Vielfalt in der Arbeitswelt Warum in einer Radeberger Firma Gebärdensprache zum Alltag gehört

In Deutschland leben rund 80.000 gehörlose Menschen. Vielen Hörenden fällt es schwer, mit ihnen zu kommunizieren, zum Beispiel wenn sie sich am Arbeitsplatz verständigen müssen. In einem Radeberger Inklusionsunternehmen besuchen deshalb die Mitarbeitenden der gemischten Teams einen Gebärdensprachkurs.

Die Bildkombo zeigt die Hände von Gebärdendolmetscherin Kathrin-Maren Enders, die am 25.01.2017 in Frankfurt am Main (Hessen) ihre Finger sprechen lässt. Die Einführung der Gebärdensprache als Wahlfach an hessischen Schulen wäre für Enders ein wichtiges Signal an gehörlose Menschen. Die 41-Jährige arbeitet seit etwa einem Jahr als Dolmetscherin, begleitet gehörlose Menschen bei Behördengängen und Gerichtsterminen, im Hörsaal oder bei betrieblichen Verhandlungen.
Die Gebärdensprache umfassst rund 250.000 Gebärden. Man kann sie wie jede andere Sprache lernen, braucht dafür aber seine Hände und eine lebendige Mimik. Bildrechte: dpa

Wenn Sabine Flohr redet, ist ihr Gesicht ein offenes Buch. Die gehörlose Gebärdensprachdozentin unterstreicht ihre Gesten mit der entsprechenden Mimik, macht ein skeptisches, zustimmendes oder ärgerliches Gesicht. Auch ohne die einzelnen Gebärden zu kennen, können die Männer und Frauen der Firma Paso Doble in Radeberg schon ahnen, was Sabine Flohr mit ihren Händen erzählt. Die 13 Hörenden und Gehörlosen nehmen an einem Gebärdensprachkurs teil, den das Unternehmen für sie organisiert hat.

Kurs für bessere Verständigung

Paso Doble ist ein Inklusionsunternehmen, das unter anderem im Epilepsiezentrum Kleinwachau Dienstleistungen wie die Gebäudereinigung und den Hausmeisterservice übernimmt. In seinen Teams arbeiten Gehörlose und Hörende zusammen, erzählt Verwaltungsmitarbeiterin Anja Jahnich. Sie hat den Kurs mit angeschoben, um sich besser verständigen zu können. "Es kam ein Nichthörender ins Büro, wollte mir etwas erklären und ich habe es nicht verstanden. Das war mir unangenehm", erinnert sie sich. Der Kurs habe den hörenden Kolleginnen und Kollegen auch die Scheu vor den Gebärden genommen. Viele Gesten seien intuitiv: "Große Verwechslungen und Peinlichkeiten gab es nie."

Es kam ein Nichthörender ins Büro, wollte mir etwas erklären und ich habe es nicht verstanden. Das war mir unangenehm.

Anja Jahnich Paso Doble gGmbH

Gebärdensprache stärker in der Gesellschaft etablieren

Dozentin Sabine Flohr zeigt an diesem Nachmittag noch einmal grundlegende Gesten, wie die Gebärden für "Hallo", "nochmal" oder "langsamer". Zwei hörende Gebärdensprachdolmetscherinnen unterstützen sie dabei und übersetzen ihre Erklärungen in Worte für die Hörenden. Die drei arbeiten für "Scouts", eine Oberlausitzer Firma, die sich auf Gebärdensprache spezialisiert hat. Neben den Kollegenseminaren arbeitet Scouts vor allem in der Familienhilfe mit gehörlosen Kindern, erklärt Chefin Sindy Christoph. Ihr Ziel: Die Gebärdensprache stärker in der Gesellschaft zu etablieren. Dafür bieten sie auch Gebärdensprachkurse für jedermann an.  

Gebärdensprachkurs in Kleinwachau
Gebärdensprachdozentin Sabine Flohr ist selbst gehörlos. Ihre Gebärden werden von zwei Dolmetscherinnen in Worte übersetzt. Bildrechte: MDR/Viola Simank

Blickkontakt ist das Wichtigste

Eines der ersten Dinge, die Hörende dabei lernen, ist der Blickkontakt zum Gesprächspartner. Das sei das Wichtigste, sagt Dozentin Sabine Flohr, nur so könne man sich verstehen. Denn bei Gebärdensprache sei das Anschauen entscheidend, da es auf Gestik und Mimik ankomme. "Für hörende Menschen ist das am Anfang schwierig, weil sie das Gefühl haben, der Gehörlose starrt sie an. Dabei wollen sie nur kommunizieren." Hinzu komme, dass die Gebärdensprache eine sehr ausdrucksstarke Sprache ist. Daran müssten sich einige erst gewöhnen.

Mimik hat in der Gebärdensprache auch grammatische Funktionen. Intonation, Betonung, das macht man alles durch die Mimik. Beim Sprechen macht man das mit der Stimme.

Sabine Flohr Gebärdensprachdozentin

Lippen ablesen als Hilfe

Ein paar der hörenden Kursteilnehmer in Radeberg arbeiten bereits einige Jahre mit gehörlosen Kollegen zusammen, so wie Andreas. Der Maler kennt schon einige Gebärden und kann sich gut verständigen. Im Alltag ergebe sich auch vieles: "Es ist eigentlich gar nicht so schwer, wie man sich das vorstellt." Außerdem habe ihm sein Kollege beigebracht, von den Lippen abzulesen. Da lernten sie gegenseitig voneinander. Andreas findet es gut, dass er mit seinem Kollegen gemeinsam den Kurs besucht, auch wenn der die Gebärdensprache eigentlich schon kann. So könne man sich besser austauschen.

Mehr Geduld in der Kommunikation

Auch für Anja Jahnich ist der gemeinsame Kurs eine Bereicherung. Denn so konnten die Gehörlosen auch ihre Sorgen loswerden. "Sie haben anfangs erzählt, wie sie sich fühlen, wenn wir nicht mit ihnen kommunizieren. Teilweise dachten sie, dass wir über sie reden, obwohl das gar nicht der Fall war." So empfiehlt auch Dozentin Sabine Flohr zum Schluss den Kursteilnehmerinnen Verständnis und Geduld bei der Kommunikation. Wer es beim ersten Mal nicht versteht, solle einfach um eine langsamere Wiederholung bitten. Die passenden Gebärden gab sie ihnen gleich mit auf den Weg.

MDR (vis)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Regionalreport aus dem Studio Bautzen | 31. Mai 2022 | 16:30 Uhr

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