Clan-Kriminalität Experte zu Jugendstraftätern: "Kreislauf durchbrechen!"

Bill Borchert ist seit mehr als fünf Jahren Leiter der Jugendstrafanstalt in Berlin-Plötzensee. Fünf der Inhaftierten dort gehören Clan-Strukturen an. Können und wollen sich die Jugendlichen dem entziehen? Was bedeutet das für die Arbeit in der Anstalt?

Der Juwelendiebstahl im Grünen Gewölbe Am 25. Januar 2019 wurde im Grünen Gewölbe eingebrochen. Juwelen im Wert von über 100 Milionen Euro wurden gestohlen. Als Drahtzieher stehen Mitglieder des Remmo-Clans im Fokus. Reporterin Nadja Malak hat Bill Borchert (Leiter der Jugendstrafanstalt Berlin) im Zuge dessen befragt, welche Wirkung Clan-Strukturen auf kriminelle Jugendliche ausüben.

Was sehen Sie persönlich als Herausforderung in Ihrer Arbeit in der Jugendstrafanstalt?

Bill Borchert: Wir sind einerseits ein Gefängnis und haben einen klaren Sicherungsauftrag an die Gesellschaft. Wir sind zugleich eine Erziehungseinrichtung. Sie können uns auch vergleichen mit einer Schuleinrichtung. Wir leisten hier tagtäglich einen pädagogischen Beitrag für die Jugendlichen und deren Perspektiven.

Springen die jugendlichen Häftlinge auf popkulturelle Produkte im Zusammenhang mit Clan-Kriminalität an?

Bill Borchert: Ich habe ein Problem mit dem Begriff Clan-Kriminalität. Ich finde, er trifft die Problematik nicht richtig. Das Thema ist in der Gesellschaft von hohem Interesse. Die Gesellschaft hat das Recht, gegen Kriminalität, die die Gesellschaft stark belastet und Schaden anrichtet, vorzugehen. Clan-Kriminalität, oder organisierte Kriminalität, prägt nicht den Alltag dieser Anstalt, und ich würde sogar behaupten, auch nicht den Alltag meiner Kollegen in den anderen Anstalten. Wir haben Inhaftierte aus diesen Strukturen, aus diesen Milieus, und wir müssen Antworten darauf finden, wie wir damit umgehen. Und das tun wir. Aber sie bilden nicht die Mehrheit in unseren Gefängnissen. In der Jugendstrafanstalt haben wir derzeit fünf junge Männer, die aus diesen Strukturen stammen, von insgesamt 250. Daran können Sie sehen, wie die Verhältnisse im Grunde genommen sind.

Fallen die fünf Jugendlichen aus kriminellen Clan-Strukturen besonders auf?

Bill Borchert: Sie stehen natürlich in gewisser Weise in einem Fokus. Das geht schon damit los, dass es da um bestimmte Namen geht. Ich habe vor Jahren einen sehr interessanten Beitrag des Leitenden Oberstaatsanwalts gehört, der gesagt hat, wir haben hier in Berlin rund 20 sogenannte Clan- oder Großfamilien. Davon leben 13 komplett rechtstreu hier in Berlin, und sieben Familien machen uns Probleme. Aber diese Familien tragen teilweise den gleichen Namen, haben aber miteinander eigentlich gar nichts zu tun.

Ist die Kriminalität in den letzten Jahren gestiegen oder zurückgegangen?

Bill Borchert: Die Kriminalität und Straffälligkeit ist insgesamt zurückgegangen. Das ist ein bundesweiter Trend, nicht nur im Jugendvollzug, sondern auch im Erwachsenenvollzug. Wir hatten hier im Jugendvollzug vor 15 Jahren eine Belegung von 500 Gefangenen, heute von 250.

Muss man diese Straftäter anders behandeln oder resozialisieren?

Bill Borchert: Wichtig ist, dass von Anbeginn konsequentes Handeln an den Tag gelegt wird. Wenn sich junge Menschen zum Intensivtäter (- vorher spricht man von einem Schwellentäter, wo man sagt, man weiß es noch nicht so richtig -) entwickeln und in dichter Abfolge Straftaten von erheblichem Gewicht begehen, müssen die staatlichen Institutionen konsequent darauf reagieren. Es liegt im Prinzip unseres Rechtsstaates, dass man erst mit milden Mitteln anfängt. Da unterscheiden sich Intensivtäter auch nicht von allgemeinen gefangenen Straf- oder Jugendstraftätern: Darf man die Erwartung haben, dass sich durch eine gewisse Intervention auch eine Verhaltensänderung einstellt? Eine mehrjährige Haftstrafe ist kein Garant dafür, dass jemand aufhört mit den Straftaten. Deswegen bin ich dafür, dass Staatsanwaltschaft, Polizei und Gerichte da konsequent handeln. Aber unser Auftrag ist, im Anschluss allen jungen Männern, die bei uns sind, eine Perspektive zu eröffnen. Ob das Intensivtäter sind oder Inhaftierte aus sogenannten familiären Clanstrukturen, da machen wir keinen Unterschied.

