Eine Stadt vor dem Verfall Mansfeld – "Boulevard des Leerstands"

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Auch bei den jüngsten Landtagswahlen wurde einmal mehr deutlich, dass in Sachsen-Anhalt die Regionen zunehmend auseinanderklaffen. Zwischen dem Bördekreis und dem Landkreis Mansfeld-Südharz gibt es inzwischen erhebliche Unterschiede. Beispielhaft zeigt sich das in Mansfeld, einer Stadt, die der Region ihren Namen gab. Uli Wittstock war vor Ort, um sich ein Bild von den Verhältnissen zu machen. Hier Teil zwei seiner Reihe.

Stellen wir das Positive nach vorn: Will man im Stadtzentrum von Mansfeld parken, zum Beispiel vor dem Rathaus, dann hat man keine Parkplatzprobleme. Selbst in der Woche erscheint die Lutherstraße von einer Art Sonntagsruhe befallen zu sein. Den Grund ahnt man schnell, wenn man vom Rathaus in Richtung des Museums "Luthers Elternhaus" läuft, denn man ist auf einem Boulevard des Leerstands unterwegs. Ein geschlossener Einkaufsmarkt, zwei geschlossene Gaststätten, eine geschlossene Apotheke, mehrere leerstehende Verwaltungsbauten, eine stillgelegte Schule und mehrere Wohnhäuser ohne Bewohner. Es macht den Eindruck, als würde Mansfelds Zentrum noch immer im Lockdown verharren, allerdings dauert dieser Lockdown schon mehr als zehn Jahren an.

Gelegentlich Touristen

Luthertouristen, die es ja immer wieder mal gibt, reagieren schon seit Jahren verwundert, wenn sie nach den Spuren des Reformators in der Stadt suchen, als hätte sie das Navi in ein falsches Mansfeld geführt. Aber wenigstens ist die Touristinformation geöffnet. Sucht man jedoch nach einem Hotel in Mansfeld, dann verweist das Internet auf ein Hotel "Graf von Mansfeld" – das allerdings findet sich in Eisleben.

Immerhin entstand zum Reformationsjubiläum ein Museum, denn einst verbrachte Martin Luther hier seine Kindheit. Er lernte hier Lesen, Schreiben, Rechnen, Singen und war Ministrant in der Sankt Georg Kirche. Seinerzeit war das eine reiche Region, wegen der zahlreichen Kupfer- und Silberhütten, das Schloss der Fürsten von Mansfeld reckt sich majestätisch über die Stadt.

Die von Mansfeld sind längst ausgestorben und inzwischen regiert in der Stadt Andreas Koch, ein Zurückgekehrter, wie er erzählt. Denn von seinem Abiturjahrgang 1996 sei kaum noch jemand in der Region. "Sicherlich versuchen wir, attraktiv zu sein, damit auch Leute wieder zurückkehren. Aber das ist natürlich ein Problem. Die sind alle Anfang oder Mitte 40, die stehen fest im Beruf, haben sich vielleicht schon ein Haus gebaut. Von denen wird kaum noch jemand zurückkommen. Das muss man ganz klar sagen. Wir müssen aber auch unsere eigenen Hausaufgaben machen und selbst attraktiv genug sein", so Koch. Als Nachlassverwalter einer sterbenden Region sieht sich der Bürgermeister jedenfalls nicht.

Das Problem Ortsumfahrung

Mansfeld wird der Länge nach von der B86 durchbohrt, eine wichtige Verbindung aus dem Thüringischen in Richtung Norden. Wer ins Stadtzentrum will, fährt auf dieser Straße in einer langen Schleife durch die Stadt und fühlt sich zwischenzeitlich in die Nachkriegszeit versetzt. Doch nicht Panzer, sondern der Schwerlastverkehr sind die Ursache des Verfalls.

Schon ziemlich rasch nach der Wende gab es die Forderung, eine Umgehungsstraße zu bauen. Da war der heutige Bürgermeister Andreas Koch noch in der Grundschule. Inzwischen ist er der Rathauschef – und das Problem besteht immer noch. Immerhin hat es Mansfeld geschafft, im Bundesverkehrswegeplan in den sogenannten erweiterten Bedarf aufgenommen worden zu sein.

Koch sagt: "Demnächst soll mit der Planung angefangen werden. Aber wenn ich mir die Umsetzung ansehe, dann heißt es, 2038 könnte es so weit sein. Also knapp 50 Jahre liegen zwischen der Idee und ihrer Umsetzung. Die Menschen, die das als erste gefordert haben, werden das vielleicht gar nicht mehr erleben. Und wer soll dort wohnen, wenn im Haus die Gläser wackeln, weil ständig Lkw vorbeifahren? Es ist deshalb kein Wunder, dass es hier etliche Ruinen gibt."

