Schloss Hoheneck Streit um Gedenkstätte in ehemaligem DDR-Gefängnis in Hoheneck

Das Schloss Hoheneck in Stollberg steht bis heute auch als Synonym für Schrecken und Leid in der DDR. Tausende Frauen wurden dort inhaftiert, ausgebeutet und gedemütigt. Nun soll das ehemalige Gefängnis eine Gedenkstätte werden. Doch um das Konzept wird zwischen Stadt, Opfern und Historikern gestritten: Wie modern darf so ein Umbau sein, ohne das Gedenken an die Verbrechen zu verlieren?

Schloss Hoheneck 11 min
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Der rote Ziegelbau ist bereits aus großer Entfernung zu sehen. Massiv thront das Schloss Hoheneck über Stollberg im Erzgebirge. Es hat eine lange Geschichte hinter sich – und eine schwere. Über 130 Jahre lang war es eine Haftanstalt und zu DDR-Zeiten ein reines Frauengefängnis. Wer dort inhaftiert war, musste unter unmenschlichen Haftbedingungen leiden.

Seit Jahren kämpfen die aus politischen Gründen verurteilten Frauen für ein würdiges Erinnern. Nun soll endlich eine Gedenkstätte entstehen. Für viele Betroffene viel zu spät. "Eigentlich ist es unbegreiflich nach 30 Jahren. Dass die Gedenkstätte Hoheneck so vernachlässigt worden ist", sagt die ehemalige Inhaftierte, Konstanze Helber. Ihr als Betroffene würden da manchmal die Worte fehlen.

Ex-Insassin: In Hoheneck habe ich hassen gelernt

Auch Annemarie Krause hat das Elend in Hoheneck vier Jahre lang erlitten. Die heute 91-Jährige lebt in ihrem Heimatort Thum, nur wenige Kilometer von dem ehemaligen Gefängnis entfernt. Sie hatte kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges einen Soldaten der Roten Armee kennen gelernt. Die junge Annemarie und der moldawische Offizier verliebten sich ineinander, zwei Jahre später kam Tochter Verena zur Welt. Sie wollten als Familie in den Westen. "Und dann hat er einmal einen Antrag gestellt, ob sie ihn entlassen, aber der wurde immer abgelehnt", berichtet Annemarie Krause. Er habe gesagt, er wolle gerne mit seiner Familie zusammen sein und noch in den Westen machen. "Das war nu’ der Fehler."

Annemarie Krause in jungen Jahren mit ihrer Tochter.
Die junge Annemarie und der moldawische Offizier verliebten sich ineinander, zwei Jahre später kam Tochter Verena zur Welt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die damals 19-Jährige wird wegen Beihilfe zur Fahnenflucht verhaftet. Sie und viele andere Frauen kommen vor sowjetische Militärtribunale. Das Urteil für Annemarie: 25 Jahre Arbeitslager. Nach einer Odyssee durch verschiedene Gefängnisse und Straflager landet sie schließlich in Hoheneck.

"Unter dem Dach haben wir geschlafen. Im Winter war alles weiß an den Ziegeln", erzählt Annemarie Krause. Sie hätten nur einen Strohsack und zwei Decken gehabt. "Da war die Wachtmeisterin und die hat gesagt: Wenn’s eine Gerechtigkeit Gottes gibt, müssten wir alle verreckt sein." Damals habe sie hassen gelernt – aufgrund der harten Schikanen.

Hinter den Mauern: Hunger, Zwangsarbeit und Isolationshaft

Seit 1864 diente das Schloss als Zuchthaus. Von 1950 bis 1989 saßen im zentralen Frauengefängnis der DDR insgesamt 24.000 Frauen hinter den Schlossmauern. Über Jahrzehnte gehörten in Hoheneck Hunger, mangelnde Hygiene und Isolationshaft zum Alltag. Die Inhaftierten mussten in Zwangsarbeit unter anderem Textilien für den Export nach Westdeutschland nähen. Später besserten sich die Zustände. Aber viele der Frauen leiden bis heute unter den Folgen der Haft. 

"Ich hatte Depressionen", sagt Annemarie Krause. Sie habe eine schwere Unterleibsoperation hinter sich. "Die eine Schwester, die kam raus und sagte, das war verkapseltes TBC. Was ich da hatte." Zudem habe sie zwei Gewüchse in ihrer Gebärmutter gehabt, es seien ihre gestorbenen Zwillinge gewesen. Annemarie Krause und viele ihrer ehemaligen Mitinsassinnen können kaum ertragen, dass in Stollberg nach wie vor wenig an die Vergangenheit erinnert.

Wir wünschen uns alle, dass die Gedenkstätte nunmehr wird. Viele können es gar nicht mehr miterleben, viele sind schon verstorben.

