Vorhersagen zu vierter Corona-Welle Haseloff kritisiert Wissenschaft – hat er Recht?

Thomas Vorreyer
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Erst im "Spiegel", dann auch bei "Markus Lanz": Ministerpräsident Reiner Haseloff kritisiert wiederholt die Wissenschaft für später überholte Empfehlungen in der Corona-Pandemie. Eine angebliche Zitate-Sammlung zeigt allerdings nur einen Teil des Problems. Welche Warnungen Haseloff unterschlägt und wo er Recht hat.

Ministerpräsident Reiner Haseloff
Sieht sich in der Corona-Pandemie nicht gut beraten: Ministerpräsident Haseloff. Bildrechte: dpa

Haben Deutschlands führende Virologen und Epidemiologen die Politik in der Corona-Krise falsch beraten? Seit Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff am vergangenen Dienstagabend in der Talkshow von Markus Lanz zu Gast war, steht dieser Vorwurf im Raum.

"Man muss klar sagen", so Haseloff in der Sendung, "dass die Mediziner, die die Impfung für uns prognostiziert haben, selber davon ausgegangen sind, dass man mit einer, dann zwei Impfungen erstmal klarkommt und einen hohen Immunisierungsgrad erreicht." Dazu gehöre auch der Virologe Christian Drosten. Haseloff ergänzte, er habe sich das "alles aufgeschrieben", alle Zitate, und hält einen Zettel in die Kamera.

Zwar geht es Haseloff offenkundig um die Kommunikation rund um die Auffrischungsimpfungen, der Eindruck, der entsteht, ist dennoch umfassender und wiegt schwer. Schon der bayerische Ministerpräsident Markus Söder hatte Anfang November der Wissenschaft vorgeworfen, die vierte Welle "in ihrer Wucht und Geschwindigkeit" nicht richtig eingeschätzt zu haben. Söders Subtext: Für die verheerende Corona-Lage ist nicht die Politik allein verantwortlich.

Haseloff sagt bei Lanz nicht explizit, man sei falsch beraten worden. Das hatte er zuvor im Interview mit "Der Spiegel" bereits getan. Wissenschaftler hätten "die Wirksamkeit der Maßnahmen eindeutig falsch eingeschätzt", so der CDU-Politiker. Im Fernsehen weist er den Eindruck allerdings nicht zurück, sondern relativiert auf Nachfrage nur: Alle Seiten seien "in einem lernenden und suchenden System unterwegs" gewesen. Und trotz mehrmaliger Nachfrage von Markus Lanz liest Haseloff kein fragliches Zitat vor.

Haseloff-Zettel zeigt, wie Auffrischungsimpfungen verplant wurden

Dem MDR liegt der Zettel mit den angeblichen Zitaten nun vor. Es handelt sich um eine Chronologie zur Einführung der Auffrischungsimpfungen. Zusammengestellt hat diese die Staatskanzlei.

Die Zeitleiste beginnt mit dem 30. Juli. An diesem Tag werden in Israel solche Impfungen für Über-60-Jährige zugelassen. In der Folge weiten die Ständige Impfkommission (Stiko), die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA und die Gesundheitsministerkonferenz ihre Empfehlungen bzw. Beschlüsse zu Auffrischungsimpfungen aus, allerdings nur zögerlich und erst ab September.  

Am 13. September erscheint zudem eine Studie unter Mitwirkung der Weltgesundheitsorganisation WHO, wonach eine Auffrischungsimpfung weiterhin nur für besonders vulnerable Gruppen nötig sei. Derzeit gebe es "keine glaubwürdigen Belege dafür, dass der Schutz der Impfung vor einer schweren Erkrankung substanziell abnimmt", zitiert "Der Spiegel" die Hauptautorin der Studie, Ana-Maria Henao-Restrepo.

