Tagesbruch in Freital Bergleute graben sich in Gartensparte zum Augustusschacht hinunter

Im Juni sackte unter zwei Gärten in der Freitaler Kleingartensparte "Rotkopf Görg" plötzlich die Erde ab. Es bildete sich ein großer Krater, die Lauben rutschten, Teile der Häuschen stürzten ein. Schuld an dem Chaos ist ein darunter liegender Bergbauschacht, bei dem die Versiegelung nicht gehalten hat. Seine Sanierung ist langwierig und teuer.

Tony Karlick steuert einen Bagger in der Baugrube.
Mit einem ferngesteuerten Bagger gräbt der Bergmann Tony Karlick in Richtung Augustusschacht. Die Baustelle ist derzeit acht Meter tief. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Tony Karlick steht in einem acht Meter tiefen Loch und lässt seinen Bagger mittels Fernsteuerung graben. Während die Schaufel sich nach unten frisst, Schutt und Erde aushebt, bleibt der Bergmann am Rand. Er trägt Haltegurte, die an der Betonbewährung der bereits gesicherten Schachtwände eingeklinkt sind. Es ist eine Vorsichtsmaßnahme - schließlich befindet sich irgendwo unter Karlick ein mehrere hundert Meter tiefer alter Bergbauschacht. Vielleicht trifft er in 15 Metern auf die offene Röhre, vielleicht rutscht vorher schon die Erde nach, so wie es diesen Sommer hier in den Kleingartenparzellen am Windberghang in Freital passierte.

Krater zerstört Gartenlauben

Am 18. Juni bildete sich plötzlich auf zwei Kleingartenparzellen ein riesiger Krater, zwei Lauben und ein Gewächshaus rutschten ab. Zwei weitere Bungalows mussten in den Folgetagen aufgrund massiver Schäden abgerissen werden. Zum Glück kam niemand zu Schaden, wie Geologe Volkmar Scholz betont. So etwas wie in Freital habe er während seiner 20-jährigen Dienstzeit beim sächsischen Oberbergamt nicht erlebt.

In einer Gartensparte in Freital ist die Erde abgesackt, zwei Lauben wurden zerstört.
Im Juni bildete sich in einer Freitaler Gartensparte plötzlich ein riesiges Erdloch. Bildrechte: Roland Halkasch

Aus historischen Dokumenten ist bekannt, dass unter den Kleingärten des Vereins Rotkopf-Görg der Augustusschacht liegt. Er führt mehr als 300 Meter in Tiefe. Von ihm aus wurde im 19. Jahrhundert Steinkohle gefördert. Als die Erträge zurückgingen, wurde der Schacht 1894 mit einem Gewölbe aus zwei Ziegellagen und Stampfbeton geschlossen. Da geschah laut Scholz in etwa 126 Metern Tiefe. Die restliche Schachtröhre sei mit Haldenmaterial verfüllt worden.

Es sei ein gängiges Verfahren gewesen. Dass in Freital so ein Gewölbe offensichtlich eingestürzt ist, ist laut Scholz ungewöhnlich. "Ich kenne kein Beispiel in Sachsen, wo ein Gewölbe kollabiert wäre, auch nicht aus dem Erzgebirge", sagt der Geologe.

Volkmar Scholz vom sächsischen Oberbergamt läuft zum Schacht des Tagbruchs.
Volkmar Scholz vom sächsischen Oberbergamt läuft zur Schachtbaustelle. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Bruchtrichter ist nicht mehr gefährlich

Drei Bergleute der Freitaler Bergsicherung GmbH arbeiten nun täglich auf der Baustelle zwischen den Kleingärten. Zunächst ging es darum, weitere Rutschungen zu verhindern. Anker wurden in den Erdkrater hineingetrieben, Baustahlmatten angesetzt und mit Beton ausgegossen. Das sei nötig gewesen, damit die sogenannte Bruchkontur nicht weiterwandert, die Risse sich nicht nach außen fortsetzen, erklärt Scholz. Gerade wegen der Hanglage am Windberg sei es wichtig gewesen, den Einbruch schnell zu stabilisieren. "Weil der Hang ja schiebt."

