetzes hinausgingen.

Gleichstellungsbeauftragte: Unterschied zwischen privat und öffentlich

Für Gabi Ohler, Gleichstellungsbeauftragte des Landes Thüringens, ist bei der teils hitzig geführten Debatte um geschlechtsneutrale Formulierungen vor allem die Unterscheidung zwischen öffentlichem und privatem Sprachgebrauch wichtig: Privat sei jedem Menschen freigestellt, welche Begriffe verwendet würden. "Was die öffentliche Sprache angeht, müssen wir aber über dieses Thema sprechen." Gerade diverse Menschen fühlten sich durch den alten Sprachgebrauch oft nicht wahrgenommen. Sie empfiehlt daher die Nutzung neutraler Formulierungen in Kombination mit dem Gender-Doppelpunkt. Aktuell plane die Regierung eine Überarbeitung des Gleichstellungsgesetzes. Dabei werde auch geschlechtersensible Behördensprache Thema sein.

Matthias Gothe vom Verein Vielfalt Leben sieht in der Nutzung von geschlechtsneutralen Begriffen zumindest einen guten Anfang. Immerhin sei die Gleichstellung aller Lebensentwürfe in Deutschland gesetzlich verankert. Auch Sprache müsse alle Menschen einschließen. Wichtig sei, dass die verschiedenen Seiten nicht dogmatisch an ihrer jeweiligen Meinung festhielten, sondern mehr Dialog und Rücksichtnahme entstehe.

MDR (ls,dpa)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 13. Februar 2022 | 10:00 Uhr

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