Gerichtsprozess Juwelendiebstahl: Wie gut sind Wachleute für den Ernstfall geschult?

Im Gerichtsprozess um den Juwelendiebstahl im Grünen Gewölbe in Dresden standen zuletzt die Wachleute im Fokus. Warum sind sie nicht gegen die Diebe eingeschritten? Oder dürfen sie das gar nicht? Wir sind der Frage auf den Grund gegangen.

Ein Polizeifahrzeug steht vor dem Residenzschloss mit dem Grünen Gewölbe.
Als die Polizei eintraf, waren die Juwelendiebe schon über alle Berge. Hätten die Sicherheitsleute sie stoppen müssen? Bildrechte: dpa

In der jüngsten Verhandlung am Dresdner Landgericht gibt es Kritik am Wachpersonal: Zwei Wachleute werden beim Einbruch in das Grüne Gewölbe noch selbst verdächtigt - andere, die später alarmiert worden sind, seien ebenfalls nicht eingeschritten, sagt Nadja Malak. Sie beobachtet den Prozess als MDR-Reporterin.

"Die haben sich dann hinter Häuserecken versteckt und versucht, was mit dem Handy zu filmen. Aber sie haben sich nicht bemerkbar gemacht und auch auf die Frage hin, warum sie denn nicht eingeschritten sind, kam da eigentlich gar nix. Also ich hatte bei den Aussagen so ein bisschen den Eindruck, das sind Wachleute, die zwar ihren Wachdienst tun, aber nicht hochprofessionell ausgebildet sind", sagte Malak.

Die haben sich dann hinter Häuserecken versteckt und versucht, was mit dem Handy zu filmen. Aber sie haben sich nicht bemerkbar gemacht und auch auf die Frage hin, warum sie denn nicht eingeschritten sind, kam da eigentlich gar nix.

Nadja Malak MDR-Journalistin
Fahndung Grünes Gewölbe
Bildrechte: Überwachungskamera Staatliche Kunstsammlungen Dresden/Staatsanwaltschaft Dresden

Gibt es Pflicht zum Einschreiten?

Aber hätten sie überhaupt einschreiten müssen? Roland Wappelhorst arbeitet seit 15 Jahren in der Sicherheitsbranche - so eine Extremsituation wie im Grünen Gewölbe sei ihm oder seinen Kolleginnen und Kollegen noch nie vorgekommen. Wappelhorst ist bei der Firma Piepenbrock Sicherheit in Leipzig angestellt. Dass Wachleute sich beim Einbruch im Grünen Gewölbe versteckt haben sollen, statt die Täter aufzuhalten, verteidigt er.

Sicherheitsleute sollen sich nicht in Gefahr bringen

"Auf eine Extremsituation können Sie einen Mitarbeiter nicht vorbereiten. Gerade bei der Situation Einbruch: Der Sicherheitsmitarbeiter soll feststellen, dass ein Einbruch stattfindet oder stattgefunden hat. Und dann ist das nächste, was er tun soll: Die Polizei zu rufen. Also er soll sich selber überhaupt nicht in Gefahr begeben, das ist das oberste Gebot, dass sein Eigenschutz vor allem geht", erklärt Wappelhorst.

Auf eine Extremsituation können Sie einen Mitarbeiter nicht vorbereiten. Gerade bei der Situation Einbruch: Der Sicherheitsmitarbeiter soll feststellen, dass ein Einbruch stattfindet oder stattgefunden hat. Und dann ist das nächste, was er tun soll: Die Polizei zu rufen.

Roland Wappelhorst Mitarbeiter in der Sicherheitsbranche

Wachpersonal lernt nur Grundlagen

Wer selbst im Sicherheitsdienst arbeiten will, muss in Deutschland bei der Industrie-und Handelskammer erstmal Schulungen besuchen. In 40 Unterrichtsstunden lernt das angehende Wachpersonal Grundlagen, nachgestellte Szenen oder Rollenspiele gibt es nicht. Auch keine Prüfung am Ende. Wer später aber doch belastende Erfahrungen macht, sagt Wappelhorst, dem rate seine Firma, psychologische Hilfe zu suchen:

"Von Seiten der Firmen können wir nur dazu raten in Extremsituationen. Wir können es nicht anordnen, wir haben auch selber keine eigenen Psychologen bei uns beschäftigt. Das läuft dann halt ganz normal über den privaten Arzt. Aber wir raten dazu und, klar, wenn wir auch merken, dass jemand belastet ist, wird er beraten, dass er psychologische Hilfe in Anspruch nehmen soll."

Eigenschutz geht vor

Aber wie briefen Museen die Wachleute für solche Fälle? Auch Claus Rokahr setzt hier auf Eigenschutz des Personals. Er arbeitet bei der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, die neun Museen betreibt.

"Natürlich wird das Personal gebrieft, aber Sie können sich das Sicherheitspersonal in den meisten Museen nicht so vorstellen, dass das die Sheriffs mit ner Pistole am Halfter sind. Sondern das ist ein unterwiesenes Sicherheitspersonal, die in der Regel die Verpflichtung zur Alarmierung von Polizei und sonstigen Kräften hat - sie greifen selbst nicht ein und dürfen das auch nicht", sagt Rokahr.

Im Dresden wirft das Verhalten der Wachleute trotzdem noch viele Fragen auf - in knapp zwei Wochen wird deshalb der Leiter der Sicherheitsabteilung des Grünen Gewölbe vor Gericht befragt.

Im Januar hatte vor dem Landgericht Dresden der Prozess gegen sechs Angeklagte begonnen, die den Einbruch begangen und dabei historische Schmuckstücke mit einem geschätzten Versicherungswert von mindestens 113,8 Millionen Euro gestohlen haben sollen. Von der Beute fehlt bislang jede Spur.

MDR(sth/Sarah Bötscher)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Regionalnachrichten aus dem Studio Dresden | 09. März 2022 | 11:30 Uhr

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