Ehrenamt in der Kulturszene Aus Liebe zur Kunst: Neues Leben für die "Klein(st)e Galerie" in Arneburg

Luca Deutschländer
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In fast jeder politischen Sonntagsrede wird die Bedeutung des Ehrenamts betont. Und klar: Ohne den ehrenamtlichen Einsatz vieler Menschen wäre das Leben wohl sehr viel eintöniger, auch kulturell. Denn viele Kinos, Museen oder Galerien leben nur, weil Ehrenamtliche sie am Leben halten. MDR SACHSEN-ANHALT stellt deshalb in loser Folge Ehrenamtliche vor, die die Kulturszene im Land bereichern. Heute: die Galeristin Adelheid Johanna Preß aus Arneburg.

Eine Frau steht in einer Galerie vor mehreren Kunstwerken und lächelt in die Kamera.
Liebt Kunst und Kultur und hat der "Klein(st)en Galerie" in Arneburg wieder Leben eingehaucht: Galeristin Adelheid Johanna Preß, im Hintergrund Werke des Thüringer Künstlers Klaus Freytag. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Das hier könnte die Geschichte über das Ende einer langen Tradition sein. Eine Tradition, die die DDR überlebt hat, die Abwanderung nach der Wende, und irgendwie selbst die Pandemie. Was tatsächlich beinahe das jähe Ende der Tradition bedeutet hätte, war stattdessen der Verkauf ihres Zuhauses – irgendwann zwischen dem zweiten und dem dritten Corona-Lockdown. Das könnte also die Geschichte über das Ende der Klein(st)en Galerie in Arneburg im Landkreis Stendal sein.

Ist es aber nicht.

Mittwochvormittag in der Altstadt von Arneburg. Vor dem Rathaus stehen Bauarbeiter auf einem Kran, in der Apotheke nebenan wird darum gebeten, doch bitte weiter Maske zu tragen, die Postbotin huscht gestresst von Haus zu Haus. Adelheid Johanna Preß, die Galeristin der "Klein(st)en Galerie", winkt dem Fahrer eines Autos hinterher. Dann geht sie in das Fachwerkhaus mit der Nummer 15 und zeigt, womit Pessimisten gar nicht mehr gerechnet hatten: Die Klein(st)e Galerie hat ein neues Zuhause. Mitten im Ortskern, wenige Meter entfernt von der Tourist-Information.

Mehrere Kunstwerke des Künstlers Klaus Freytag hängen an der Wand eines Fachwerkhauses.
Der Charme des Fachwerks: Im Rathaus von Arneburg hat die Galerie eine neue Heimat gefunden. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Neues Kapitel aufgeschlagen

Das ist die Geschichte über eine Tradition, für die gerade ein neues Kapitel beginnt. Adelheid Johanna Preß würde das vermutlich nie so sagen, doch ohne sie wäre dieses Kapitel unvollständig. Die Frau mit dem blumigen Oberteil und der Perlenkette ist zuständig für die Ausstellungen hier. Sie macht das ehrenamtlich, wie sowieso alle, die sich im Kultur- und Heimatverein von Arneburg engagieren. Der kümmert sich um Heimatgeschichte, bietet einen Chor an – und die Galerie.

Eine Frau steht in einer Galerie vor mehreren Kunstwerken und lächelt in die Kamera. 1 min
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MDR SACHSEN-ANHALT Mo 23.05.2022 07:30Uhr 01:03 min

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Plötzlich ein neues Zuhause gesucht

Untergebracht war die Galerie lange Zeit im "Goldenen Anker" – einem Hotel unweit der Elbe, in dem Touristen die Ruhe der Natur genossen und im Restaurant die Ausstellungen ansehen konnten, die der Kultur- und Heimatverein hierher geholt hatte. Mehr als 20 Jahre lief das so. Dann wurde der Anker verkauft und die Galerie brauchte plötzlich ein neues Zuhause. Gefunden hat sie es nach langer Suche hier in der Altstadt, im Rathaus.

