Klimaschutz "Fridays for Future" in der Corona-Pandemie: Der harte Kern

Daniel George
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Viele Ortsgruppen der Klimabewegung haben sich im vergangenen Jahr aufgelöst. Doch auch in Sachsen-Anhalt kämpfen Aktivisten und Aktivistinnen von "Fridays for Future" noch für den Klimaschutz – trotz steigendem Frust und immer wiederkehrendem Hass.

Fridays for Future
Eine "Fridays-for-Future"-Demo in Halle während der Corona-Pandemie Bildrechte: MDR/Max Schörm/privat

Früher war mehr los. 2019 gingen zum globalen Klimastreik von "Fridays for Future" in Halle mehr als 4.000 Menschen auf die Straße. Gleicher Anlass am vergangenen Freitag, andere Zahl: 700 Demonstrierende. Schlechtes Wetter. Corona-Pandemie. Auch hinter der Klimabewegung liegen harte Monate.

"Es gibt viele Leute, die sagen, dass unser Protest kleiner geworden ist. Und das stimmt auch, wenn man auf die Zahlen schaut", sagt Ole Horn von "Fridays for Future" aus Halle. Aber: "Das ist nicht das, wo wir hinschauen sollten. Es geht nicht darum, unsere Bewegung am Leben zu halten, sondern darum, sich mit dem Klimawandel auseinanderzusetzen."

Seine Mitstreiterin Paula Wenzel aus Halle, ebenfalls seit Beginn von "Fridays for Future" dabei, stimmt ihm zu: "Es ist halt echt beängstigend, dass wir Jugendliche, deren Hauptjob es sein sollte, in die Schule zu gehen, uns trotz einer Pandemie gezwungen fühlen, auf die Straße zu gehen, weil die Politik nichts macht. Wir wären alle lieber zuhause und würden uns nicht dem Risiko aussetzen, aber wir müssen es trotzdem tun. Das ist einfach nur traurig."

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Mi 24.03.2021 18:00Uhr 01:05 min

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Kaum Demos, kaum Treffen, andere Probleme

Seit etwas mehr als zwei Jahren gibt es "Fridays for Future" nun bereits in Deutschland. Im ersten Jahr gründeten sich überall neue Ortsgruppen, viele auch in Sachsen-Anhalt. Andauernd berichteten die Medien. Die Euphorie war groß. Doch dann kam Corona und die Pandemie bedeutete: kaum Demos, kaum Treffen, andere Probleme.

"Am Anfang war das ganz schön krass", sagt Paula Wenzel, 16 Jahre alt. Sie gibt zu: "Das hat uns ganz schön getroffen." Die Schüler und Schülerinnen mussten sich an das Homeschooling gewöhnen. Die Teilnehmerzahl bei Demonstrationen ist begrenzt. Viele wollen sich dem – trotz Hygienekonzept bestehenden – Infektionsrisiko nicht aussetzen.

Und: "Ein weiterer Faktor ist, dass viele Leute einfach unfassbar frustriert sind", sagt Ole Horn. "1,4 Millionen Menschen sind am 20. September 2019 in ganz Deutschland auf die Straße gegangen und haben gesagt: 'Wir wollen nicht, dass die Politik so weiterarbeitet. Wir wollen Klimaschutz sehen.' Das ist über ein Jahr her. Passiert ist nichts."

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Ja, Deutschland habe seine Klimaziele – auch aufgrund der Lockdowns – erreicht, aber: "Wenn ich mir ganz kleine Ziele setze, dann erreiche ich die natürlich auch", relativiert der 20-Jährige. "Um das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens zu erreichen, ist das einfach viel zu wenig, was Deutschland macht."

Paula Wenzel sagt: "Den Leuten fehlt inzwischen ein bisschen die Kraft. Was verständlich ist, wenn kein Handeln der Politik folgt – obwohl wir noch immer da sind und viele sind und laut sind. Da fragen die Leute sich: 'Wieso hört denn keiner auf mich?' Die Kraft und Motivation ist runtergegangen."

"Fridays for Future" im Osten: An den Hass gewöhnt

Der harte Kern von "Fridays for Future" ist aber noch immer da. So wie Jonas Venediger. Er ist sowieso immer da. Und das an einem Ort, an dem jemand mit seinen Vorstellungen eigentlich gar nicht sein will: Bitterfeld. AfD-Hochburg. Nicht gerade für Klimaschutz bekannt. Oder wie der 17-Jährige sagt: "Kein gutes Pflaster, um Aktivismus zu machen."