Annemarie Krause Ehemalige Inhaftierte

Kritik an ursprünglichen Plänen für die Gedenkstätte und Gelände

Noch in diesem Jahr soll in Hoheneck eine Dauerausstellung eröffnen. Doch es gibt Kritik an den ursprünglichen Plänen der Stadt. Bund und Freistaat finanzieren die Sanierung des Geländes von Schloss Hoheneck mit über 20 Millionen Euro. Geplant sind mehrere Ausstellungen, ein Kinder- und Jugendtheater und eine Kletterwand. In der alten Wäscherei soll ein Gesundheitszentrum mit Schwimmbecken entstehen. Hinzu kommt die Gedenkstätte mit Dauerausstellung.

"Ich habe manchmal den Eindruck, dass nicht mit der mit der nötigen Würde mit dem Ort umgegangen wird", sagt die Beauftragte für die Aufarbeitung der SED-Diktatur in Sachsen. Nancy Aris beriet seit Oktober 2020 gemeinsam mit anderen Historikern und Opfern in einem Fachbeirat die Stadt Stollberg. Sie kann den Plänen der Kommune wenig abgewinnen. "Hoheneck ist nicht nur eine Haftanstalt in einer sowjetischen Besatzungszone und der DDR. Es war ja auch in der Weimarer Republik ein Gefängnis. Es war auch im Nationalsozialismus ein Verfolgungsort." Sie finde, dem könne man nicht gerecht werden, wenn draußen Jugendliche an der Wand herumklettern.

Die Stadt wiederum will mit ihren Plänen, Kontrapunkte zum Geschehen im Gefängnis in den Jahrzehnten vor der Wende setzen. Es solle das dort hingebracht werden, was den Frauen – den politisch Inhaftierten – genommen worden ist, erklärt der Oberbürgermeister von Stollberg, Marcel Schmidt (Freie Wählerunion). "Kinder, Kinderlachen, Kultur, Geschichtsbewusstsein, Sport, etwas zu essen, alle die Dinge, die man ihnen versucht hat, wegzunehmen und ihr Leben kaputt zu machen." Es sollen seinen Ideen zufolge Kontrapunkte zum Geschehen dort in den Jahrzehnten vor der Wende entstehen. Für eine Kleinstadt wie Stollberg sei das Vorhaben eine große Herausforderung. Ein reiner Gedenkort wäre auch finanziell kaum tragbar, so der Oberbürgermeister.

Streit mit Historikern und Opfern um Gestaltung der Gedenkstätte

Der Oberbürgermeister von Stollberg: Marcel Schmidt.
Der Oberbürgermeister von Stollberg: Marcel Schmidt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Derzeit werden die Pläne überarbeitet, aber die konkreten Entwürfe gibt die Stadt nicht preis. "Ich hatte den Eindruck, dass die Stadt die Ideen des Fachbeirates und die Kritik eher nur als Störaktionen wahrgenommen haben", sagt Aufarbeitungs-Beauftrage Nancy Aris. Eigentlich habe sich die Stadt nicht wirklich inhaltlich damit auseinandergesetzt. Diese haben nur ihr Konzept umsetzen wollen. Es führte dazu, dass der gesamte Fachbeirat im November vergangenen Jahres zurücktrat.

Dass die Kommunikation nicht so gut gelaufen ist, das sieht auch Oberbürgermeister Marcel Schmidt: "[…] wir hatten dann eine Kommunikation zwischen, sagen wir mal so Verwaltungsfachangestellten in der Stadtverwaltung, die eigentlich andere Aufgaben haben, die aber sich darum kümmern, weil jemand anders ist nicht da und einem Fachbeirat, der von einem gewissen Niveau aus bestimmte Dinge erwartet hat."

Umgang mit historischem Erbe in Berlin Hohenschönhausen

Die Herausforderung, Leiden der Opfer zeitgemäß auch nachfolgenden Generationen nahe zu bringen, die hat man nicht nur in Hoheneck. Eine der bekanntesten Gedenkstätten steht in Berlin-Hohenschönhausen. Dort befand sich das zentrale Untersuchungsgefängnis des Ministeriums für Staatssicherheit. Der Leiter der Gedenkstätte, Helge Heidemeyer, berichtet MDR exakt von seinen Erfahrungen im Umgang mit dem historischen Erbe.

"Das wichtigste Objekt, das wir haben, ist das Haus selbst", sagt Helge Heidemeyer. Das sei sowohl in Hohenschönhausen als auch in Hoheneck die Haftanstalt. Er würde nicht alles überformen oder neu machen wollen, sondern "versuchen, den Zustand, den das Gefängnis hatte, auch den Besuchern heute noch zeigen zu können". Heidemeyer schließt moderne Ausstellungskonzepte nicht aus. Wer neue Wege gehen wolle, müsse sich aber der Diskussion stellen.

Quelle: MDR exakt/ mpö

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 16. Februar 2022 | 20:15 Uhr

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