Das Gefühl, abgehängt zu sein

In Mansfeld zeigen sich die Probleme der Region wie in einem Brennglas. Denn nach dem Ende des Kupferbergbaus ist es nicht gelungen, die Region für neue Industrien interessant zu machen und vor allem für hochwertige Arbeitsplätze, die ein solides Einkommen ermöglichen. Nach einer aktuellen Erhebung des statistischen Landesamtes in Halle gibt es derzeit in Sachsen-Anhalt 117 Einkommensmillionäre, also Menschen, die im Jahr mehr als eine Million Euro verdienen.

Im Landkreis Mansfeld Südharz lebt jedoch kein einziger dieser Hochverdiener. Das merkt auch Bürgermeister Andreas Koch. Derzeit nimmt er weniger als eine Million Euro Gewerbesteuer ein, von einer selbsttragenden Wirtschaft sei der gesamte Landkreis sehr weit entfernt.

Geld für die Pflichtaufgaben fehlt

Inzwischen versammeln sich alljährlich die Bürgermeister der Region zu einem politischen Aschermittwoch, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen, doch bislang mit wenig Erfolg: "Das Grundgesetz und auch die aktuelle Rechtssprechung legen fest, dass wir so auszustatten sind, um wenigstens unsere Pflichtaufgaben wahrnehmen zu können. Und das ist derzeit einfach nicht der Fall. Das liegt sicherlich daran, dass wir immer hören, eine strukturschwache Region zu sein. Aber genau das muss berücksichtigt werden. Es gibt Regionen, die wirtschaftlich wesentlich stärker sind und damit natürlich auch mehr Einnahmen haben. Und es gibt Regionen, die wesentlich schwächer sind, wie unser Landkreis. Die kann man doch nicht alle mit der Gießkanne fördern." 

Vergleichsweise reiche Landkreise wie der Saalekreis oder der Bördekreis zeigen aber bislang wenig Interesse, zu Gunsten der armen Schwestern und Brüder im Süden zu verzichten.

Stärkung des ländlichen Raums – aber wie?

Fragt man die Parteien im Magdeburger Landtag, was man von der Stärkung des ländlichen Raumes halte, so wird von allen Seiten die Notwendigkeit einer solchen Maßnahme betont. Umso erstaunlicher ist es, dass dann, wenn es um die Praxis geht, sehr schnell auf die schwierige Haushaltslage des Landes verwiesen wird. Diese Reaktion kennt man in Mansfeld seit drei Jahrzehnten. Andererseits: Als es um die Unterbringung von Flüchtlingen ging oder um die Eindämmung von Covid 19 mangelte es nicht am Geld.

Aus dieser Erfahrung heraus fühlt sich so mancher in der Region inzwischen als "abgehängt". Das bestätigt auch Bürgermeister Andreas Koch: "Ich hatte in den vergangenen Jahren nicht diesen Eindruck, dass Magdeburg hingehört hat. Wenn wir hier etwas kritisiert haben, gab es da nie wirklich eine Rückkopplung. Ich hoffe aber, man wird jetzt wach. Auch nach der Landtagswahl, als man Bedenken hatte wegen bestimmter radikaler Parteien. Jetzt muss man fragen:  Also wo liegen denn die Gründe dafür? Wo sind die Wurzeln? Wo ist die Unzufriedenheit, wo muss ich anpacken? Weitere Passivität aus Magdeburg, das funktioniert so nicht mehr."

Bei der Umgehungsstraße für Mansfeld hat allerdings auch die Landesregierung nur begrenzte Möglichkeiten, denn über den Bau wird im Bundesverkehrswegeplan entschieden. Vielleicht sollte man nach Jahrzehnten katholischer bayerischer Dominanz im Bundesverkehrsministerium mal einen evangelischen Sachsen-Anhalter zum Verkehrsminister berufen? Dann klappt es auch mit der Ortsumgehung Mansfeld.

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Über den Autor Geboren ist Uli Wittstock 1962 in Lutherstadt Wittenberg, aufgewachsen in Magdeburg. Nach dem Abitur hat er einen dreijährigen Ausflug ins Herz des Proletariats unternommen: Arbeit als Stahlschmelzer im VEB Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann. Anschließend studierte er evangelische Theologie. Nach der Wende hat er sich dem Journalismus zugewendet und ist seit 1992 beim MDR. Er schreibt regelmäßig Kolumnen und kommentiert die politische Entwicklung in Sachsen-Anhalt.

MDR/Uli Wittstock, Anne Gehn-Zeller

Dieses Thema im Programm: MDR S-ANHALT | 20. Juni 2021 | 19:00 Uhr

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