Ärgert es Sie, wenn junge Leute nach der Haftzeit gleich wieder ein krummes Ding drehen?

Bill Borchert: Mit dieser Frustrationstoleranz muss man umgehen können, wenn man im Justizvollzug arbeitet oder bei Polizei und Staatsanwaltschaft. Sie haben eben keine Garantie, dass, wenn Sie es gut gemeint und viele gute Programme angewendet haben, damit auch viel investiert haben, dass das am Ende dann auch gelingt.

Welche Rolle spielt die Schulbildung bei jungen Tätern?

Bill Borchert: Wir sehen regelmäßig, dass junge Männer, die kaum Schulerfahrungen haben, weil sie sich der Schule regelmäßig entzogen haben, hier das erste Mal feststellen, ich bin komischerweise gar nicht so schlecht in Mathe. Ich habe das regelmäßig, dass wir junge Männer auch aus anderen Nationen haben, die wenig Schulbildung mitbringen, aber in Mathe ganz schnell lernen. Oder die zum Beispiel die deutsche Sprache hier sehr schnell und sehr gut lernen. Oder junge Männer, die hier in Deutschland sozialisiert waren, die aber auch schlechte Schulerfahrungen gemacht haben, die merken, ich kann eben doch mehr, als ich immer dachte. Das dient letztlich dazu, das Selbstbewusstsein zu stärken. Wenn Sie über so eine Selbstbewusstseinsstärkung den Weg finden in Perspektiven, in andere Themenfelder, dann schaffen Sie das auch nachhaltig: Menschen wegzuführen von der Begehung von Straftaten.

Die leere Vitrine nach dem Raub im Grünen Gewölbe in Dresden. 45 min
Die leere Vitrine nach dem Raub im Grünen Gewölbe in Dresden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Was würden Sie sich wünschen, um Jugendliche von Clankriminalität abzuhalten?

Bill Borchert: Dass wir weggehen von dieser Schwarz-Weiß-Diskussion. Ich habe wirklich viele junge Männer aus diesen sogenannten Familien kennengelernt, wo wir ein differenziertes Bild haben. Ich will das gar nicht beschönigen. Wir müssen auch eine ehrliche Einschätzung treffen. Wir müssen auch so ehrlich sein zu sagen, wenn der Vater kriminell ist und für sich keinen anderen Weg finden will, dann ist es so. Dann müssen wir das so hinnehmen. Für den Vater sind wir nicht verantwortlich, für den Sohn schon. Das thematisieren wir auch mit unseren jungen Männern, dass wir sagen: Gucken Sie hin, was ist Ihre Persönlichkeit? Was wollen Sie in Ihrem Leben erreichen?

Da spreche ich jetzt wirklich für diese Anstalt, wir haben es mit jungen Männern zu tun, die oft auch noch unreif sind und noch nicht abgeschlossen in ihrer Entwicklung. Die oft selber auch als Werkzeug dort missbraucht werden.

Beim Einbruch ins Grüne Gewölbe waren die Täter alle unter 21. Werden sie von den Erwachsenen ausgenutzt?

Bill Borchert: Da bin ich ziemlich sicher und davon überzeugt. Da kann man jetzt auch sagen, da lässt sich ja der Rechtsstaat an der Nase herumführen. Nein, da lässt sich der Rechtsstaat nicht an der Nase herumführen. Es gibt gute Gründe, warum wir vor über 100 Jahren hier in Deutschland ein besonderes Jugendstrafrecht eingeführt haben, das auf Erziehung und Förderung ausgerichtet ist. Ich bin der festen Überzeugung, dass die überwiegenden Fälle genauso laufen. Dass man sagt, ich suche mir welche raus, die noch Jugendliche oder Heranwachsende sind, in der Hoffnung, dass diese dann ein milderes Strafmaß bekommen. Das ändert aber nichts an meinem Auftrag insgesamt, dass ich diesen Jungen vermitteln will, dass sie im Grunde genommen da nicht mehr eigenständig handeln. Natürlich sind sie verantwortlich im Sinne des Strafrechts, des Jugendstrafrechts. Die Verantwortungsreife haben sie dann auch. Nichtsdestotrotz werden sie instrumentalisiert, vielleicht von ihren eigenen Familien auch - und diesen Kreislauf will ich durchbrechen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Kripo live | 30. Januar 2022 | 19:50 Uhr

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