Grünes Gewölbe Zweiter Prozesstag: Zeugen können Angeklagte nicht identifizieren

Der Prozess um den Juwelendiebstahl im Grünen Gewölbe in Dresden ging am Freitag in die zweite Runde. Drei Sicherheitsleute des Zwingers, die in der Tatnacht auf Streife waren, machten ihre Aussage. Das Gericht entschied zudem über die zahlreichen Anträge der Remmo-Anwälte.

Ein Angeklagter im Prozess um den Juwelenraub im Grünen Gewölben wird zu Prozessbeginn in den Verhandlungssaal geführt
Obwohl die am Freitag vernommenen Zeugen in der Tatnacht einiges beobachteten, konnten sie die Angeklagten nicht identifizieren. Bildrechte: dpa

Mit reichlich 20 Minuten Verspätung startete am Freitag der zweite Prozesstag um den Juwelendiebstahl im Grünen Gewölbe in Dresden. Der Tag stand ganz im Zeichen der ersten Zeugenbefragung. Drei Sicherheitsleute des Zwingers, die an dem Abend Streife liefen, stellten sich den Fragen des Gerichts.

Tasche oder Beutel in Kofferraum geworfen

Bei seiner Vernehmung schilderte der erste Sicherheitsmann, wie er kurz nach Dienstbeginn auf der Straße beim Schloss drei bis vier dunkel gekleidete Personen gesehen habe, die etwas in den Kofferraum eines Autos geworfen hätten. "Eine Tasche oder ein Beutel", vermutete der Sicherheitsmitarbeiter. Außerdem habe er Worte vernommen. In gebrochenem Deutsch habe eine Person mit kräftiger Statur und männlicher Stimme gesagt: Los mach' schnell. In der Zwischenzeit seien zwei Streifenwagen eingetroffen, die dann auf seine Hinweise hin die Verfolgung aufgenommen hätten.

Sicherheitsmann filmt mutmaßliches Fluchtauto

Zuvor hatte der Sicherheitsmitarbeiter noch mit dem Handy gefilmt, wie ein Fahrzeug Richtung Hofkirche und anschließend am italienischen Dörfchen vorbeifuhr. Das Video übermittelte er an die Polizei. Vor Gericht zeigte sich jedoch, dass in dem 15-sekündigen Clip nur die Rücklichter eines Fahrzeugs zu sehen sind, so ein MDR-Reporter. Bei dem Auto tippte der Sicherheitsmann auf einen Audi oder einen VW. Er habe eine Entfernung von 25 bis 30 Meter zu dem Auto gehabt, sagte der Zeuge.

Die Verteidigung versuchte, seine Glaubwürdigkeit zu erschüttern. Es gebe Widersprüche zwischen den Aussagen bei seinen zwei Vernehmungen und vor Gericht. So habe der Zeuge teils unterschiedliche Angaben zur Fahrzeugmarke gemacht, hieß es. Der Zeuge erklärte dies damit, dass er sich nicht ganz sicher gewesen sei. Teilweise könne er sich auch nicht mehr erinnern.

Neben seinen eigenen Schilderungen berichtete der Sicherheitsmann, dass auch Kollegen von ihm zwei Personen an der Schinkelwache beobachtet hätten, die sich zunächst entfernten, später dann aber wieder zum Residenzschloss zurückgekehrt seien.

Andreas Ziegel (2.v.l.), Vorsitzende Richter am Landgericht Dresden, kommt vor Prozessbeginn in den Verhandlungssaal.
Die Sicherheitsleute mussten den Richtern aufzeichnen, wo sie das mutmaßliche Fluchtauto beobachtet hatten. Die Beschreibungen deckten sich. Bildrechte: dpa

Zweiter Sicherheitsmann bestätigt Version seines Kollegen

Der zweite Sicherheitsmann kam am frühen Nachmittag vor Gericht zu Wort. Er bestätigte die Version seines Kollegen, konnte die mutmaßlichen Täter aber noch genauer beschreiben. Eine Person habe demnach eine dunkle Kapuzenjacke und eine Jogginghose getragen, die zweite Person eine Mütze. Zudem habe einer der Männer einen nervösen Eindruck gemacht. Der Sicherheitsmitarbeiter sagte, dass er eine der Personen schon Tage zuvor, am 21. November 2019, im Bereich des Schlosses gesehen habe.

