Nach Machtübernahme der Taliban Ehrenamtlicher aus Magdeburg hilft Menschen in Afghanistan

Qais Nekzai kommt aus Afghanistan und war dort einer von Tausenden, die vor Ort mit der Bundeswehr zusammenarbeiteten. Er ist Übersetzer und lebt inzwischen in Magdeburg. Zusammen mit dem "Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte" will er seinen früheren Kollegen helfen, die nach der Machtübernahme durch die Taliban in Lebensgefahr sind.

Zwei Männer im Videochat – wir sehen sie über die Bildanzeige auf einem Notebook direkt nebeneinander
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Qais Nezkai sitzt in Magdeburg vor einem Notebook, er ist schon einige Jahre nicht mehr in Afghanistan und damit nicht mehr in Gefahr. Die Menschen, mit denen er in diesen Tagen Kontakt hält, sind es dagegen mehr denn je. Nezkai hält die Verbindung zu so genannten Ortskräften in der Haupstadt Kabul. Dabei handelt es sich um Menschen, die jahrelang für die am Hindukusch stationierte Bundeswehr gearbeitet haben und nun nach der Einnahme Kabuls durch die Taliban Angst um ihr Leben und das ihrer Familien haben.

Ein junger Mann im Porträt
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Ich habe ständig Kontakt mit ihnen. Jeder ruft mich an. Manche weinen am Telefon und fragen, wie es mit uns wird. 

Qais Nekzai, ehemaliger Übersetzer aus Afghanistan, der heute in Magdeburg lebt

Diese Menschen fürchten Racheakte der radikal-islamischen neuen Machthaber. Nezkai hört ihnen zu, versucht von Deutschland aus für sie da zu sein. Er macht ihre angsterfüllten Stimmen hör- und sichtbar. Das macht er als Ehrenamtlicher des "Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte", zu dem auch frühere, in Afghanistan stationierte Bundeswehrangehörige zählen. Sie haben über Spenden ein "Safe-House" in Kabul aufgetan, einen geheim gehaltenen Aufenthaltsort, wo die ehemaligen Kollegen ausharren. Sie sollen in den kommenden Tagen nach Deutschland ausgeflogen werden, kündigte Außenminister Heiko Maas (SPD) am Sonntag an.

Früher selbst Übersetzer für die Deutschen in Afghanistan

Qais Nezkai war sechs Jahre lang selbst Übersetzer im Auftrag der Bundeswehr. Jetzt blickt er von hier auf die dramatische Lage in seiner Heimat und sagt: "Ich habe ständig Kontakt mit ihnen. Jeder ruft mich an. Manche weinen am Telefon und fragen, wie es mit uns wird. Und das alles zu hören und auszuhalten, ist wirklich schwer." Nezkai sagt, die Menschen würden in dem Versteck auf ein Signal der Bundesregierung warten, auf Rettung hoffen. Das Netzwerk hatte bereits vor Tagen kritisiert, die Evakuierungsmaßnahmen seien zu bürokratisch und würden zu lange dauern.

Ein junger Mann sitzt vor einem Notebook und führt einen Videochat.
Qais Nezkai in Magdeburg vor seinem Notebook. Er zeigt Bilder aus Afghanistan und berichtet von der unübersichtlichen Lage. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nun ging alles ganz schnell: In der Nacht zu Montag hat das deutsche Außenministerium begonnen, die in Kabul verbliebenen Staats- und Botschaftsangehörigen auszufliegen. Auch US-Maschinen sind im Einsatz. Die Bundeswehr hat ebenfalls noch in der Nacht Transportmaschinen losgeschickt. Zuvor hatten Taliban-Kämpfer erst die Provinz, dann die zentralen Städte des Landes eingenommen. In Kabul zogen sie nun in den Präsidentenpalast ein. Der afghanische Präsident ist geflohen. Die Offensive der Taliban hatte nach dem Abzug der internationalen Truppen vor wenigen Wochen begonnen.

Update vom 16. August, 17:45: Die Safe-Houses des Patentschaftsnetzwerks wurden aufgrund der Übernahme Kabuls durch die Taliban mittlerweile aufgelöst. Das hat der Vorsitzendes Vereins, Hauptmann Marcus Grotian, am Montagmittag mit.

Grotian schrieb auf Facebook: "Die Taliban sollen von Tür zu Tür gehen auf der Suche nach Ortskräften. Ich habe die Safehouses aufgelöst, die nur noch Todesfallen sind." Er kritisierte die deutschen Behörden für ihr langsames Handeln. Demnach würden sich noch rund 8.000 Ortskräften samt ihrer Familienmitglieder in der Stadt befinden. Das Team des Patentschaftsnetzwerks stehe unter Schock, so Grotian.

Eine solche Ortskraft, der ehemalige KSK-Dolmetscher Zalmai Ahmadi, der sich in einem Safe-House aufgehalten hatte, sagte der FAZ, die Ortskräfte hätten sich auf die Hilfe verlassen und seien auch deshalb nicht nach Pakistan geflohen, als dies noch möglich war.

In der Altmark: Tausende Bundeswehrangehörige durchliefen Afghanistan-Übungen

Vorbereitet wurden die deutschen Soldatinnen und Soldaten zahlreich in der Altmark. Fast 40.000 von ihnen kamen aus dem gesamten Bundesgebiet in den Norden von Sachsen-Anhalt, um für ihren Afghanistan-Einsatz zu üben. Das entspricht rund 60 Übungsdurchgängen seit 2003, wie das Landeskommando des Gefechtsübungszentrums in Gardelegen der dpa sagte. Der letzte reguläre Ausbildungsgang sei sogar erst im April beendet worden.

Seit Mai lief die Materialrückverlegung aus Afghanistan, unter anderem über das Drehkreuz Leipzig/Halle. Die letzten 20 Soldatinnen und Soldaten aus Sachsen-Anhalt sind laut Volksstimme Ende Juni zurückgekommen.

MDR/ André Berthold, Mandy Ganske-Zapf

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 16. August 2021 | 08:30 Uhr

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