Erst am 17. November empfiehlt die Stiko Auffrischungsimpfungen für alle Erwachsenen in Deutschland. Für die Staatskanzlei war das ein Problem: "Viele Ärzte haben sich vorher geweigert, Booster-Impfungen überhaupt durchzuführen", schreibt man.

Im Wissenschaftlichen Bulletin der Stiko vom 29. November heißt es zudem: Neue Studien aus den USA und Israel, aber auch Zahlen zu Impfdurchbrüchen hierzulande hätten gezeigt, dass der Impfschutz mit der Zeit nachlasse.

All das hat die Staatskanzlei dem Ministerpräsidenten in Vorbereitung der Sendung zusammengetragen. Dazu ein Bericht der Tagesschau vom 19. August, in dem es heißt, der Virologe Christian Drosten gehe davon aus, dass die meisten Menschen vorerst keine Auffrischungsimpfung brauchen werden. Drosten berät Bund und Länder in der Corona-Pandemie. Ähnlich wie er äußern sich Ende August auch andere Virologen.

Heute gilt diese Ansicht als überholt. Das sieht auch die Stiko so. Rückblickend sei es "wahrscheinlich günstiger gewesen, mit dem Boostern früher anzufangen", sagte der Vorsitzende der Kommission, Thomas Mertens, dem ARD-Magazin Panorama.

So warnten RKI und andere Experten seit Sommer

Doch was der Zettel des Ministerpräsidenten nicht enthält, sind zahlreiche Warnungen, die es ebenfalls ab Sommer vor der vierten Welle gab. Sie zielen auf zwei andere Aspekte ab: der Impfung von Ungeimpften und dem Beibehalten von Schutzmaßnahmen.

So macht das RKI am 5. Juli eine düstere Rechnung öffentlich: Wenn die Impfquote der unter 18-bis 59-Jährigen bei 65 Prozent verharrt, dann drohen Deutschland zum Jahreswechsel rund 6.000 Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen. Mit Blick auf die sich "schnell ausbreitende Delta-Variante" sei es entscheidend, dass Ungeimpfte "motiviert" würden, sich impfen zu lassen.

Die Modellierung ist eigentlich optimistisch, basiert sie noch auf der Annahme, dass der Impfschutz hält. Das RKI merkt an, es sei unklar, "welche Schutzdauer die verfügbaren Impfstoffe haben und ob gegebenenfalls bereits zum Ende des Jahres die Immunität bei einem Teil der Bevölkerung nachlässt und eine Auffrischungsimpfung notwendig machen wird."

In Sachsen-Anhalt sind zu diesem Zeitpunkt nur 53 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal geimpft worden.

Am 21. Juli warnt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vor einer Inzidenz von 800 im Oktober, sollten nicht Maßnahmen ergriffen werden. Als drittes Bundesland wird Sachsen-Anhalt diese Grenze Ende November durchbrechen.

Einen Tag später, am 22. Juli, stellt das RKI eine zehnseitige Handlungsempfehlung für den kommenden Herbst und Winter zusammen. Das Institut drängt auf weitere Anstrengungen beim Impfen und – angesichts der unklaren Lage zum Impfschutz – zur sofortigen Vorbereitung von Auffrischungsimpfungen. Zudem sollen Basismaßnahmen im öffentlichen Leben bis zum Frühjahr durchgehalten werden. Schon in diesem Papier warnt das RKI auch vor einer sinkenden Impfstoff-Wirksamkeit durch die sich ausbreitende Delta-Variante. In Vorbereitung einer Beratung von Bund und Ländern stellt das RKI das Papier am 26. Juli den Chefs der Staatskanzleien vor.

Am 9. August erscheint eine Studie, in der Wissenschaftler des DIVI, des Intensivbettenregisters, den Zusammenhang zwischen Impfquote und der Auslastung von Krankenhäusern aufzeigen: "Wenige Prozentpunkte in der Impfquote haben eine erhebliche Auswirkung auf die Intensivbelegung im Herbst", schließen die Autoren. Deshalb müsse nun die Steigerung der Impfquote und eine Diskussion um die dritte Impfung von vulnerablen Gruppen im Vordergrund stehen.