In der Tatnacht hörte er kurz vor fünf Uhr einen lauten Schlag sowie Stimmen und sah die Stopplichter eines Autos mit geöffnetem Kofferraum. Das Auto identifizierte er demnach als Audi Kombi. Wie beim vorherigen Zeugen ließ Richter Andreas Ziegel sich die Position des Autos aufzeichnen. Dabei zeigte sich, dass sie fast identisch war. Die Frage des Richters, ob der Zeuge auf Bildern, die ihm bei der Polizei gezeigt wurden, jemanden erkannt habe, verneinte der Sicherheitsmann.

Auch dritter Wachmann sieht nur Rücklichter

Ähnlich war das bei seinem Kollegen, mit dem er gemeinsam Dienst hatte. Er wurde als dritter Zeuge vernommen. Auf 50 von der Polizei vorgelegten Lichtbildern habe er niemanden erkannt. Der Sicherheitsmitarbeiter gab zu Protokoll, dass er in der Nacht des Juwelendiestahls einen Knall gehört habe. Im Umfeld der Schinkelwache habe er bald darauf zwei Verdächtige gesehen, von denen einer ein Bartträger gewesen sei und die andere Person Kickbox-Bewegungen gemacht habe. Aufgrund der Dunkelheit habe er aber insgesamt nicht viel erkannt, nur die Rücklichter eines sich wenig später vom Schloss entfernenden Autos.

Der Vorsitzende Richter kommt in den Saal des Oberlandesgerichts Dresden
Der Vorsitzende Richter Andreas Ziegel erteilte den Anträgen der Remmo-Anwälte am zweiten Verhandlungstag eine Absage. Bildrechte: dpa

Verteidiger: Keine Zeit, Videomaterial zu sichten

Gleich zu Beginn der Verhandlung hatten die Remmo-Anwälte ihr Vorgehen vom ersten Verhandlungstag fortgesetzt und erneut einen Antrag auf Aussetzung des Verfahrens gestellt. Videoaufnahmen zum Tathergang hätten nach Angaben der Verteidiger nicht vorab gesichtet werden können, weil sie nicht rechtzeitig zur Verteidigung gelangt seien. Man benötige daher mindestens drei Wochen, um das Material zu sichten, hieß es. Der Vorsitzende Richter lehnte den Antrag ab. Die Videos seien frühzeitig bei der Akteneinsicht zur Verfügung gestellt worden.

Gericht lehnt Anträge ab

Auf gleiche Weise verfuhr das Gericht mit den zahlreichen Anträgen, die die Anwälte der sechs Angeklagten beim ersten Verhandlungstermin am 28. Januar gestellt hatten. Sie wurden am Freitag entschieden. So lehnte es das Gericht ab, die Verfahren der beiden zur Tatzeit noch nicht volljährigen Angeklagten abzutrennen, da eine gemeinsame Beweisaufnahme mit den erwachsenen Angeklagten sinnvoll sei, um den Fall aufzuklären. Außerdem würde eine Abtrennung der Verfahren zu einer erheblichen Verzögerung führen, hieß es. Ähnlich behandelte das Gericht den Antrag auf Aussetzung des Verfahrens wegen vermeintlich fehlender Diversität bei den Schöffen. Auch ein Ausschluss der Polizeibeamten, die an den Ermittlungen beteiligt waren, aus dem Gerichtssaal wurde abgelehnt.