Neben einem Porträt steht auf einem Türschild -Landschaftspflege-.
Überbleibsel: Wer vor der Tür der Galerie steht, liest dort noch "Landschaftspflege". Doch bevor die Galerie hier einzog, stand der Raum lange leer, musste erst einmal saniert werden. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Die Stadt hatte gefragt, ob der leerstehende Raum, an dem noch immer "Landschaftspflege" steht, nicht etwas für die Galerie wäre. "Ich war gerade bei meiner Ärztin, als das Angebot kam", sagt Adelheid Johanna Preß und lacht. Wenige Minuten später stand sie mit Lothar Hinz, dem Vorsitzenden des Kultur- und Heimatvereins, im Rathaus und sah sich das neue Zuhause ihrer Galerie an.

Als die Galerie plötzlich weg war, war das schon blöd.

Adelheid Johanna Preß Galeristin "Kleine Galerie" Arneburg

Was hatten sie nicht alles versucht: Könnte vielleicht die Burg-Gaststätte der Galerie Unterschlupf bieten? Wollte deren Leiter nicht. Dann vielleicht eine Turnhalle? Passte irgendwie nicht. "Es gab so viele Ideen, die irgendwo versandet sind", sagt die Galeristin. Dann kam die Stadt und bot die Räume im Rathaus an. "Wir haben es gesehen und gesagt: Das machen wir."

Blick auf den Eingang eines Fachwerkhauses in Arneburg im Landkreis Stendal.
Ihr neues Zuhause hat die "Kleine Galerie" im Arneburger Rathaus gefunden. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Kunst in Arneburg seit 1981

Um die Bedeutung der Galerie für Arneburg zu verstehen, muss man ein wenig ausholen. Und man muss über Arne Könnecke sprechen. Der hatte die Galerie zu DDR-Zeiten gegründet, um professionelle Kunst in das Städtchen an der Elbe zu holen. 1981 war das, im Kulturhaus. Zu sehen waren Druckgrafiken des Berliner Künstlers Walter Herzog.

Es war die erste Ausstellung in der Kleinen Galerie, deren Geschichte auch davon geprägt ist, dass sie mal die "Kleine Galerie" war, dann die "Klein(st)e" und nun wieder die "Kleine". Weitere 225 Ausstellungen unter Könneckes Regie sollten folgen. Dessen Grundsatz: professionelle Künstler sollten es sein.

Wie schön, dass man auch in Arneburg so anregende, aufregende und fragende Bilder sehen kann! Begegnung mit originaler Kunst ist doch immer ein Gewinn – ein bleibender!

Eintrag im Gästebuch der Galerie aus dem Jahr 1989

Könnecke prägte die Galerie wie kein anderer. Er lud Künstlerinnen und Künstler ein, plante Vernissagen, brachte den Menschen Kunst vor ihre Haustür. Künstlern und Kunstwerken auch abseits der großen Zentren Publikum und Wirkungsmöglichkeiten zu verschaffen, das war von Beginn an eines seiner Ziele. So ist es bis heute. Nur, dass nun Adelheid Johanna Preß die Galeristin ist.

Eine Frau steht in einer Galerie vor mehreren Kunstwerken und lächelt in die Kamera. 1 min
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MDR SACHSEN-ANHALT Mo 23.05.2022 07:30Uhr 00:24 min

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Die 72-jährige Galeristin kommt gebürtig aus Sangerhausen, lebte und arbeitete lange in Berlin. 1999 ersteigerte sie mit ihren Kindern ein altes Gutshaus in Altenzaun, ein paar Autominuten von Arneburg entfernt. Für Kunst interessierte sich die Psychotherapeutin schon damals. Schon zu DDR-Zeiten rezensierte sie Ausstellungen; später, im neuen Zuhause, kam sie als Besucherin in den "Anker".

Und wie das so läuft: Preß und die Könneckes freundeten sich an. Und als der Galerist verkündete, dass zu seinem 80. Geburtstag Schluss für ihn sei, sagte er, dass es nur eine geben könne, die die Tradition fortführen könne: Es war Adelheid Johanna Preß. Sechs Jahre ist das jetzt her.

Er sagte mir: Wenn du das nicht machst, stirbt die Galerie. Ich sagte: Das geht nicht. Also habe ich mich breitschlagen lassen.

