Azubimangel Handwerk in Sachsen-Anhalt kämpft um Abiturienten

Während Sachsen-Anhalts Abiturienten immer besser werden, bleiben gleichzeitig immer mehr Lehrstellen offen – auch, weil es viele Absolventen an die Hochschulen und Universitäten zieht. Das Handwerk will daher nun verstärkt um junge Menschen mit Hochschulreife werben.

Schreiner Omar Ceesay arbeitet in einer Schreinerei an einer Kreissäge
Weil in Sachsen-Anhalt viele Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben, wollen die Handwerksbetriebe verstärkt um Abiturientinnen und Abiturienten werben. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Sachsen-Anhalts Abiturientinnen und Abiturienten werden immer besser. Nach Angaben des Bildungsministeriums lag die Durchschnittsnote aller Absolventen in diesem Jahr bei 2,22 und war damit so gut wie noch nie. Im Jahr 2012 lag die Durchschnittsnote noch bei 2,42.

Der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die die Schule mit Abitur verlassen, bleibt dagegen relativ konstant: Von den 17.181 Schülern, die 2021 die Schule beendeten, erreichten 5.007 die Hochschulreife sowie 525 die Fachhochschulreife. Das entspricht einem Anteil von 29,3 Prozent der Absolventinnen und Absolventen, die mindestens die Fachhochschulreife erreichten. Zum Vergleich: Im Jahr 2012 waren es 30,9 Prozent. Damals erreichten von 14.400 Schülerinnen und Schülern, die die Schule beendeten, 4.079 das Abitur und 369 die Fachhochschulreife.

Schüler lernen selbständiger

Moritz Eichelmann, Vorsitzender des Landesschülerrates Sachsen-Anhalt und selbst Schüler am Merseburger Domgymnasium, führt die Entwicklung vor allem auf bessere Lernmöglichkeiten zurück. "Die Schule wird nicht leichter", sagt der 17-Jährige, "aber Schülerinnen und Schüler können heute etwa durch Online-Plattformen viel selbstständiger lernen und an ihren Defiziten arbeiten, als es früher der Fall war."

Moritz Eichelmann, Vorsitzender des Landeschülerrates Sachsen-Anhalt, lehnt in einem Klassenzimmer an einem Tisch.
Moritz Eichelmann ist Vorsitzender des Landeschülerrates Sachsen-Anhalt. Bildrechte: privat

Auch habe es in den vergangenen zwei Jahren keinen "Corona-Bonus", etwa durch leichtere Prüfungen, gegeben. Allerdings gab es in diesem Jahr bereits frühzeitig Hinweise zu den Schwerpunkten der schriftlichen Prüfungen sowie jeweils 30 Minuten zusätzliche Bearbeitungszeit für jedes schriftliche Abiturfach. "Dadurch konnten sich die Abiturientinnen und Abiturienten besser auf die Prüfungen vorbereiten", sagt Eichelmann.

Handwerk wirbt um Abiturienten

"Wir merken, dass von Jahr zu Jahr mehr Lehrstellen offen bleiben. Derzeit haben wir bei uns mehr als 150 freie Ausbildungsplätze in der Lehrstellenbörse, dabei melden nicht einmal alle Handwerksbetriebe ihre Lehrstellen", sagt Kevin Kaiser, Geschäftsführer Bildung bei der Handwerkskammer Magdeburg.

Angesichts dieses Fachkräftemangels will das Handwerk im Land verstärkt junge Menschen mit Fachhochschul- oder Hochschulreife gewinnen. Die Durchschnittsnoten der Absolventinnen und Absolventen seien dabei im Gegensatz zu vielen Unversitäten bei den Handwerksbetrieben nicht entscheidend, erklärt Kevin Kaiser: "Für die Betriebe ist es weniger wichtig, ob jemand eine 2 oder eine 3 in Mathe hat. Entscheidend ist, dass sie interessierte und motivierte junge Leute finden, die ein Interesse an dem Beruf haben."

An Gymnasien Berufsorientierung für Handwerksberufe durchzuführen sei aber oftmals nicht einfach. "Für Eltern, Schulleitung und Schüler liegt der Fokus dort meist auf den Universitäten und Hochschulen", so Kaiser. "Nichtsdestotrotz merken wir, dass sich die Tür immer weiter öffnet." Auch eine Ausbildung im Handwerk könne eine gute Grundlage für die Zukunft sein.

Für die Betriebe ist es weniger wichtig, ob jemand eine 2 oder eine 3 in Mathe hat. Entscheidend ist, dass sie interessierte und motivierte junge Leute finden, die ein Interesse an dem Beruf haben.

Kevin Kaiser, Handwerkskammer Magdeburg

Moritz Eichelmann vom Landesschülerrat empfindet die bisherige Form der Berufsorientierung in den Schulen allerdings nur als bedingt hilfreich: "Ich persönlich habe das zwar immer als sehr nützlich und interessant, aber auch als sehr festgefahren erlebt. Das war nicht viel anders als der klassische Frontalunterricht." Statt der wenigen großen Berufsmessen in den Ballungsräumen sollte es mehr regionale Angebote vor Ort geben, etwa in Gemeindehallen oder direkt in den Schulen, bei denen sich auch Handwerksbetriebe präsentieren könnten, sagt Eichelmann.

Außerdem bräuchte es Initiativen des Handwerks, die über das Klagen über fehlende Azubis hinausgehen, fordert der Vorsitzende des Landesschülerrates. "Fangt an, euch Gedanken zu machen, geht auf die Schulen und Schüler zu, macht kreative Ausbildungsangebote und sprecht auch über eine ordentliche Finanzierung des Ganzen", so Eichelmann mit Blick auf die Handwerksbetriebe.

Abiturienten können Ausbildungszeit verkürzen

Für Abiturienten gebe es die Möglichkeit, die Ausbildungszeit zu verkürzen oder einen Teil der Meisterausbildung bereits während der Lehre zu absolvieren, sagt Kevin Kaiser von der Handwerkskammer Magdeburg.

Erste Erfolge der Bemühungen sind bereits sichtbar. So verzeichnen die Handwerksbetriebe einen leicht steigenden Anteil an Auszubildenden mit Abitur. Im Jahr 2021 hätten immerhin rund elf Prozent aller Azubis im Bezirk der Handwerkskammer Magdeburg Abitur gehabt. Fünf Jahre zuvor seien es nur neun Prozent gewesen, sagt Kevin Kaiser.

Damit dieser Trend anhält, wünscht sich die Handwerkskammer Magdeburg Unterstützung aus der Politik. So solle die vom Land gezahlte Praktikumsprämie, bei der Schülerinnen und Schüler für ein freiwilliges Praktikum in einem Handwerksbetrieb 120 Euro pro Woche bekommen, längerfristig fortgesetzt werden – auch, um künftig noch mehr Abiturientinnen und Abiturienten von einer Ausbildung zu überzeugen.

MDR (Lucas Riemer)

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