Zahlreiche Menschen mit Mundschutz und dunkler Kleinung befinden sich in einem Saal mit Holztischen.
Zum Prozessauftakt stellten die insgesamt 13 Anwälte der sechs Anklagten zahlreiche Anträge. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Frühzeitige Akteneinsicht kein Thema mehr

Nicht thematisiert wurde hingegen, dass die Anwälte des Freistaates bereits Einsicht in die Akten hatten, obwohl über die Zulassung der Nebenklage noch gar nicht entschieden war. Die Remmo-Anwälte deuteten beim ersten Verhandlungstermin an, dass sie darin einen schwerwiegenden Verfahrensfehler sehen, der nicht mehr geheilt werden könne. Die Entscheidung über die Nebenklage fiel erst in der Zeit nach dem ersten Verhandlungstag. Der Freistaat beziehungsweise die Staatlichen Kunstsammlungen als dessen Vertreter wurden nicht zur Nebenklage zugelassen. Obwohl die Ablehnung der SKD als Nebenkläger offenbar nicht zu einem vorzeitigen Ende des Prozesses geführt hat, könnte sie aber einen Revisionsgrund nach dem Urteil darstellen.

Juwelendiebstahl im Grünen Gewölbe in wenigen Minuten

Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft sollen die Angeklagten am Einbruch ins Grüne Gewölbe und am Diebstahl der historischen Juwelen beteiligt gewesen sein. Am frühen Morgen des 25. November 2019 sollen zwei der sechs Angeklagten durch ein offenbar schlecht gesichertes Fenster ins Grüne Gewölbe eingestiegen sein, das mutmaßlich im toten Winkel einer Überwachungskamera lag. Kurz vorher war ein Feuer in einem Stromverteiler gelegt worden, um die Straßenbeleuchtung auszuknipsen. Ein Fluchtauto stand vor dem Gebäude bereit.

Drinnen schlugen die Diebe mit einer Axt eine Vitrine ein und griffen sich die reiche Beute. Ein Überwachungsvideo zeigt: Die Vitrine brach nach wenigen Axthieben. Das Sicherheitsglas entsprach offensichtlich nicht den Hochsicherheits-Standards, die notwendig wären, um einen wertvollen Kunstschatz diebstahlsicher zu behüten. Mit einem Pulverfeuerlöscher verwischten sie ihre Spuren. Der ganze Coup dauerte nur wenige Minuten.

Anschließend stiegen sie in den Fluchtwagen, wechselten ihn einige Kilometer weiter und zündeten das erste Auto, das sie für ihre Tat genutzt hatten, in einer Tiefgarage in einem Wohngebiet an. Die Beschuldigten wurden im November und Dezember 2020 sowie im Mai und August 2021 festgenommen.

Einbrecher begutachtet eine Schatulle mit Schmuck 48 min
Bildrechte: imago images/Petra Schneider

Anklage: 4.300 Diamanten und Brillanten beim Einbruch in Dresden gestohlen

Laut Anklage erbeuteten die sechs Beschuldigten bei dem Einbruch mehr als 4.300 Diamanten und Brillanten im Gesamtversicherungswert von mindestens 113,8 Millionen Euro - und verursachten Sachschäden von gut einer Million Euro. Den Männern im Alter zwischen 22 und 28 Jahren wird schwerer Bandendiebstahl, Brandstiftung und besonders schwerere Brandstiftung vorgeworfen.

Diebstahl oder Raub?

Im Zusammenhang mit dem Einbruch ins Grüne Gewölbe in Dresden ist immer wieder von einem Juwelenraub die Rede.

Rechtlich gesehen sind Diebstahl und Raub unterschiedliche Dinge – das ist im Strafgesetzbuch in den Paragrafen 242 und 249 geregelt. Demnach handelt es sich um einen Diebstahl, wenn jemand "eine fremde bewegliche Sache" ohne die Zustimmung des Eigentümers an sich nimmt. Das kann mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft werden. Auch der Versuch des Diebstahls ist strafbar.

Von Raub spricht man hingegen, wenn der oder die Täter mit Gewalt drohen oder einer Person Gewalt antun, um einen Diebstahl zu begehen. Laut Strafgesetzbuch ist hier in minder schweren Fällen eine Haftstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren möglich.

Da bisher nicht bekannt ist, dass die mutmaßlichen Täter beim Einbruch ins Grüne Gewölbe jemanden bedroht oder jemandem Gewalt angetan haben, sind sie unter anderem wegen des Diebstahls der Juwelen angeklagt.

Quelle: MDR(sth/kb)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR SACHSENSPIEGEL | 11. Februar 2022 | 19:00 Uhr

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