Aus der Dunkelheit ans Licht Taucher bergen 750 Jahre altes Schiffsteil aus dem Arendsee

Forscher haben aus dem Arendsee ein Teil eines Bootes aus dem Jahr 1265 geborgen. Der Prahm diente vermutlich im Mittelalter zum Transport von Vieh und stand im Dienst des Arendseer Klosters. MDR SACHSEN-ANHALT war beim Tauchgang dabei.

Die Queen Arendsee an ihrem Anleger.
Startpunkt für die Forscher war der Anleger der Queen Arendsee. Sollte der mittelalterliche Prahm geborgen werden, könnte der Ausflugsdampfer vielleicht nicht mehr das berühmteste Schiff des Arendsees sein. Bildrechte: MDR/Alexander Klos

Aus der Tiefe steigen sie empor – erst sind es nur Luftblasen. Dann zeichnen sich langsam Umrisse ab, menschliche und die eines Gegenstandes. Nach Jahrhunderten kommt es zurück ans Licht – ein Bauteil einer spätmittelalterlichen Konstruktion.

Sven Thomas im Taucheranzug am Arendsee.
Dr. Sven Thomas ist im Auftrag der Landesarchäologie Sachsen-Anhalt in der Altmark aktiv. Er ist nicht nur Experte für die Fundstücke, er taucht auch selbst. Bildrechte: MDR/Alexander Klos

Der Taucher hält das große Stück Holz aus dem Wasser. Kollegen befestigen ein Seil daran, ziehen es vorsichtig an einem Dreibein nach oben, um das Fundstück an Bord der schwimmenden Forschungsstation zu bringen.

35 Meter unter der Oberfläche wurde das Bauteil eines Schiffes im Arendsee entdeckt. Sporttaucher waren es in den 1990er-Jahren, die zuerst auf die Stelle stießen. Doch: Geborgen hat es nun Sven Thomas im Auftrag der Archäologie.

Es war eigentlich ein entspannter Tauchgang. Die Wassertemperatur liegt bei fünf Grad. Ab 20 Meter wird es stockdunkel. Aber wir waren ja jetzt schon einige Male unten und insofern ist das alles kein Problem mehr.

Sven Thomas Unterwasserarchäologe

Fähre vom Arendseer Kloster

160 Meter vor dem Südufer liegt er: der Prahm, das Schiff, dessen besonderes Einzelteil Sven Thomas an die Oberfläche zur weiteren Untersuchung gebracht hat. Die Fähre des Mittelalters diente wohl als Viehtransporter, ist 12,5 Meter lang und zweieinhalb Meter breit. Wahrscheinlich stand er im Dienst des Arendseer Klosters. Der Prahm könnte auch für religiöse Anlässe genutzt worden sein, vermutet der Experte im Taucheranzug.

Dieser Fund hat auf jeden Fall Seltenheitswert. Und: Er scheint die Baukünste verschiedener Epochen zu verbinden, hat Sven Thomas bereits erkennen können. So seien Elemente der Schiffsbaukunst der Wikinger zu sehen, die in Nordeuropa üblich waren. Aber auch das Handwerk im Binnenschifffahrtsbau der Hanse Mitteleuropas jener Zeit glaubt der tauchende Archäologe des Landes Sachsen-Anhalt zu erkennen.

Fundstück muss konserviert werden

Ein nasses, altes, bearbeitetes Stück Holz.
Dieses Stück Holz stammt wahrscheinlich aus dem Jahr 1265. Der Spant des mittelalterlichen Fährschiffes sagt viel über die Bauart und seine Baumeister aus. Bildrechte: MDR/Alexander Klos

"Wir haben einen Spant geborgen, der aus einem Stück besteht, was eine Besonderheit darstellt. Normalerweise sind das zwei Winkel, die aneinandergesetzt werden. Das ist massives Holz, wahrscheinlich Eichenholz", so Sven Thomas. Der Spant gehörte höchstwahrscheinlich zur Innenkonstruktion des Bootes und gewährleistete die Stabilität. "Damit können wir, denke ich, einen guten Teil des kompletten Schiffs erklären und vielleicht auch sogar rekonstruieren", so Thomas.

Das Fundstück - noch an Bord der Forschungsstation in Frischhaltefolie eingewickelt und später gefriergetrocknet - soll schnellstmöglich konserviert werden. Das soll nun in Halle an der Saale passieren. Der Prozess ist aber sehr aufwändig und garantiert nicht, dass das empfindliche Material den Konservierungsprozess auch übersteht. Jahrhundertelang war das Holz keiner Luft ausgesetzt. Und trotzdem: In diesem Zustand sind der Prahm und seine Einzelteile in Deutschland fast einzigartig und ein Zeitzeuge aus dem Jahr 1265.

Computerbildschirme am Seeufer.
Viel Technik ist bei den Tauchgängen mit dabei. Neben einem Sonar kommt auch ein Tauchroboter zum Einsatz, der unter anderem Videoaufnahmen machen kann. Bildrechte: MDR/Alexander Klos

Bedeutender Fund für Deutschland

"Das ist ein spätmittelalterliches Schiff. Von dieser Sorte gibt es in Deutschland nicht allzu viele, noch eins am Bodensee, das dort quasi ein eigenes Museum erhalten hat", erzählt Sven Thomas begeistert. Der Prahm aus dem Arendsee wäre das zweite Schiff dieser Zeit. "Wobei der Erhaltungszustand dieses Schiffes noch deutlich besser ist", so Thomas.

Ein Taucher auf einem Boot.
Abwechselnd und maximal eine Stunde waren immer zwei Taucher unter Wasser aktiv. Nicht ungefährlich: immerhin liegt das Schiff in einer Tiefe von etwa 32 bis 24 Metern an einem Hang. Bildrechte: MDR/Alexander Klos

Anderthalb Wochen auf und unter Wasser: Abwechselnd gehen die Taucher in die Tiefe, machen Fotos und bergen besondere Stücke. Doch ob das gesamte Schiff jemals wieder ans Tageslicht kommt, ist bis jetzt noch ein Gedankenspiel, sagt Thomas. "Wir wissen noch nicht genau, ob wir den Prahm tatsächlich auch bergen können. Das ist ein teures und sehr aufwändiges Unterfangen. Wenn, dann würde ich das hier auch gern am Arendsee ausstellen. Ich denke, die Gemeinde hat da auch ein großes Interesse." 

Schon jetzt ist der Aufwand enorm, den 25 Experten - von Landesarchäologen bis zu Wasserrettern - auf sich genommen haben, um ein Stück mitteldeutscher Geschichte zu bewahren.

 Eine Gruppe Männer bespricht sich im Freien.
Die morgendliche Besprechung vor jedem Forschungstag diente vor allem der Sicherheit. 25 Forscher, Retter, Techniker und Taucher waren anderthalb Wochen am, auf und im Arendsee beschäftigt. Bildrechte: MDR/Alexander Klos

Über den Autor Alexander Klos, Jahrgang 1985, ist in der Altmark zu Hause. In Stendal aufgewachsen, sammelte er international Berufs- und Lebenserfahrung in Australien und Kanada. Das Studium der Journalistik schloss er erfolgreich an der Hochschule Magdeburg-Stendal ab. Die ersten handwerklichen Schritte als Redakteur beschritt er bei der Altmark-Zeitung. Seit 2017 ist der Stendaler als Reporter für MDR SACHSEN-ANHALT im Land unterwegs.

MDR (Luise Kotulla)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 29. April 2022 | 19:00 Uhr

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