Luca-App Kommentar: Wissen Politik und Verwaltung, was sie tun?

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Sachsen-Anhalt setzt auf Luca – doch nutzt die App bislang kaum. Unser Autor sieht strukturelle Probleme in den Verwaltungen und Fehler der Politik. Für ihn drängen sich grundsätzliche Fragen auf. Ein Kommentar.

Klar: 800.000 Euro dafür, dass Luca zwei Mal benutzt wird, sind viel Geld. Darüber kann man sich ärgern. Aber das ist nicht die wichtigste Frage, die wir als Zivilgesellschaft mit der Verwaltung und der Politik zusammen klären müssen. Denn ehe überhaupt über eine digitale Lösung nachgedacht werden sollte, muss die wichtige Frage – überspitzt formuliert – lauten: Wissen Politik und Verwaltungen, was sie tun?

Verstehen sie ihre Prozesse? Verstehen sie, warum die Prozesse so sind, wie sie sind und wie sie verbessert werden können? Und verstehen sie, wie das Alltagsleben funktioniert?

Ich befürchte, dass die Handelnden in Verwaltungen an vielen Stellen sich diese Fragen viel zu selten stellen.

Die Versäumnisse der Landesregierung

Am Anfang der Pandemie haben wir alle gelernt, was "exponentielles Wachstum" ist: Dass sich Infektionszahlen in immer kürzerer Zeit verdoppeln. Ist es dann nicht absehbar, dass Gesundheitsämter ab einer gewissen Schwelle ihre Arbeit nicht mehr schaffen? Egal, wie viele Bundeswehrsoldatinnen und -soldaten unterstützen?

Deswegen halte ich es für eines von zwei Versäumnissen, dass sich die Landesregierung nicht grundsätzlich gefragt hat, was eine App wie Luca wo eigentlich tun soll. Die Gesundheitsämter entlasten? Die Menschen warnen? Veranstaltern und Gaststätten helfen? Die Digitalisierung zwingt uns zuerst mehr Fragen als Antworten auf: Was ist das genaue Ziel eines digitalen Werkzeugs?

Das zweite Versäumnis: Woran misst die Landesregierung eigentlich, ob ein Werkzeug gut oder nicht gut funktioniert? Wann wird wie evaluiert, ob eine Verwaltung gut arbeitet? Wie wird dann reagiert? Schnelles Reagieren ist in Unternehmen und Familien Alltag, wirkt aber – jedenfalls von außen betrachten – in Verwaltungen (und Schulen) wie ein Fremdwort. Dabei dürfen deutsche Beamte natürlich schnell und gründlich sein.

Was wollen wir erreichen?

Was wir alle aus der Diskussion um Luca und die Kontaktnachverfolgung lernen sollten: Wir müssen uns trauen, viel häufiger viel grundsätzlicher Fragen zu stellen.

Was wollen wir erreichen? Wie verbessern wir das Leben der Menschen? Und das ist zuallererst keine Frage irgendeiner digitalen Technologie, sondern vielleicht eine der Soziologie, der Kultur, der Philosophie.

Und wenn wir auf immer mehr solcher Fragen digitale Antworten finden, wird sich eine viel größere Frage stellen: die Frage der Macht. Denn wenn unsere gesellschaftlichen Regeln und Entscheidungen in Software gegossen werden können, was müssen dann Politiker, Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in Verwaltungen eigentlich noch entscheiden und erledigen?

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Über den Autor Marcel Roth arbeitet seit 2008 als Redakteur und Reporter bei MDR SACHSEN-ANHALT. Nach seinem Abitur hat der gebürtige Magdeburger Zivildienst im Behindertenwohnheim gemacht, in Bochum studiert, in England unterrichtet und in München die Deutsche Journalistenschule absolviert. Anschließend arbeitete er für den Westdeutschen Rundfunk in Köln. Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er über Sprachassistenten und Virtual Reality, über Künstliche Intelligenz, Breitbandausbau, Fake News und IT-Angriffe. Außerdem ist er Gastgeber des MDR SACHSEN-ANHALT-Podcasts "Digital leben".

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 05. September 2021 | 12:00 Uhr

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