Adelheid Johanna Preß Galeristin

Was für eine Arbeit die Galerie macht? War ihr nicht klar, sagt Adelheid Johanna Preß heute. Sie habe das "total unterschätzt". Und klar: Die Werke der Künstlerinnen und Künstler zu studieren, sie anzufragen, Pressemitteilungen zu schreiben, all das frisst Zeit. Und da sind Auf- und Abbau noch nicht gemacht. "Jede Ausstellung ist Teamarbeit", betont die Galeristin. Ohne den Kultur- und Heimatverein ginge hier nichts. Trotzdem: Freizeit hat Adelheid Johanna Preß kaum. Will sie aber auch nicht. "Das ist wichtig für mich, mich hier verwirklichen zu können."

Eine Frau steht in einer Galerie vor mehreren Kunstwerken und lächelt in die Kamera. 1 min
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MDR SACHSEN-ANHALT Mo 23.05.2022 07:30Uhr 00:21 min

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Es ist Fluch und Segen zugleich, dass der ländliche Raum ohne Ehrenamt nicht funktionieren kann. Das ist nicht nur in Arneburg so, sondern auch überall sonst in Sachsen-Anhalt. Wo Menschen sich zusammentun, kreativ sind, Dinge anpacken, da ist ländlicher Raum lebenswert. Wo das nicht der Fall ist, passiert für gewöhnlich auch nicht viel.

Das Städtchen Arneburg hat weitaus mehr zu bieten als die Galerie. Und doch gehört die Galerie zu Arneburg. Deshalb nahm die Stadt viel Geld in die Hand, den in die Jahre gekommenen Raum im Rathaus herzurichten.

Blick in den Gang eines Fachwerkhauses, an dessen Wänden rechts und links Kunstwerke hängen.
Die Stadt Arneburg hat viel Geld in die Hand genommen, um die neuen Räume der Galerie ansprechend für Besucherinnen und Besucher zu gestalten. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Galerie zwischen Forstamt und Polizei

Während Adelheid Johanna Preß von der Geschichte der Galerie erzählt, läuft ein Polizist an der offenen Tür vorbei und grüßt. In einem Büro wenige Schritte weiter bietet die Stendaler Polizeiinspektion Bürgersprechstunden an. Gegenüber sitzt der Mann vom Forstrevier. An den Fachwerkwänden neben den Türschildern hängt Kunst. Ein Rathaus ist eben ein Rathaus, kein Restaurant. "Der Publikumsverkehr fehlt noch ein bisschen", sagt die Galeristin über den neuen Standort. Doch Adelheid Johanna Preß ist Optimistin: Das wird.

Eines aber macht selbst ihr ein bisschen Sorge. Im Kultur- und Heimatverein fehlt der Nachwuchs. "Und wir sind ja auch alle nicht mehr die Jüngsten", sagt sie. Ein paar junge Leute im Verein, das wär's, findet die 72-Jährige. "Aber so lange wir das können, werden wir das weitermachen und haben unsere Freude daran."

Alles andere wäre auch schade für die langjährige Tradition. Im Juni wird in der "Kleinen Galerie" die 250. Ausstellung zu sehen sein.

Die aktuelle Ausstellung in der Kleinen Galerie

In der "Kleinen Galerie" in Arneburg sind aktuell Malereien und Zeichnungen des Thüringer Künstlers Klaus Freytag zu sehen. Freytag beschäftigt sich in diversen Porträts mit der Vielfältigkeit und Lebendigkeit des Lebens. Zu sehen ist die Ausstellung im Rathaus in Arneburg (Breite Straße 15) noch bis 12. Juni. Wer sich die Bilder ansehen will, kann sich während der Öffnungszeiten der Tourist-Information den Schlüssel abholen. Der Eintritt ist frei.

Blick in eine Galerie, in der in mehreren Räumen verteilt unterschiedliche Kunstwerke hängen.
Die Ausstellung der Werke von Klaus Freytag ist noch bis 12. Juni 2022 zu sehen. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

MDR (Luca Deutschländer)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 23. Mai 2022 | 07:30 Uhr

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