Trotzdem steht Jonas Venediger für den Klimaschutz ein. Regelmäßig wird er dafür bepöbelt und bedroht, im Internet und bei Demonstrationen. "Daran haben wir uns schon gewöhnt", sagt der Schüler, "und das ist eigentlich auch schon bezeichnend für unsere Situation."

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Jonas Venediger sagt: "Aktivisten und Aktivistinnen im Osten haben sich daran gewöhnt, dass ihnen Hass entgegengebracht wird. Wir halten das hier aus. Aber es gibt auch Leute, die das psychisch nicht hinkriegen, ständig beleidigt zu werden. Wir waren früher drei Delegierte, aber eine hat gesagt, dass ihr das zu toxisch ist."

Wie es ihm gelingt, dem Hass standzuhalten? "Ich weiß, dass die anderen Unrecht haben. Ich weiß, dass Leute zu mir halten. Und ich habe einen sicheren Freundeskreis. Dadurch berührt mich das nicht wirklich."

"Viele Ortsgruppen sind einfach ausgestorben"

In Bitterfeld ist "Fridays for Future" eine Bewegung von wenigen Einzelkämpfern. Anders als beispielsweise in Magdeburg oder Halle, wo die Klimabewegungs-Szenen größer sind. Die Ortsgruppe von Jonas Venediger zählt zwei Delegierte, die sich um die Organisation kümmern. Einer davon ist er selbst. Plus zehn regelmäßige Mitstreiter und Mitstreiterinnen. "Bitterfeld gibt einfach nicht so viel her", sagt Venediger – und engagiert sich deshalb auch landes- und bundesweit.

Kürzlich schrieb der Schüler aus Bitterfeld deutschlandweit Schlagzeilen: Ein taz-Artikel über ihn und sein Engagement ging viral. Überschrift: "Jonas gibt nicht auf". Was folgte: Solidaritätsbekundungen aus ganz Deutschland. Unter anderen von Luisa Neubauer, einem der bekanntesten Gesichter von "Fridays for Future" in Deutschland. Wenn die Pandemie es wieder zulässt, wollen zahlreiche Ortsgruppen für eine große Demonstration nach Bitterfeld reisen.

Das sind die Ziele von "Fridays for Future"

"Fridays For Future" fordert seit 2019 die Einhaltung der Ziele des Pariser Klima-Abkommens und des 1,5-Grad-Ziels.

Die Forderungen für Deutschland:

  • Nettonull 2035 erreichen
  • Kohleausstieg bis 2030
  • 100 Prozent erneuerbare Energieversorgung bis 2035


Entscheidend für die Einhaltung des 1,5-Grad--Ziels sei es, die Treibhausgasemissionen so schnell wie möglich stark zu reduzieren.

Das wäre dann ein bisschen Ersatz für die Aktionen, die durch Corona ausgefallen sind. Denn bis auf eine Demo im Zuge der Black-Lives-Matter-Bewegung konnte nichts stattfinden. "Wir hatten eine Großdemo mit Demonstrierenden aus ganz Deutschland und ein Benefizkonzert geplant, um Blühflächen zu schaffen, die dem Insektensterben entgegenwirken", erzählt Jonas Venediger. "Das mussten wir leider absagen."

Venediger sagt: "Viele Ortsgruppen sind während der Corona-Pandemie einfach ausgestorben. Aber wir zwei Delegierte sind hier in Bitterfeld weiterhin motiviert. Sonst würde die Ortsgruppe wohl auch nicht überleben."

"Deshalb müssen wir kämpfen"

In Wernigerode geht es langsam wieder bergauf. "Als die Corona-Pandemie vor einem Jahr losging, war Fridays for Future hier kaum noch ein Thema. Auch bei mir nicht. Da gab es erstmal andere Sachen, zum Beispiel den Umstieg auf Homeschooling", erzählt der dortige Delegierte Antonius Richter. Beim globalen Klimastreik am vergangenen Freitag demonstrieren allerdings bereits wieder 100 Menschen. Deshalb sagt der 17-Jährige auch: "Ich sehe keine Nachwuchsprobleme. Ich glaube nicht, dass Fridays for Future in fünf Jahren nicht mehr existieren wird. So lange es einen harten Kern gibt, der andere motiviert, geht es immer weiter."

Auch Richter legt den Fokus weg von der Bewegung, hin zum Klimaschutz, denn: "Das Thema hat während der Corona-Pandemie stark gelitten. Es ist klar, dass sich die Aufmerksamkeit vor allem auf Corona richtet. Corona sitzt uns allen direkt vor dem Auge. Der Klimawandel ist gefühlt weit weg. Darüber lassen sich gerade keine Schlagzeilen machen. Ich würde auch keine Zeitung aufschlagen, die titelt: 'In 50 Jahren haben wir 500.000 Hungertote in Afrika'. Corona ist aber direkt da."