Am 19. August heißt es dann aus dem RKI: "Die vierte Welle hat begonnen." In Sachsen-Anhalt haben sich bis dahin 59 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal impfen lassen.

Selbst in der WHO-Studie auf Haseloffs Zettel aus dem September findet sich der Hinweis: Die Impfung von bislang Ungeimpften sei wichtiger als Auffrischungsimpfungen, schließlich seien sie weiterhin die Haupttreiber der Virusausbreitung.

Sachsen-Anhalts Landesregierung hatte allerdings im Juli beschlossen, die Impfzentren Ende September zu schließen. Als es soweit ist, zeigt man sich zufrieden mit dem Geleisteten. Mittlerweile wurden die Einrichtungen wieder geöffnet. Seit November wirbt das Land zudem verstärkt in Zeitungen und im Radio für Impfungen.

Haseloffs Aussagen ernten Kritik

Bei "Markus Lanz" hatte Haseloff die niedrige Impfquote mit der hohen Zahl jener Menschen in Verbindung gebracht, die "die Wirkung der Impfung infrage stellen". Das, so der Ministerpräsident, sei aber "ein gesamtgesellschaftliches Problem".

Haseloffs Aussagen bei "Lanz" haben derweil ein breites Echo ausgelöst. Die Ko-Vorsitzende der Grünen in Sachsen-Anhalt, Madeleine Linke, wirft ihm vor, "die Schuld" auf die Wissenschaft zu schieben. Das zeuge "vom Unvermögen zur eigenen Verantwortung zu stehen", so Linke.

Der Virologe Christian Drosten verweist einen Tag nach der Sendung auf die dramatische Stellungnahme des RKI vom 7. Juli. "Müsste eigentlich jeder Entscheider kennen", twittert Drosten.

Sachsen-Anhalts Wissenschaftsminister Armin Willingmann (SPD) verteidigte Haseloff am Dienstag. Es sei dem Ministerpräsidenten sicherlich nicht um eine Fundamentalkritik an der Wissenschaft gegangen, so Willingmann. Es sei unerlässlich, "wissenschaftliche Erkenntnisse in den Entscheidungsprozess einfließen zu lassen", die Verantwortung trage aber die Politik.

Gesundheitsministerin Petra Grimm-Benne (ebenfalls SPD) sprach von einem "immer wieder lernenden Prozess", der auch der Politik schwerfalle. Sie sei sich sicher, dass es zukünftig noch weitere Auffrischungsimpfungen brauche. Beide verwiesen darauf, dass sich der Wissensstand in der Pandemie fortwährend weiterentwickelt habe.

Wer die Landesregierung aus Sachsen-Anhalt berät

In der Corona-Pandemie greift die Landesregierung neben den Informationen von RKI und Stiko sowie den Bund-Länder-Beratungen auch auf lokale Expertisen zurück. So lässt man sich von vier Professoren beraten: den beiden Ärztlichen Direktoren der Unikliniken, Hans-Jochen Heinze (Magdeburg) und Thomas Moesta (Halle), dem Chef der Ärztekammer, Uwe Ebmeyer, sowie von Achim Kaasch.

Kaasch leitet das Institut für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene am Uniklinikum Magdeburg. Mitte November drängte er auf eine schnelle, flächendeckende Einführung von 2G. Eine solche verpflichtende Regelung hat die Landesregierung seit 23. November schrittweise eingeführt. Vorher war sie freiwillig.

Der Anteil der mindestens Einmal-Geimpften an der Bevölkerung beträgt mittlerweile 67,8 Prozent. Im bundesweiten Vergleich liegt man damit weiterhin auf einem der letzten Plätze.

MDR (Thomas Vorreyer)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 07. Dezember 2021 | 17:00 Uhr

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