Die Arbeiter unten sind angeseilt, falls sich der Schacht plötzlich öffnet.

Volkmar Scholz Oberbergamt Sachsen

Diese Gefahr ist laut Scholz gebannt und die umliegenden Kleingärtner müssen sich keine Sorgen mehr machen. Der Bruchtrichter ist fest. "Wir gehen jetzt in die Tiefe, um die eigentliche Schachtkontur zu öffnen", erklärt der 64-Jährige. Laut den überlieferten Unterlagen misst der rechteckige Augustusschacht im Querschnitt 6,40 Meter mal 1,80 Meter. "Deshalb sind die Kollegen da unten angeseilt, falls sich der Schacht plötzlich öffnet", so der Geologe.

Schacht soll wieder verschlossen werden

Wird das Schachtloch erreicht, soll zuerst mit einer Kamera der Zustand der Wände untersucht werden. Dann ist das Ziel, den Schacht in etwa 40 Metern Tiefe mit einem Betonpfropfen zu verplomben. "Der ist in den Seiten nach allen Richtungen verspreizt, so dass dann wirklich nichts mehr passieren kann", sagt Scholz.

Es werde eine aufregende Sache, wenn es in den alten Schacht gehe, sagt Steffen Seidel, einer der Bergmänner vor Ort, mit blitzenden Augen. Doch bis es soweit ist, muss Seidel noch viele Tonnen Schutt per Kran aus dem Bruchtrichter heben, die sein Kollege unten im Baustellenloch in einen Container baggert.

Steffen Seidel von der Bergsicherung steuert einen Kran, der einen mit Erde gefüllten Container aus der Grube hebt.
Bergmann Steffen Seidel von der Bergsicherung Freital GmbH steuert einen Kran, der einen mit Erde gefüllten Container aus der Grube hebt. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Sanierung kostet 1,5 Million Euro

Tagesbrüche sind im bergbaugeprägten Sachsen nichts Ungewöhnliches. In diesem Jahr gingen beim Oberbergamt bisher 53 Schadensmeldungen ein, 18 davon waren klassische Tagesbrüche. Der Freitaler Fall, bei dem spontan rund 1.500 Kubikmeter Erde absackten, ist aber ein Superlativ, wie Scholz bestätigt.

Dementsprechend schwer lassen sich die Kosten der Sanierung prognostizieren. Die zunächst veranschlagten 350.000 Euro Baukosten haben sich mit 860.000 Euro inzwischen mehr als verdoppelt. Insgesamt rechnet das Oberbergamt mit 1,5 Million Euro - Geld, das über den Bereich "Gefahrenabwehr aus dem Altbergbau" durch den Freistaat bereitgestellt wird.

Die Sicherung dauert ihre Zeit. Für die betroffenen Pächter der Parzellen wird auch die nächste Gartensaison ausfallen. Anfang 2024 können sie nach derzeitigen Schätzungen des Oberbergamtes wieder zurückkehren, um ihre Lauben neu aufzubauen. Die gute Nachricht: "Nach dem Ende der Sanierung werden sie nichts mehr von dem Tagesbruch sehen", so Scholz.

Blick auf die Tagbruchbaustelle in Freital.
Voraussichtlich 2024 können die Gärtner wieder auf ihre Parzellen. Mit abgeschlossener Sanierung soll von dem Tagbruch nichts mehr zu sehen sein. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Karte gibt Aufschluss über Hohlräume

Wer als Bauherr sichergehen will, auf keinem Hohlraum zu bauen, der kann sich beim Oberbergamt informieren. So gibt es im Internet eine Hohlraumverdachtskarte, erklärt Scholz. Gebiete, in denen ein Verdacht auf unterirdische Hohlräume besteht, sind dort hellbraun unterlegt. Detaillierte Informationen zu Risiken an konkreten Stellen können gegen eine Gebühr beim Bergbauamt eingeholt werden.

Von einer abgesackten Laube ist nur noch das Fundament zu sehen.
Wo am 17. Juni noch eine Laube stand, sieht man heute nur die Reste vom Fundament. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

MDR (ama)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | SACHSENSPIEGEL | 29. September 2022 | 19:00 Uhr

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