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Mi 24.03.2021 18:00Uhr 01:17 min

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Dabei sei der Klimawandel ein drängendes Thema. "Die aktuellen politischen Verantwortungsträger nehmen das unserer Meinung nach aber nicht ernst genug. Und deshalb ist es unsere ethische Pflicht, darauf aufmerksam zu machen", sagt Antonius Richter. "Wenn wir nur noch wenig über den Klimaschutz sprechen, passiert genau: nichts. Und nichts sollte nun gerade nicht passieren. Natürlich wird es nicht passieren, dass wir in einhundert Jahren eine Hungersnot in Deutschland haben. Die größten Leidtragenden des Klimawandels befinden sich in den postkolonialen Ländern in Afrika, Südamerika oder Asien, die unter Dürren oder Überschwemmungen leiden müssen."

Der Schüler sagt: "Klima ist eindeutig eine Fluchtursache. Und am Ende wird man sich hier vielleicht fragen, wie das passieren konnte, dass plötzlich fünf Millionen Menschen vor den Grenzen Deutschlands stehen. Das ist der Grund, warum wir gegen den Klimawandel kämpfen müssen. Damit Menschen auch noch in einhundert Jahren in ihrem Land leben können, weil es das Klima hergibt. Deshalb dürfen wir den Klimaschutz nicht vergessen – für die Welt, für die dritte Welt, für die Länder, die Westeuropa seit 300 Jahren kontinuierlich ausbeutet."

Corona-Pandemie: Lehren für den Klimaschutz?

Zum Wohle des großen Ganzen verzichten – hört sich nach dem erstrebenswerten Verhalten während der Corona-Pandemie an. Kann die Gesellschaft aus der Krise also etwas lernen für den Klimaschutz? "Zum einen ist es schön, wenn man vielleicht das Fazit ziehen kann, dass viele Leute auf etwas verzichten können", sagt Jonas Venediger aus Bitterfeld, aber: "Es ist ein kleiner Mythos, dass es viel wichtiger ist, dass der einzelne Mensch etwas gegen den Klimawandel unternimmt."

Venediger sagt: "Wir wollen den Klimawandel gar nicht auf den einzelnen Menschen übertragen. Die Politik muss etwas tun. Darauf muss der Fokus liegen. Die Regierung muss es schaffen, sich um zwei Probleme gleichzeitig zu kümmern, Corona und den Klimawandel. Und wenn sie das nicht kann, ist es vielleicht keine gute Regierung."

Antonius Richter aus Wernigerode ergänzt: "Unser Ansinnen von Fridays for Future ist nicht, die Menschen zum Verzicht zu bringen. Wir sind nicht die Auto-Hasser, die sagen: 'Fahrt alle Fahrrad und näht eure Klamotten selbst!' Es geht vor allem darum, dass große Konzerne in ihrem umweltschädlichen Treiben gestoppt werden."

Und dazu müssen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen von der Politik gehört werden – seit jeher eine der großen Forderungen von "Fridays for Future". Während der Corona-Pandemie wurde diese Verbindung so offensichtlich wie kaum zuvor. "Das kann einen positiven Effekt haben", sagt Ole Horn aus Halle. Nur: "Bislang sehe ich den nicht. Auch bei der Entscheidung über Corona-Maßnahmen wird langfristig ja nicht wirklich vollendes auf die Experten gehört."

Trotzdem: "Die Pandemie werden wir wieder los. Das ist machbar. Das schaffen wir", sagt Paula Wenzel aus Halle. "Aber beim Klimawandel ist gerade wenig Hoffnung da, weil es wenig politische Akteure gibt, die gerade dafür kämpfen, dass wir auch in ein paar Jahrzehnten auf einem lebenswerten Planeten leben können. Dabei wird uns der Klimawandel im Endeffekt viel, viel, viel mehr betreffen als die Corona-Pandemie."

Daniel George
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Über den Autor Daniel George wurde 1992 in Magdeburg geboren. Nach dem Studium Journalistik und Medienmanagement zog es ihn erst nach Dessau und später nach Halle. Dort arbeitete er für die Mitteldeutsche Zeitung.

Vom Internet und den neuen Möglichkeiten darin ist er fasziniert. Deshalb zog es ihn im April 2017 zurück in seine Heimatstadt. Bei MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet er seitdem als Sport-, Social-Media- und Politik-Redakteur arbeitet, immer auf der Suche nach guten Geschichten, immer im Austausch mit unseren Nutzern.

MDR, Daniel George

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 19. März 2021 | 19:00 Uhr

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