Interview Protestforscher: "Uns erwartet großes Reinemachen nach Ende der Corona-Pandemie"

Protestforscher Dr. Piotr Kocyba von der TU Chemnitz hat mit Kolleginnen und Kollegen der FU Berlin und Universität Wien ein Working Paper über Herausforderungen bei der Erforschung von Protestbewegungen veröffentlicht. Mit MDR SACHSEN hat er über die Ähnlichkeiten von Pegida und den Corona-Protesten und über die Aufgaben nach dem Ende der Pandemie gesprochen.

Piotr Kocyba
Protestforscher Piotr Kocyba von der TU Chemnitz hat mit MDR SACHSEN über Gemeinsamkeiten von Pegida und den Corona-Protesten gesprochen. Bildrechte: TU Chemnitz

Frage: Sie haben gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen der Freien Universität Berlin und der Universität Wien ein Working-Paper herausgegeben, das sich insbesondere mit rechtem Protest wie Pegida befasst. Was war der Ausgangspunkt Ihrer Forschung?

Piotr Kocyba: Pegida war ein Aufwachmoment für uns in der Forschung. Ich habe festgestellt, dass es keine repräsentativen Daten gibt. Über die meisten Anhängerinnen und Anhänger können wir nichts sagen, da mehr als zwei Drittel eine Befragung abgelehnt haben. Zum Vergleich: Bei "Fridays for Future" haben nur etwa fünf Prozent die Befragung abgelehnt.

Aus den Nachgesprächen mit den Befragungsteams ging hervor, dass vor allem besonders aggressiv Wirkende nicht befragt wurden. Wir gehen davon aus, dass deswegen der radikale Teil der Bewegung in den Daten kaum auftaucht.

Sehen Sie Gemeinsamkeiten zwischen Pegida und den jetzt stattfindenden Corona-Protesten?

Es sind ähnliche Milieus. Bei Pegida und auch bei den Corona-Protesten sind Menschen dabei, die skeptisch gegenüber unserem demokratischen System sind. Und auch ein tiefes Wissenschaftsmisstrauen haben wir bereits 2015 bei Befragungen bei Pegida erlebt.

Pegida hat zum Vorschein gebracht, was in Sachsen schon lange vorher unter der Oberfläche geschwelt hatte: ein Frustpotenzial, eine Unzufriedenheit mit politischen Entscheidungsträgern.

Politiker fordern unter anderem Regulierungen des Messengerdienstes "Telegram". Wie sehen Sie diese Forderung?

Dafür ist es eigentlich zu spät. Telegram wurde groß, als Facebook anfing, Kommentare zu löschen. Wenn jetzt Telegram eingeschränkt wird, wird sich ein anderes Medium finden. Die Parallelwelten, die sich die Nutzer geschaffen haben, sind jetzt da. Die lassen sich durch eine Einschränkung des Messengers nicht löschen.

Was wären sinnvolle Schritte, um mit der Situation umzugehen?

Nach Ende der Corona-Pandemie erwartet uns ein großes Reinemachen. In Sachsen hat es auch viel mit politischer Kultur zu tun. Es gibt viele Stellschrauben, an denen ernsthaft gedreht werden muss: zum Beispiel beim Schulsystem. Man spricht in den Schulen nicht über politische Themen, aber die Dinge müssen thematisiert werden. Die politische Bildung in Schulen muss viel stärker werden.

Außerdem müssen Dinge, die nicht in Ordnung sind, wie die Ablehnung unseres Rechtsstaates, auch kritisiert werden. Es gibt ein immenses Bedürfnis nach Harmonie. Man denkt, wenn man nur genug hinhört, gibt es wieder einen demokratischen Konsens. Aber man weiß schon aus der Pädagogik, dass man nicht nur dem Lautesten die Aufmerksamkeit geben kann.

Wie wird es mit den Teilnehmenden an den Protesten weitergehen, wenn die Corona-Krise vorbei ist?

Corona hat große Wunden in der Gesellschaft aufgerissen. Das Misstrauen dieser Menschen gegen den Staat und der Wissenschaft ist nicht einfach weg mit dem Ende der Krise. Das ist ein immenser Schaden für unsere Demokratiequalität.

Und nur weil die Menschen nicht auf die Straße gehen, sind sie ja nicht weg. Bei der nächsten Krise sind wieder die gleichen Leute auf der Straße. Vermutlich wird es dann um den Klimawandel gehen.

Quelle: MDR(al)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Regionalnachrichten aus dem Studio Chemnitz | 05. Januar 2022 | 11:30 Uhr

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